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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 7
Sießen, 3. Sonntag n. Ep., den 25. Januar 1520
9. Jahrg.
der Heiland und die menschen der Gegenwart. Evangelium des Matthäus 11, 3. Bist du, der da kommen soll oder sollen wir eines andern warten?
Wenn große Unruhen die alten Ord⸗ nungen der Völker erschüttern, treten die Menschen zahlreicher als gewöhnlich an die breite Straße, die durch die Zeit führt, um Ausschau zu halten. Was wir fest wähnten,
schwankt, Werte erweisen sich als trügerisch, denen wir zuversichtlich vertrauten, und das
Große schrumpft zu einem Nichts zusammen. Dann sagt uns eine Stimme, die wir lange nicht mehr vernahmen, daß die uns um⸗ gebenden Dinge wertlos seien, und daß die Hingabe an sie eine Untreue gegen unser Wesen bedeute. Dann besinnen wir uns, daß dieses Wesen aus der Ewigkeit stammt. Eine Sehnsucht, stark wie das Heimweh nach den Bergen, schreckt uns auf und heißt uns nach Gütern suchen, die wir einst be⸗ sessen haben.
Immer treibt ihn in solchen Tagen der Unruhe seine unendliche Güte, den Weg
wieder zu beschreiten, den er seit zwei Jahr⸗
tausenden gegangen ist. Der Weg ist lang,
voll von Bangnissen und rätselhaften Er⸗ scheinungen. Aber er betritt ihn immer aufs neue, weil seine Liebe nicht ruhen kann, wenn Menschen heimlich und laut nach ihm verlangen.
An dieser Straße warten nicht nur die Müden und Suchenden, um nach dem aus⸗ zuschauen, der aus der Ewigkeit kommen soll; es warten dort auch herbe Zweifler und Stolze, Hasser und Süchtige und jene, die die große Leere in sich tragen. Sie
alle haben die Dinge erschöpft, ohne Be⸗
friedigung zu finden und suchen Besseres.
Viele Hände strecken sich ihm entgegen, und er steht still und wartet. Und sogleich dringen Rufe und Fragen auf ihn ein:
„Bist du es, der da kommen soll? Mit
was beweist du, daß du es seist? Du bist gestorben und die Toten kehren nicht wieder! Mit was willst du deine göttliche Herkunft bekräftigen? Mit dem Stern über dem Stall oder mit der Stimme aus der Wolke? Wir glauben das nicht! Wir glauben auch deinen Brotwundern nicht und wissen nichts von der Kraft, die Siechen half! Wir wur⸗ den Wissende, wir wurden Wirkliche, wir wurden Reiche! Was nützen uns die Ideen? Was nützt uns das Wort, von dem der
Mensch leben soll, und der Friede, den die Welt nicht geben und nicht nehmen kann? Der Mensch lebt doch vom Brot allein, und wer das Leid bannen kann, hat nicht nötig, Mühselige und Tragende zu trösten!“
ö Er aber sagt kein Wort, er sieht die erregten Rufer nur freundlich an. bis sie still werden. Denn er liebt auch sie. Be⸗ troffen stehen die Frager da. Vielleicht kommt ihnen später zum Bewußtsein, daß sie die wichtigste Stunde ihres Seins unge⸗ nützt ließen, weil sie nur Nichtiges und Wesenloses zu sagen wußten.
Und er geht weiter zu den Greisen und Kindern, zu den Männern und Frauen, die gesondert stehen, und sein Nahen ist, wie wenn Abendsonnenbrand auf Christ⸗ festschnee fällt. Zu ihnen spricht er. Es sind neue Worte, aber in allen quillt der ewige Geist, wenn er von Gottes Reich redet, und in die Verzagten strömt eine junge Kraft. ö Und aufs neue wächst Gottes Reich!
Argroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. i(Fortsetzung.)
3. Die beiden Chinesinnen. „Was hat's nur mit den Chinesinnen auf sich, Tante Luise?“, so fragte ich oft,„sie machen ganz verschiedene Gesichter, heute lachen sie wieder, und gestern sahen sie so brummig drein.“
n„Ja, mit ihnen hat es auch seine besondre Bewandtnis,“ brummte Tante Luise vor sich hin.„Hat die Krott das auch schon bemerkt, daß die Dinger einem Gesichter schneiden, und sie sind doch nur von Porzellan und haben gemalte Schlitzaugen, die immer auf der gleichen Stelle sitzen.“ l
„Weißt du, Tante, sie sind unzufrieden, weil ihre Blumen so verstaubt sind,“ orakelte ich, und brachte es damit zu Wege, daß
Tante Luise die große altmodische Hutschach⸗ tel hervorholte und deren doppelten Boden zu meinem Entzücken lüftete. Darin be⸗ fanden sich die abgelegten Hutblumen, fein säuberlich geordnet nach Jahrgängen. Aus diesem Schatz durfte ich dann auswählen, welches mehr oder weniger verblaßte Bulett für die steisen Porzellanhände der Chinesin⸗ nen mir am geeignetsten und stilvollsten erschien.
Beide Puppen waren aus schwerem, ge/
maltem Prozellan, standen kerzengerade auf⸗ recht, hatten impertinente Gesichter und hiel⸗ ten die beiden Hände zu Fäusten geballt
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