— 14— 5 steif vor sich hin. In jeder Faust war ein der Schule, da wollte es nicht gehen; das
aber fand es geschmackvoll, jeder ein Bukett das schwarze Schaf in der Klasse. Kam er in die Hand zu stecken, ein Zierat, der je zur Schule, so faßte er oft erstaunlich leicht nach der Jahreszeit aus den abgelegten auf, um ein andres Mal wieder, wenn ihn Sommer- oder Winterhutgarnituren der das, was der Lehrer vortrug, nicht sonder⸗ Tante erneuert oder ergänzt wurde. Solange, lich interessierte, sich so dumm wie nur ich mich erinnern konnte, standen die Chi⸗ möglich anzustellen. Die Waschursel klagte nesinnen auf Tantens Glasschrank, rechts oft bei uns ihr Leid Der Junge war von und links von der alten Uhr. Daß sie ihre klein auf sich selbst überlassen gewesen und
Loch, worin sie ursprünglich wohl einen Stillsitzen behagte ihm nicht. Er schwänzte, 1 Sonnenschirm getragen hatten; Tante 5 5 wann er konnte, und für den Lehrer war er
Gesichter veränderten, behauptete Tante Luise, und ich fand es auch. Es mag in der wechselnden Beleuchtung, wodurch die Be⸗ malung der Gesichter verschieden erschien, gelegen haben. Mir waren sie aber dadurch noch geheimnisvoller, und ich respektierte sie deshalb gar sehr. 1
„Wo kamen die Chinesinnen nur her?“ fragte ich.
„Von China kamen sie“, erwiderte Tante
g Luise.
„Sie sind aber alt, sehr alt, und damals hatte man doch noch keine Dampfschiffe?“
„Ja, Kind, sie kamen auch auf einem Segler, und der Waschursel ihr Karl, der hat sie meinem Vater selig mitgebracht.“
„Der Waschursel ihr Karl, Tante, wer war denn das?“ ö
„Das war ein Malefizbub, ein Tunicht⸗
gut, und niemand hätte ihm zugetraut, daß er je nach China käme. So ein Bengel! Sein Vater, der hatte auch nicht viel getaugt, aber von dem hatte er doch das Genie: denn die Ursel, daß Gott erbarm, die war
ein dämliches Frauenzimmer; deshalb konnte
sie auch den Buben nicht im Zaum halten. Doch ich will dir's ordentlich erzählen, der Reihe nach, wie es sich zutrug, und wie die Chinesinnen in unser christlich Haus kamen; denn geholt hätten wir sie sicher nicht. Etwas ist nicht geheuer mit den Biestern, weil sie bald lachen, bald höhnisch, bald brummig aussehen. Das geht nicht ganz mit rechten Dingen zu.““ 5
Mit einem schiefen Seitenblick auf die beiden ganz unschuldig dreinschauenden Por⸗ zellanfiguren setzte sich die Tante in Positur und begann:
„Ja, also der Waschursel ihr Mann, das war dem Karl sein Vater und war nichts⸗ nutzig. Er ließ die Frau mit dem Buben allein sitzen und ging in die weite Welt hinaus. Die Waschursel mußte sich und das Kind allein durchschaffen, und das tat sie redlich. Sie wusch reihum bei den Leuten Tag für Tag, und der Karl mußte helfen, das Wasser holen, wenn man bei uns
wusch; denn das Haus lag auf dem Berg,
und das Wasser mußte unten im Dorf ge⸗ holt werden. Das war ein mühselig Geschäft.
Mit ihr kam er in unser Haus. Mein Vater fand Gefallen an dem Jungen, weil er so blaue Augen hatte und stets lustig und gutes Mutes war. Wohin man ihn stellte, da wußte er gleich Bescheid. Nur in
hatte nur das getan, was ihm gefiel. Jetzt
sträubte er sich gegen jeden Zwang und tat nur, was er nicht sollte.
Da kam eines Tages Besuch ins Dorf, eine damals für uns Binnenländer seltene Erscheinung— ein Matrose, der seine Ver⸗ wandten besuchte. Die ganze Dorfjugend hing an ihm, und Karl ging ihm schon gar nicht von den Fersen. Michels Georg er⸗ zählte die sonderbarsten Dinge von seinen Reisen, teils wahr, teils auch wohl erdichtet. Als der Gast wieder abgereist war, ging Karl noch versonnener und verträumter um⸗ her als vorher, doch suchte er bei uns nach Reisebeschreibungen, wie er mir berichtete, als ich ihn über einer alten Kiste mit Büchern antraf.
Das ging so ein paar Wochen, da kam eines Abends die Waschursel gelaufen und schrie und weinte mörderlich, die Schürze vor den dick verheulten Augen. Sie hatte einen Zettel in der Hand, den hatte sie, als sie heimkam, gefunden. Der Karl war fort. Er wolle in die Welt hinaus, um sein Glück zu suchen, so schrieb der Bengel. Jeden⸗ falls hatte er das irgendwo gelesen und abgeschrieben. 4
Trotz aller Nachforschungen, die mein Vater anstellte, blieb der Junge verschwun⸗ den und verschollen. Es war uns allen leid, nicht nur seiner armen Mutter wegen, nein, wir hatten, wir wußten nicht warum, alle eine gewisse Schwäche für den Bengel gehabt. Es war das unwillkürliche Ge⸗ fühl, daß er kein schlechter Charakter war; dazu kam ein gewisses Mitleid mit einem Menschenkind, dem man gern helfen wollte, aus sich selbst herauszuwachsen und seine versteckten Fähigkeiten zu entfalten. Jetzt war es vorbei damit; wenn er noch am Leben war, so mußte er sich selbst durch⸗ beißen.
Jahrelang hörte man nichts mehr von ihm. Kurz nach seinem Verschwinden hatte er noch einmal seiner Mutter Nachricht ge⸗ schickt, es ginge ihm gut, und er schiffe sich am folgenden Tag nach fernen Ländern ein. Die arme Ursel lief von da ab täglich dem Briefträger entgegen, doch als dieser stets nur mit der Hand von weitem abwinkte, da ließ sie es schließlich sein. Ihr Einziger war halt tot für sie. Sie sprach immer weniger, ihre Schultern wurden vornüber⸗ gebeugter und der alte Kopf erschien täglich grauer.


