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DSonntagsgruß
Gemeindeblatt für die evancelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 51 Gießen, Weihnachten, den 25. Dezember 1920 9. Jahrg.
Weihnachten 1920. „Schon les' ich in den Weiten Des künft'gen Tages bang, Ich höre Völker schreiten, Sie atmen Untergang“
läßt August von Platen den Engel der
Ve rkündigung in seiner Christnacht⸗ Kantate
singen. Die Worte sind ja unmittelbar ge⸗
münzt auf den nahe bevorstehenden Zu⸗ sammenbruch des römischen Weltreiches zur Zeit Christi. Aber sie haben ein eigenartig neues Gepräge auch für unsere zerwühlte Gegenwart, wie denn schon oft darauf hin⸗ gewiesen worden ist, wieviel Aehnlichkeit bestehe zwischen unserer Zeit und den Tagen, da Jesus in die Welt kam. Damals wie jetzt eine Zeit der Auflösung; beidemal ging eine alte Welt zu Grabe. Und nicht bloß viele Schwache, sondern auch Stärkste unscres Heute hört man mit geheimem Grauen fragen: Wo will es hinaus? Wie soll das enden?— Der Engelsgruß Pla⸗ tens fährt fort:
„Es naht der müden Erde
Ein frischer Morgen sich,
Auf dieses Kindes„Werde“
Erblüht sie jugendlich.“
Ohne Kinder muß die Menschheit sterben und die Seele der Menschheit veröden. Gilt dies schon vom Kinde an sich, so gilt es in tiefinnerstem Sinn von jenem Kinde, das nach unserer Zeitrechnung vor 1920 Jahren in einem ebenen Stalle zu Beth⸗ lehem geboren ward. Bald sollte man ge⸗ wahr werden, daß um dieses Kind das Geheimnis göttlicher, und darum unüber⸗ windlicher Wahrheit sich wob. Auch der Atheist, der Goltesleugner, kommt in seinem Namen um den Namen Gottes nicht herum. Alle sind an den Geist Jesu gebunden und dabei wird's bleiben, so lange die Erde steht, mögen sie wollen oder nicht. Jene gewaltige göttliche Keimkraft war aber schon in das Jesuskind gesenkt, und darum hat die Menschheit ein Recht, ja die Pflicht, Weihnacht, das Geburtsfest dieses Kindes, zu feiern. Wird schließlich doch auch die ganze Menschheit noch die Wahrheit des Dichter⸗ worts für sich bekennen lernen müssen: Einzig„auf dieses Kindes„Werde“ er⸗ blüh'n wir jugendlich.“
Von Studienrat Prof. D
Bilder aus dem Kriegsgefangenen⸗ lager Wagen
Fritz Schmoll, Hauptmann d. Rei. a. D
(Fortsetzung.
Damit die Gefangenen in ihrer Abge⸗ schlossenhgeit von der Welt Gelegenheit hatten, die weltgeschichtlichen Exeignisse, an denen sie ja selbst tätigen Anteil genommen hatten, weiter zu verfolgen und sich geistig zu beschäftigen, versorgte man sie einerseits reichlich mit Zeitungen, andererseits stellte man ihnen große Bibliotheken zur Ver⸗ fügung. Neben Ze tungen in ihren Landes⸗ sprachen, auf die sie abonnieren konnten, die natürlich in Deutschland hergestellt wur⸗
den, waren ihnen eine Anzahl deutscher
Tageszeitungen stets zugänglich. So 1 ten sie— im schroffsten Gegensatz zu der
deutschfeindlichen Staaten tägli ich die ungekürzten Tagesberichte 55 er kriog ühren⸗ den Länder kennen lernen. Diese Unpartei⸗ lichkeit der deutschen Lagerbehörden brachte
den Gefangenen allerdings zuweilen Un⸗ ruhe und harte Enttäuschungen, wenn Siegesbexrichte des eigenen Landes sich oft als gefälscht und übertrieben herausstellten und wenn sich die Erkenntnis bei vielen
Gefangenen durchsetzte, daß der deutsche Bericht eben doch der zuverlässigste war. Ich erwähne diese Tatsache besonders des⸗
halb, weil die irreführenden Nachrichten
der feindlichen Presse im Kriege wie vorher unser ärgster Feind war und noch jetzt ist.
Auch illustrierte Zeitungen wurden in den
Lesesälen aufgelegt und von den Gefangenen sehr gern und eifrig betrachtet und studiert. Die Lesesäle standen dann wieder in enger Verbindung mit der Bibliothek, die viele Tausende von Bänden enthielt, nebenein⸗ ander deutsche, französische, englische, flä⸗ mische und russische Werke. Die meisten
dieser Bücher wurden, ebenso wie Zeit⸗ schriften und Spiele aus den neutralen
Ländern, besonders der Schweiz, geschickt. In hohem Maße hat sich in dieser Be⸗ ziehung der„Christliche Verein junger Männer“ verdient gemacht, der ja bekannt⸗ lich auch hinter der deutschen Front dem Lesebedürfnis unserer Feldgrauen er tgegen⸗ kam. Wie unsere Feldbüchereien und Schützen⸗ gräben hat er auch die Gefangenenlager mit Bibeln, Neuen Testamenten, Gesang⸗ büchern und christlichen Kalendern reichlich versorgt. Bemerkenswert dürfte noch die Tatsache sein, daß in den letzten Jahren sich


