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und Not mit seinem Schiff über den Ozean fuhr und auf der Kommandobrücke stand, während die Segel in Fetzen rissen und das Schiff sich auf die Seite legte, da quollen die alten trauten Lieder durch sein Herz und trösteten ihn, wie eine Mutter ihr Kind tröstet, und er wußte sich in des treuesten Vaters Hand mitten in der finsteren Nacht. Und in langen schlaflosen Nächten, in denen ich selber vor Jahren liegen mußte, haben die herrlichen Verse aus dem Gesangbuch mir wie ein Harfenlied im höheren Chor Sorgen und Bangen verscheucht und eine tiefe heilige Stille durch die bösesten Stun⸗ den gebreitet. Das war die Arbeit des treuen Lehrers, der uns diese Lieder ins Herz geprägt hat, einen Schatz, ohne den ich nicht leben möchte!

Und wie konnte er erzählen! Eine Stunde ist mir unvergessen geblieben. Er erzählte die Geschichte von Gethsemane. Als er schil⸗ derte, wie der Herr zu seinen Jüngern kam,könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen? da bebte seine Stimme, und in seinen Augen lag ein tiefes Schimmern, wie von einem unendlichen Leid. Da ver⸗ schwand die fröhliche bunte Welt vor meinem Auge. Ich sah nicht mehr nach dem Fenster, an dem der blühende Hollunderstrauch stand und seinen süßen Duft durch die Schul⸗ 8 fluten ließ, ich sah nur den dunkeln

elgarten im fernen Jerusalem und den Schönsten aller Menschenkinder, verlassen von den Letzten, die ihm lieb waren, mutter⸗ seelenallein, auf sein Angesicht niederge funken und mit einem qualvollen Herzen zu dem Vater emporschreiend,nicht wie ich will, sondern wie du willst! Als ich später einmal das gewaltige Bild von Albrecht Dürer sah, Jesus auf dem Angesicht lie⸗ gend, den Leib in furchtbarstem Weh an den Boden gekrampft, stieg die Erinnerung an jene Stunde in der einfachen Dorfschule wieder in mir auf. Dort habe ich des Hei⸗ lands tiefstes Weh,der Menschheit ganzen Jammer in der Seele des Gottessohnes, mit der Kindesseele zu ahnen vermocht.

Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben! Sie haben die Brünnlein erschlossen, die in der Gottes⸗ stadt springen. Und die Schule ward ein Gottesgarten, durch den wir gegangen sind mit beglückter Seele!

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen. (Fortsetzung.)

Da Landau, diese alte berühmte Festung, nur zwey Stunden von hier entfernt ist, so hatte ich große Lust, an den andern Tag eine Promenade dahin zu machen, allein, meine Reisegefährten stimmten nicht zu, und so mußte ich ihr entsagen. Was mir hier auffiel, war, daß man nach dem Mittag-

Essen, wenn man jemand grüßte, nicht wie bey unsguten Tag sondernguten Abend sagte, und so am frühen Morgen guten Tag, und dies ist in der ganzen Pfalz ziemlich allgemein. Da es gerade heut; Samstag war, und unsre Füße durch das viele Gehen etwas gelitten, so beschlossen

wir, diesen Tag zum Ausruhen anzuwenden. In den Weinbergen wurde indessen nicht

gefeyert, das Getümmel von den Winzerh und den Traubenkarren waren eben so groß, wie Tags vorher. Der schöne heitre Morgen lockte uns auch bald ins Freye. Wir ver⸗ folgten einen Weg, der sich zwischen Wein⸗ bergen hinschlängelte und kamen so durch ohngefähr an einem schönen Dorf, nahmens Rhodt, welches eine Viertelstunde von Edi koben liegt. Wir nahmen daselbst ein Früh⸗ stück ein, und erfuhren, daß das dasige Gewächs schon besser und theurer ist wie in Edikoben. Bey unserer Zurückkunft sagte man uns, daß in Neustadt an der Hardt heute große Festlichkeiten seyen, indem der Herbstball gefeyert würde, diese Nachricht bestimmte uns eiligst aufzubrechen und unser Hauptquartier in das 4 Stunden entfernte Neustadt zu verlegen. Der Weg war einer der angenehmsten, den man sich denken konnte. Steets am Fuß des Gebürges, zwischen Rebenland, führte er uns hin. Die Arme durfte man nur ausstrecken, um sich an den köstlichen Trauben zu laben, welche in Men⸗ gen am Wege hingen. Wie glücklich ist doch diese herrliche Gegend, dachte ich, und welche große Vorzüge hat nicht die Natur ihr gegen unser Kornland gegeben, aber in der Folge erfuhr ich, daß ich Unrecht gehabt, die Weingegend glücklicher zu preisen als unser Fruchtland. Im allgemeinen ist der reichere Gutsbesitzer blos derjenige, der sich glücklich fühlt im Weinland. Kommt ein gutes Jahr, so kann er seine Weine aufheben, und wenn sie gealtert, mit gutem Nutzen absetzen, hingegen der wenig bemittelte selbge gleich verkaufen muß. Schlägt nun gar die Wein⸗ lese fehl, so hat der Weinbauer garnichts, wohingegen in schlechten Frucht Jahren doch bey allem Mißwachs immer noch eine Frucht geräth. Und wie mühsam ist die Arbeit des Weinbauers, wenn er in der schwühlen Hitze den Mist auf dem Buckel in die steilen Wein⸗ berge tragen muß, kurz, ich dankte der gütigen Natur, daß sie alles weislich ein⸗ gerichtet. Gegen Mittag kamen wir in Mai⸗ kammer an. Das Ohngefähr brachte uns in das Wirtshaus, wo gewöhnlich die hiesigen (Gießener) Weinhändler Seipp und Asmus einkehren; wir wurden dadurch sehr freund⸗ schaftlich behandelt. Der hiesige Wein ist mittelmäßig. Da Frech hier einen Wein⸗ einkauf machen wollte, so zogen wir mit dem Weinsticher von Keller zu Keller und probten. Von hier führte man uns nach Alsterweiler einem einige hundert Schritte von hier ent⸗ sernten Ort, wo denn Frech einen Handel abschloß. Gegen 4 Uhr Abends kamen wir

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