gepflegten Wegen. Am Ende des Weges vor einem freundlichen, einstöckigen Hause steigt der Offizier ab. Der Pfarrer und seine Familie— ein römisch⸗katholischer“) Geistlicher mit einer feinen, liebenswürdigen Frau und fünf prächtigen Kindern— be⸗ grüßen den Hauptmann, dessen Batterie (4. Battr. Res.⸗F.⸗A.⸗R. 25) am Dorfrand eingegraben ist, wie einen alten, guten Be⸗ kannten, und doch ist er erst vor drei Tagen hierhergekommen und will jetzt Ab⸗ schied nehmen, da die Batterie weiter muß, um auf einem anderen Kriegsschauplatz für Deutschlands Bestand und Ehre zu kämpfen. Zwei Leutnants und ein junger Militärarzt sind schon im Pfarrhause, auch so vertraut mit der Familie, wie alte Freunde. Auch sie liegen erst seit drei Tagen vorne im Schützengraben. Aber die Freundlichkeit der Pfarrersfamilie, die seit Monaten entbehrte Möglichkeit, mit gebildeten Damen im trau⸗ ten Kreise zusammen sein zu können, hat auch sie angelockt, und sie waren tägliche Gäste im Pfarrhaus. Die Magd trägt guten Kaffee auf, die Frau Pfarrer dreht Ziga⸗ retten für sich und ihre Gäste. Ein Flügel ziert das einfach ausgestattete Wohnzimmer. Monatelang war er im Schuppen versteckt gewesen, da die Russen, die fast/ Jahre bis vor wenigen Tagen hier im Quartier lagen, alles kurz und klein schlugen oder, wenn es wertvoll war, mitnahmen. Jetzt ist der Flügel aus dem Versteck hervorgeholt worden, und die siebzehnjährige Tochter des Pfarrers singt mit weicher Stimme ruthe⸗ nische Lieder, begleitet von dem jungen Arzt, einem meisterhaften Klavierspieler. O, welch eine Freude, dieser friedvolle Sonntag⸗ nachmittag im Familienkreise für die deut⸗ schen Offiziere, die nun schon 11 Monate im Felde stehen, aber auch im rauhen Krieg sich ihr weiches Gemüt bewahrt haben. Draußen reiten die Jungen des Pfarrers auf des Hauptmanns Pferden, den sechs⸗ jährigen hat der Bursche vor sich in den Sattel gesetzt. Und das sind dieselben Män⸗ ner, die, ohne mit der Wimper zu zucken, aus ihren Geschützen Tod und Verderben zu den Feinden hinübersenden!
Mit herzlichem Händedruck und dem Wunsch, daß sie vor den Schrecken des Krieges bewahrt bleiben möge, scheidet der Hauptmann von der freundlichen Pfarrers⸗ familie. Und als er mit seiner Batterie ab⸗ rückt, küssen ihm die Leute, in deren Scheuer er mit seinen Offizieren drei Tage gewohnt hat, zum Abschied die Hände. 15
) Die ruthenischen Geistlichen, die zu der sogen.„morgenländischen“ Kirche gehören, sind verheiratet.
In der Passionszeit 1920. Wir sind in der Passionszeit und fühlen, daß wir eines völligen Eingehens, eines Sichversenkens in das Leiden und Sterben
48 unseres Heilandes mehr als je zuvor be⸗
dürfen. Litten wir doch so viel all die letzten Jahre, daß unser Verständnis für die Lei⸗ den anderer wuchs, und wir erkennen, was Jesus gelitten haben muß von dem ersten Tage an, da er ins Leben heraustrat. Er sah ein in sich zerrissenes Volk, erfüllt von Eigennutz und Heuchelei, von mangelnder Erkenntnis seiner großen Vergangenheit und der Durchhilfen Gottes darin. Da fragen wir uns: Gleichen wir nicht selbst diesem Volk in all seiner Torheit und Gottent⸗ fremdung? Wir haben wohl Schweres ge—
litten und leiden es noch, und wenn nicht
alles trügt, so wird auch die Zukunft uns keine Erleichterung bringen. Blicken wir den kommenden Tagen entgegen, so schauen wir nur in ein dunkles Ungewisses hinein. Und doch dürfen wir nicht verzagen, wie die, die keine Hoffnung haben; denn wir be⸗ sitzen etwas, was in aller Not der Zeit uns Halt und Trost und Hoffnung gibt, es ist das Kreuz von Golgatha! a
Versenken wir uns doch in dieser stillen Zeit der Erinnerung in das größte Ge⸗ schehen der Weltgeschichte, in den Erlöser⸗ tod unseres Heilandes! Er starb auch für uns, er nahm die Sünde eines jeden von uns hinweg durch dieses Opfer, damit wir Frieden hätten, damit auch uns der Ein⸗ gang zur ewigen Heimat bereit sei, wenn wir unser Herz ihm öffnen, dessen kurzes Leben der armen, nach Liebe schmachtenden Welt eine Liebe ohnegleichen entgegen⸗ brachte. Lasset uns mit ihm den Leidens⸗ weg gehen und mit Julius Sturm flehen:
Du bist die Liebe, die getragen
Der sünd'gen Menschheit Schuld und Not,
Die Liebe, die ans Kreuz geschlagen,
Mit Freuden starb den Opfertod.
Du Liebesfürst, ich bitte dich,
Zu Deiner Lieb' entflamme mich!
ö Baronin R. Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)
7. Die alte Kaffeekanne.
Heute ist Geburtstagsfest bei Tante Luise. 1
Ein großer Tag, einundachtzig Jahre, das ist kein Pappenstiel. Staunend blicken die Kinder ob dieser Zahl, und Karlchen meint: „Einundachtzig Lichter, das geht nicht, das ist ja wie hundert Weihnachtsbäume auf einmal.“ Nein, einundachtzig Lichter waren nicht angesteckt, aber der runde gemütliche Tisch war schon festlich gedeckt mit selbst⸗ gesponnenem, nicht allzu feinem, aber blü⸗ tenweißem Damasttuch, und der prächtige Hyazinthentopf, mit dem wir beide, mein Bruder und ich, schon früh angetreten waren, prangte in der Mitte. 1 Jetzt dürfen wir helfen, die Herrlichkeiten aus dem alten Glasschrank auskramen. Das
geschah nur zweimal im Jahr, zum Ge⸗
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