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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
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Gießen, Trinitatis,
den 30. Mai 1920 9. Jahrg.
Volkes! Wie
Nachdruck verboten.
Das Vild des Lehrers.
Erinnerung von D. Karl Hesselbacher.
Und wenn ich kein Prediger wäre, so weiß ich keinen Stand auf Erden, den ich lieber haben möchte als den Lehrer⸗ stand. Martin Luther, Tischreden. Erinnert ihr euch noch des Tages, an dem
ihr den ersten Gang in die Schule getan
habt? Ach, das Bangen! Die kahlen Zim⸗
mer in Schulhause und die vielen fremden
Gesichter!— Aber unser Lehrer wußte uns all die Angst zu verscheuchen. Er setzte sich
mitten unter uns und erzählte uns eine Geschichte. Mir ist, als hörte ich sie heute noch. Es war die Geschichte vom zwölf⸗ jährigen Jesuskind im Tempel zu Jeru⸗
salem. Wie der Knabe im Tempel gesessen
ist und die großen Augen auf die Lehrer gerichtet! Wie er nicht genug hören konnte
von all den wunderbaren Geschichten seines sie ihm vom lieben Gott sprachen, der die Vögel speist und die Lilien kleidet! Wie die Posaunen in dem Tempel
bliesen und die Lieder der Frommen durch
die weiten Hallen klangen! Von dieser Stunde an hatte ich den Lehrer in mein Herz geschlossen. Seine Stimme klang so herzlich, und aus seinen Augen strahlte eine Freude, die aus einem tiefen Herzen quoll. Dem spärte man es an: Er hatte die Kinder lieb. Wer so von einem Kind erzählen konnte, der hatte den Kindern in die Seele geblickt. Damals habe ich dunkel geahnt, was ich jetzt weiß: Ein rechter Lehrer ist ein Mann, der in jedem Kind, das zu ihm in
1 die Schule kommt, ein Gotteskind sieht und
diesem Gotteskind den Weg zum Vater im
nicht ein trockner Drillplatz, in dem den Kindern der Kopf mit tausend und aber⸗
ktausend Dingen vollgestopft wird, und nicht
ein ödes Einerlei, in dem jeder Tag mit Rechnen und Schreiben und Naturkunde und allen möglichen andern Dingen ausge⸗
5 füllt wird, sondern ein lachendes Gefild,
auf dem jedes Kind mit Freuden wandert. Dort, wo Anfang und Ende aller Arbeit ein Blick in den Himmel ist. Warum klagen so viele Eltern darüber, daß die Kinder in
1 der Schule müde und unlustig werden?
Warum sehnen sich Hunderte von Kindern aus den Schulbänken heraus? Weil keine edle und reine Luft darin weht! Weil sie er⸗
drückt werden von dem Vielerlei, das sie
nicht bewältigen können! Das war bei uns
nicht— denn unser Lehrer war einer, der bei dem seligen Seminardirektor Stern in Karlsruhe erzogen worden war. Und bei diesem gesegneten Mann hatte er etwas bekommen, das auf uns einströmte wie ein milder Himmelstau auf die Pflänzlein, die nach labender Spende lechzen; das war eine tiefe echte Frömmigkeit. Sie lachte aus seinem ganzen Wesen. Die gab ihm die Milde, mit der er sich der Allerungeschick⸗ testen mit besonderer Freude annahm. Die gab ihm die Geduld, die auch bei den Trotzigen und Harten nicht brach, die gab ihm die Freundlichkeit, die über alles Ver⸗ kehrte und Unsinnige gütig lächelnd hinweg⸗ sah, die gab ihm die Wundergabe, mit der er uns den Mut machte: Getrost! Das nächste Mal geht es besser. Es war einer, der in die Schule des Herrn Christus gegangen war und in dieser Schule feine Fin zer und ein feines Herz bekommen hatte. Er brauchte keinen Stock. Er mußte uns nur anschauen. so betrübt und schmerzvoll, wenn wir etwas Unrechtes getan hatten, und die Köpfe der Schuldigen senkten sich und die Herzen der Leidenschaftlichen pochten, und alles war gut! Da sprang das Brünnlein der Stadt Gottes auf die Lebens⸗Au der Jugend mit silberner Helle und erquickte uns für ein ganzes Leben.
So gern haben wir nie mehr unsere Lieder gelernt als bei ihm. Wenn er uns vorsprach:„Wach auf mein Herz und singe!“ — da sang wirklich sein eigenes Herz mit. Es war, als sähen wir den Dichter selber, wie er am frühen Morgen an seinem ge⸗ öffneten Fenster stand und in den goldenen Morgen hinausblickte und aus allen Fluren die Perlen des Taues blitzten und über allen Gärten die Vögel ihre Jubelstimmen erschallen ließen und Gottes Güte wie die lichte Sonne über die erwachende Welt leuch⸗ tete! Das Lied ist mir lieb geblieben wie kaum ein anderes, weil ich die Herzens⸗ klänge immer noch höre, die aus des Leh⸗ rers Mund strömten.
Habt ihr schon einmal das bedacht, wie⸗ viel euch mitgegeben ist ins Leben mit den Liedern, die in der Kinderzeit durch euer Leben gezogen sind? Manch einer hat ge⸗ stöhnt über das viele Lernen! Aber mir ist immer noch der alte Nettelbeck, der Retter Kolbergs, vor Augen, der in seiner Lebens⸗ beschreibung erzählt hat: Alle Sonntage mußte er ein Kirchenlied lernen, weil seine fromme Großmutter das verlangte. Er wußte
nicht warum! Aber als er später in Sturm
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