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in Neustadt an. Dieses niedliche Städtchen liegt in einem tiefen Thal, eingeengt von Bergen, seine Weine sind nicht von den vorzüglichen. Um eine schöne Aussicht zu genießen, bestiegen wir noch denselben Tag einen nahen ziemlich hohen Berg, worauf

ein altes Schloß hervorragte. Die herrlichste

Aussicht lohnte trefflich unsere Mühe. Ein altes Mütterchen, welches hier oben im Schloß wohnt, kam uns entgegen, und erbot sich, uns umherzuführen. Wir nahmen dank⸗ bar sein Anerbiethen an. Es führte uns erst im Schloß umher, dann in den Garten, wo

wir schönere Anlagen fanden, als wir ver⸗ muthet. Jetzt zeigte es uns eine Grotte,

worin ein Eremit neben seinem Strohlager, an einem Tisch saß, vor sich hatte er ein großes Buch liegen, worinnen jeder Reisende der diese Einöde besucht, seinen schreibt. Während wir mit dem Einschreiben der unsrigen beschäftigt waren, zog das Mütterchen außerhalb an einem Seil, wo⸗ durch ein heftiges Getöse entstand, welches dem Rollen des Donners sehr ähnlich war. Wir erschraken nicht wenig, in dieser öden Grotte. Als das Getöse aufhörte, hatte das schalkhafte Mütterchen die Thüre hinter uns zugeschlagen, wodurch ein schauerliches Dun⸗ kel um uns her herrschte. In der Erwartung, was mit uns gemacht werde, öffnete sich auf einmal auf der entgegengesetzten Seite eine Thüre mit starkem Geklingel und Ge⸗ prassel, und ein Engel sprang herein bis bey den Eremiten. Jetzt kam das Mütterchen wieder und freute sich über den Schrecken, den es uns verursacht hatte. Auf dem äußer⸗ sten Gipfel des Berges liegt ein Pavillon, wo man die weinreichen Fluhren dieser schönen Gegend mit einem Blick übersehen kann. Be⸗ friedigt kehrten wir zurück. Der mondhelle Abend machte die Straßen äußerst lebhaft. Ueberall strömten Gruppen beyderley Ge⸗ schlechts einher, und wir fanden Ursache, die Anmuth des hiesigen schönen Geschlechts zu bewundern, dessen lebhafter Gang verbunden mit der Grazie ihres Körpers sich vorteilhaft auszeichnete. Auch hier befand sich eine Menge Weinhändler, welche das Fallen der Preise abwarten wollten, wodurch die dasige Gegend sehr lebhaft wurde. Wirklich war abends ein großer Ball hier, allein die Er⸗ müdung nöthigte uns ihm zu entsagen. (Fortsetzung folgt.)

Urgroßtantens RNaritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)

Jetzt holte mein Vater die Papiere hervor, die ihm die Bäuerin gebracht hatte, und fand darin die alte Geschichte: Anitas Mut⸗ ter stammte aus guter Familie. Blutjung war sie gegen den Wunsch ihrer Eltern einem jungen Geigenkünstler, der sie 5 5 sein Spiel gewonnen hatte, heimlich nach Paris gefolgt. Dort hatten sie zusammen ge⸗

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Namen

darbt, gespielt, getanzt, und dann kam das große Glück: sie wurde eine gefeierte Tän⸗ zerin. Doch als nach Jahr und Tag die kleine Anita erschien, war's mit der Mutter Ruhm vorbei. Sie blieb leidend und konnte nicht mehr auftreten. Der Vater, unwillig über das Mißgeschick, ertränkte seinen Kummer in Wein und Schnaps. Er hatte es bequem ge⸗ funden, sich von der Frau ernähren zu lassen, und sein Spiel hatte infolge davon nicht die Vollendung erlangt, die man erwartet hatte. Er sank immer tiefer und eines Tages war er weg und kam nicht wieder. Da pochte die Not an die Türe, und um einige Groschen zu erwerben, tanzte die arme Mutter kleine Tänze in den Kneipen der Vorstadt, tanzte trotz des Arztes Verbot, tanzte sich zu Tode. Sie sank eines Abends leblos zusammen. Unbekannt wurde sie begraben; denn nie⸗ mand hatte ihren Namen dort erfahren. Ihr kleines Kind, das sie stets mit sich brachte, konnte noch keine Auskunft geben. Nur ein Bündel Papiere, das sie bei sich trug, gab schließlich Aufschluß über ihre Herkunft. Der Wirt behielt die Kleine bei sich. Als diese bald darauf der Direktor einer fahren⸗ den Seiltänzertruppe gesehen hatte, wie sie in kindlichem Spiel zierlich und mit Grazie tanzte, da bat er, sie ihm zu überlassen, da⸗ mit er sie im Tanzen ausbilde. Der Wirt ließ sich nicht lange bitten und übergab die Kleine dem neuen Pflegevater mitsamt dem Päckchen Papiere, nachdem er noch das traurige Ende ihrer Mutter dazu geschrieben hatte. Dies war das einzige Vermächtnis, das die Kleine, die nach dem Taufschein Anita hieß, von ihrer armen Mutter erhielt. Die Kleider mußten zur Begleichung der Leichenkosten bleiben. Nur ein kleiner Fächer aus Elfenbein, zierlich geschnitzt, der aus der Glanzzeit der schönen Tänzerin stammte, blieb achtlos bei dem Päckchen Briefe liegen. Es war derselbe, der Anita bei ihrem Ab⸗ sturz im Gürtel stak, und der jetzt bei den Papieren in meines Vaters Schreibtisch lag.

Monate waren vergangen, Anita war Hansjakobs Tochter geworden, die Schram⸗ men waren längst geheilt, und das liebliche Gesichtchen schaute jetzt mit roten Backen, die zu den schwarzen Aeuglein gar gut standen, gesund und schmuck aus. Das wider⸗ spenstige Kraushaar wurde von Mutter Margret gar säuberlich mit Bürste und Wasser behandelt, in Zöpfe geflochten, stand aber trotzdem trutzig ums Köpfchen herum. So merkte man nichts von den Folgen des schauerlichen Sturzes, den Anita getan hatte, doch wenn sie aufstand und ging, sank die eine Hüfte tiefer herunter, und der eine Fuß schleppte leicht nach. Gleichwohl ent⸗ behrte ihr Gang der Grazie nicht.Sie schwebt, obgleich sie hinkt, so sagte mein Vater einmal von der Kleinen.

Anita war ein richtiges Dorfkind gewor⸗ den. Sie ging jetzt in die Schule, spielte mit uns allen, und jedermann hatte sie gern.