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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 6

Gießen, Jubilate, den 25. April 1920

9. Jahrg.

Das Lied der Minder.

Psalm 8, 3. Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.

Es war am Sonntagmorgen, bevor der

Gottesdienst begann. Die Stadt hatte ein

ganz anderes Aussehen als sonst: es war. still auf den Straßen und freien Plätzen,

wirklichlirchenstill, nur wenige Menschen sah ich, darunter solche, die das Gesangbuch

in den Händen hatten. In den Anlagen

merkte man so recht deutlich den Frühling.

Blütenduft auf Schritt und Tritt, grün die

Bäume, mild die Luft, darüber jubelten die Lerchen. Da trat, als die Glocken zu klin⸗ gen anfingen, ein kleines, etwa vierjähriges

Mädchen aus einem Hause auf die Straße.

Man sah es dem Kinde an, daß es aus den

Händen der Mutter kam, frisch gewaschen, Sand. Soeben hält der Zug noch inn

Ein Besuch im Uloster Czenstochau. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. Amtsgerichtsrat Trümpert, Gießen.

Am

2

3. September 1915 war die 25. Res.

Division aus den Kämpfen an der Jasiolda

(nordwestlich Pinsk) herausgezogen worden. Am 22. September wurde meine Batterie in Siedlee verladen.

22. 9. 15. Nun sehen wir doch Polens Hauptstadt. Ueber Nowo⸗Minsk kamen wir um 5 Uhr nach Praga. Die Bahn fährt um diese Vorstadt herum, und man hat einen schönen Blick auf die Stadt Warschau mit den spitzen Türmen römisch⸗katholischer und den strahlenden Zwiebelkuppeln vieler russi⸗ scher Kirchen, alles vergoldet vom Licht der untergehenden Sonne. Aber auch hier, wie an der Jasiolda, Sand, Sand und nochmals

er⸗

reinlich und hübsch gekleidet, besonders die halb Warschaus an. Da stürzen mehrere blaue Schleife in den blonden Haaren gab hundert Juden, meist Jünglinge und Mäd⸗ der Kleinen ein sonntägliches Aussehen. Wie chen, auf den Zug los und bieten schreiend das Kind hinaus in den Frühling trat, fing es an zu singen. Es sang, wie Kinder

in diesem Alter singen, ein Lied ohne Worte

und ohne Melodie, aber ein Lied, das aus

dem Herzen kam. Kinder leben im Lande des Unbewußten, so hat Luther einst von seinem vierjährigen Sohne Hans gesagt: Dieses Kind ist wie ein Trunkener, es lebt und weiß nicht, daß es lebt. So sang auch das kleine Mädchen, es sang, ohne sich dessen bewußt zu sein, vom Frühling, vom Leben, von der großen Hoffnung, die sein Herz erfüllt. Einige Tage vorher hatte ich ein Rudel kleiner Knaben gesehen. Es waren das konnte man schon an den neuen Schulranzen sehen solche, die in derselben Woche zum erstenmal zur Schule gegangen waren. Fröhlich kamen sie daher, einer hinter dem andern, auch sie sangen ein Lied ohne Worte und ohne Melodie, sie sangen heraus aus der Lebensfülle, die in ihnen ist. Alle diese Kinder singen Gottes Lob, sie preisen den Gott, der ihr guter Vater im Himmel ist.

Um der Kinder willen dürfen wir Er⸗ wachsenen jetzt nicht verzagen und klein⸗ gläubig sein, wir müssen den Kleinen Lebens⸗ freude und Lebenshoffnung erhalten. Gott gebe, daß die, die in der eisernen Zeit des

Krieges geboren sind und jetzt auf der Straße ihr Lied ohne Worte und ohne

Melodie singen, einst das neue Deutschland

schauen und Gott dafür preisen, daß er ihren

Vätern und ihnen aus Knechtschaft und von hartem Drucke geholfen hat. H. B.

Bier, Wurst, Zigaretten, Andenken an War⸗ schau u. dgl. m. an. Ein Jüngling stürzt in seinem Eifer über die Schienen, und all seine Herrlichkeiten fliegen auf die Erde.

An Forts vorüber geht die Fahrt über den mächtigen Weichselstrom. Neben der Eisenbahnbrücke, über die wir fuhren, wurde eine zweite, die gesprengt war, wieder⸗ hergestellt. Auch die andere war von den Russen gesprengt, aber nach der Einnahme Warschaus schnell wiederhergestellt worden. Bei einem erstmaligen Halt erfolgte ein neuer Ueberfall auf den Zug, dieses Mal von

christlicher Bevölkerung. Umherliegende Trümmer von Eisenbahnwagen erinnern daran, daß es bei solchen Massentrans⸗

porten auch Zusammenstöße gibt. Als die Stadt unseren Blicken entschwindet, ist über ihr der Mond leuchtend am abendroten Himmel aufgegangen.

23. 9. 15. Die Nacht war bitter kalt. Heute früh ist alles weiß von Reif. Um 2 Uhr wurde ich(als Transportführer) auf einer Station geweckt und gefragt, ob die Truppe hier die ihr zustehende Abendverpflegung haben wollte, es sei eine halbe Stunde Aufenthalt. Da alle schliefen, verzichtete ich darauf. Aber nun fahren wir noch immer und sind noch lange nicht an der nächsten Verpflegungsstation. Wie angenehm wäre es, etwas Warmes zu bekommen; doch die Sonne scheint, und das stimmt froh, auch bei leerem Magen.

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