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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr 12
Gießen, Palmarum, den 28. März 1920
9. Jahrg.
Buß⸗ und Bettag.
Evangelium des Matthäus 3, 8. Sehet zu, tut rechtschaffene Frucht der Buße.
Wenn man früher in Deutschland von Sünde und Buße sprach, so lief man Gefahr, ausgelacht zu werden. Jetzt, da wir in eine so furchtbare Notlage geraten sind, da auch Menschen, die vordem aus ihrer Gottlosig⸗ keit kein Hehl machten, erklären, unser Volk sei moralisch in die Tiefe gesunken, ist diese Gefahr behoben. Sechs Jahre sind keine lange Zeit, und doch haben diese sechs Jahre hingereicht, uns in Grund und Boden hinein zu verderben. Es ist völlig unfaßbar, wie man in diesen Zeiten noch das Lied singen kann„Deutschland, Deutschland über alles“, jetzt heißt es, die Fahnen verhüllen und in Sack und Asche trauern.
Woher kommt uns Rettung? Wahrlich nicht von dem Auslande. Man spricht viel vom Völkerbunde und setzt große Hoffnung auf ihn. Man erwartet vom Ausland Hilfe, hofft auf Gewährung von Kredit und Be⸗ schaffung von Nahrungsmitteln. Den Ein⸗ sichtigen ist es klar, daß England und Ame⸗ rika uns nicht aus der Tiefe des Elendes herausziehen werden. Noch weniger helfen uns die Reden, die man in Parlamenten und Versammlungen hält, die Kundgebungen. die man in der Oeffentlichkeit verbreitet. Mit Worten und Papier macht man keine Weltgeschichte.
Helfen kann uns nur, daß wir ernstlich unsere Sünden bereuen. Unser Elend haben wir mitverschuldet. Unsere Gottvergessenheit, unser Uebermut, die Ueberschätzung des Ma⸗ teriellen, des Geldes und des Genusses, das törichte und frevelhafte Pochen auf die Macht der Faust, das sind die Wurzeln unseres Verderbens. Es wird nicht anders werden, wenn wir nicht anders werden. Die schwer⸗ geprüfte edle Königin Luise hat gesagt: Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Wir müssen uns zu Gott wenden, unsere Sünden bereuen und seine Gnade begehren, dann wird unser Volk wieder ein neues Volk werden, und wie die Frühlings⸗ sonne jetzt über die Felder leuchtet, so leuchtet uns dann wieder die Sonne der Güte Gottes.
Ein Sonntag in Galizien. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. Amtsgerichtsrat Trümpert(Gießen). Die Julisonne liegt drückend heiß auf dem schönen Dorfe Reklinier; ein leichter
Wind verschafft ein wenig Kühlung. Es ist Sonntag. Aber die Glocken rufen nicht zur Kirche; gar lange schon sind sie verstummt! Auf den weithin bis zum Walde sich deh⸗ nenden Wiesen weiden zu beiden Seiten des Baches friedliche Herden: Pferde, Kühe, zier⸗ liche schwarze Schafe. Es sind große Herden, die auf Wohlstand bei den Einwohnern schließen lassen. Rechts und links der Dorf⸗ straße stehen oder sitzen die Bewohner in Gruppen zusammen, die Männer in langen weißen Kitteln, die durch einen schwarzen Ledergürtel zusammengehalten werden, auf dem Kopfe schwarze Pelzmützen(trotz der großen Hitze!), die Frauen mit bunten Schürzen, dunklen Kopftüchern und dicken bunten Halsketten. Die strohgedeckten Holz⸗ häuschen liegen im Schatten hoher Bäume, viele umrahmt von großen Mohnbeeten, die in den buntesten Farben leuchten, weiß, rot, lila, rosa. Storchnester in großer Zahl be⸗ leben das bunte Bild. Die alten Störche füttern ihre Jungen und klappern wie Mühlen. Die auf der Straße munter spie⸗ lenden Kinder laufen erschreckt auseinander, da zwei Reiter des Weges kommen. Ein deutscher Artillerieoffizier ist es mit seinem Burschen, der nach dem Pfarrhause reitet. Wie kommt er in diese friedliche Gegend Galiziens? Aber draußen am Dorfrand stehen ja nahe bei den dort vereinzelt lie⸗ genden Häusern deutsche Feldgeschütze, eins davon auf hohem Gestell, die Mündung zur Fliegerabwehr steil gen Himmel gerichtet. Und auf der Ostseite des Dorfes nach dem Walde zu ziehen sich helle Streifen durch die Felder; davor sind viele Pfähle mit Stacheldraht eingerammt. Schützengräben sind es, und in und hinter ihnen wimmelt es von geschäftigen Feldgrauen. Auch hier⸗ hin ist der furchtbare Krieg gekommen. Vielleicht donnern bald die Geschütze, platzen Schrapnells und Granaten über dem fried⸗ lichen Dörfchen, und die armen Bewohner müssen in die vorsorglich errichteten Unter⸗ stände flüchten. Ein Haus nur braucht in Brand zu geraten— die Strohdächer zün⸗ den schnell— und bei dem herrschenden Wind kann in kurzer Zeit das ganze Dorf in Asche liegen. Aber der Feind steht sechs Kilometer entfernt jenseits des Waldes; er scheint nicht angreifen zu wollen.
An dem ehrwürdigen Holzkirchlein vor⸗ bei, an dem Frauen, vor Heiligenbildern kniend, ihr stilles Gebet verrichten, führt der Weg zu einem hübschen Ziergarten mit blühenden Rosen, bunten Glaskugeln,


