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ein Stückchen Teig, das schließlich, drei⸗ bis viermal aus⸗ und ungedrückt, etwas schwärz⸗ lich angetönt, zwischen den übrigen blendend weißen Gutselstückchen lag, tobte oft heiß und unerbittlich zwischen Bruder Karlchen und mir hin und her. Rühren mußten unser altes Gretchen und die Mutter. Die Schüssel halten durften wir so lange, bis unsre Daumen gar so sehr hineinhingen und gar so oft abgeleckt werden mußten. Da wurden wir hinweggejagt, weil man uns im Ver⸗ dacht hatte, daß es mit Absicht geschehe. Zum Ausdrücken und Ausschneiden war unsre Hilfe weniger erwünscht, aber die unsrer Großtante Luise umsomehr.
Tonte Luise wurde denn auch regelmäßig feierlich zum Anismachen gebeten, und sie blieb dann nach dem Abendessen, ihrer son⸗ stigen Gewohnheit entgegen, bei uns sitzen und gäb gute Ratschläge, bis der Teig so weit war, daß er ausgerollt und in Formen gedrückt werden konnte. Dann ging sie in ihr Zimmer und holte prachtvoll geschnitzte alte Holzformen, die noch aus ihrem Eltern⸗
Beinchen vergaß. Die Bäckerinnung, die öfters Theater spielte, hatte Schillers Räu⸗ ber aufgeführt. Die Heldin des Stückes, das blonde Kätchen, war es, die sein Herz ge⸗ fangen genommen hatte. Das Mädel war wirklich künstlerisch begabt und fühlte wohl die geistige Ueberlegenheit des kleinen Man⸗ nes, der ein geschickter Regisseur war. Sie folgte gern seinen Winken und war seine gelehrige Schülerin, wenn er sich bemühte, das Dilettantenspiel auf eine höhere Stufe der Kunst zu heben. So kam es, daß die beiden Menschenkinder sich fanden und der Kleine ernstlich daran dachte, sich auch einen Hausstand zu gründen. Der Vater Bäcker gab gern seinen Segen, da er wohl wußte, daß Kätchen in ihm einen hochangesehenen Mann mit gutem Auskommen bekam. Die Verlobung war so weit fertig, da hörte unser Schulmeisterlein eines Tages, als es unvermutet früher als gewöhnlich zu seiner Liebsten kam, ein Gespräch zwischen dem Bäckerburschen Konrad, der den Karl Moor gespielt hatte, und seiner Amalia. Der Räu⸗
hause stammten. Jedes Jahr war dieser
Augenblick für uns ein Fest. Wir freuten uns, die wohlbekannten Stücke angreifen zu dürfen, die sonst nur feierlich hinter Glas verschlossen standen. Unser Anismann war uns geradeso teuer wie der schon öfters ge⸗ leimte Wachsengel an der Spitze des Christ⸗ baums. Tante Luise freute sich mit uns an dem Gesichtsausdruck des kleinen gnomen⸗ 55 Männleins, das auch deshalb die ieblingsform der Kinder darstellte, weil sie am größten war.
Der Anismann hatte wirklich gelebt, und gern hörten wir die Großtante von ihm erzählen, wenn beim Konfektmachen die Rede auf ihn gebracht wurde. Er war dargestellt mit einem Dreimaster oder, wie Tante Luise biesen Hut nannte, einem Schockelgaul, lan⸗ gen Frackschößen, enganliegenden Kniehosen und korkzieherartig gedrehten Beinchen und einem großen Spazierstock— eine groteske
Zwergenfigur, die er auch in Wirklichkeit
gehabt hat. Der stete Widerstreit mit seinen Untertanen, die anders wollten als er, brachte hauptsächlich die komische Wirkung seiner Erscheinung hervor.
In diesem elenden Körperchen wohnte aber
ein frischer, reger und witziger Geist. Hier
hatte die Natur den Zwerg nicht stiefmütter⸗ lich behandelt; im Gegenteil, der kleine Mann war ein gescheiter Mensch und tüch⸗ tiger Lehrer. Er liebte die Kinder, die er lehrte und ging bei jedem auf seine Eigenart ein, das war das Geheimnis seiner Erfolge als Jugenderzieher. Bei Eltern und Schü⸗
lern wurde er deshalb geliebt und verehrt
und stand trotz seiner Zwergengestalt in der Residenz hoch im Ansehen bei seinen Mitbürgern.
Nur einmal ließ ihn seine Klugheit im Stich, da hatte ihn die Liebe blind gemacht,
berhauptmann machte ihr die schrecklichste Eifersuchtsszene und verlangte, sie solle den elenden Krüppel laufen lassen und ihm fol⸗ gen, dem sie feierlich auf der Bühne Treue geschworen habe. Kätchen widerstrebte erst und erklärte das Theaterspiel für Scherz, sie trat für ihren Zukünftigen ein, unter dessen Leitung sie eine gefeierte Künstlerin zu wer⸗ den hoffe. Schließlich siegte aber der statt⸗ liche Konrad mit seiner Ueberredungskunst, und das ungetreue Kätchen sank als treue Amalia ihrem Karl in die Arme.
Der arme Verwachsene hatte alles mit angehört. Er faßte seinen Stock und wollte voll Wut dazwischen schlagen, vergaß aber die Tücke seines Untergestells und fiel über seine eigenen Beinchen zwischen die beiden Liebesleute auf den Boden. Ein gehöriges Horn an der Stirn erinnerte ihn neben den Seelenschmerzen auch äußerlich noch tage⸗ lang an die Ungetreue.
Aus seiner Verlobung wurde nun natür⸗ lich nichts. Das blonde Kätchen mußte aber seine Treulosigkeit bitter büßen. In Elend und Not ließ sie der Bäckerbursche sitzen und folgte einer fahrenden Schauspielertruppe. Die Bäckerei des Vaters ging infolge allerlei Mißgeschicks immer mehr zurück, so daß Kätchen mit Nähen Geld verdienen mußte, um sich und ihr Kind zu ernähren. Und als die Not einmal am allergrößten war, da soll der Geldbriefträger, zweihundert Gulden gebracht haben.„Für Kätchen“ war dabei geschrieben. Das junge Weib, das die Hand⸗ schrift wohl kannte, weinte bitterlich.
Das ist die Geschichte unsers Anismanns, als er freien wollte. Hinfort ließ er es sein und fand sich damit ab, allein durchs Leben zu kraxeln. Seine einzige Liebe war von jetzt ab die Wissenschaft und seine Schüler. Die ganze Stadt vergalt ihm dies durch die
daß er die Wirklichkeit und seine krummen größte Anhänglichkeit, und so wurde er


