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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 37 Gießen, 16. Sonnt. n. Trinitatis, den 19. Septbr. 1920 9. Jahrg.

Der Segen der Einsamkeit.

Evang. Matth. 6, 6. Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen.

In ihrem BuchAlle guten Geister schreibt Anna Schieber:Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen be⸗ schlossen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein sein und horchen und darf nicht fragen: Ist es so den Leuten recht? Sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von den Jahrmärkten hinein, und der rechte Ton geht darüber verloren, daß man auf zweierlei hat gehorcht.

Einsam sein können mit sich und seinem Gott das ist eine Probe auf den inneren Gehalt und Wert eines Menschen. Wie viele haben Angst vor sich selber, vermeiden mög⸗ lichst das Alleinsein und gehen der Zwie⸗ sprache mit ihrer Seele aus dem Weg, indem siesich zerstreuen! Der Taumel weiter Kreise von heute, in dem sie trotz der furchtbar ernsten Zeitlage von einem Ver⸗ gnügen zum andern jagen, ist doch schließlich nichts anderes als der krankhafte Ausdruck der Furcht vor dem Alleinsein im stillen Kämmerlein. Die Armen, die auf solche Weise der Not der Zeit auch nur für Augen⸗ blicke zu entrinnen vermeinen! Sie werden innerlich nur immer unglücklicher, immer mehr wund in ihrer Seele werden und statt Ruhe zu finden, nur immer tiefer in die Unrast hineingetrieben.

Für den aber, der seinem Gott in kind⸗ lichem Vertrauen stets unter vier Augen gegenüberzutreten vermag, gibt es keinen besseren Trost, als sich zurückzuziehen in die Einsamkeit und keine bessere Stärkung für den harten Kampf ums Dasein, als Seele und Geist täglich neu zu beleben aus dem Jungbrunnen göttlicher Gnade und Kraft, der nur in der Stille der Einsamkeit vernehmbar rauscht. Ein großer Philosoph fordert als ein Hauptstadium für die Ju⸗ gend,die Einsamkeit ertragen zu lernen, weil sie eine Quelle des Glücks und der Gemütsruhe ist ein beherzigenswerter Wink für alle, die am Erziehungswerk unseres Volkes beteiligt sind!

Einsamkeit freilich darf nicht zur Verein⸗ samung führen. Nicht menschenscheu und weltflüchtig sollst du werden, im Gegenteil: die Stille soll dir erst recht die Kraft geben, deinen Platz draußen in der Welt auszu⸗ füllen.

Jedes ruhige Stündchen, das du zur Ein⸗ kehr bei dir selber nutzestMir wieder selbst, von allen Menschen fern(Goethe) das muß dich zu Gott führen, sonst wird die Einsamkeit unerträglich. Ein alter Spruch sagt:

Einsamkeit ist schwere Last, Wenn du Gott nicht bei dir hast.

Die Chronik des Gießener Natsdieners Philipp moritz moll(1857 1847). Die Aufzeichnungen, die wir im nach⸗ folgenden wiedergeben, rühren von dem Ratsdiener Philipp Moritz Moll her und befinden sich zur Zeit im Besitze des Sohnes des Genannten, des Herrn Ratsdieners i. R. Karl Moll, der uns das, was sein Vater niedergeschrieben hat, freundlichst zur Ver⸗ öffentlichung überlassen hat. Wir finden diese Notizen in einem Hausbuche, wie es früher Gießener Bürger oft geführt haben. Ur⸗ sprünglich enthielten diese Hausbücher nur Familiennotizen, Einträge über Geburt, Taufe, Eheschließung und Todesfälle, dann aber hat man in einer Zeit, in der es noch keine Tageszeitungen gab, auch Ereignisse, die in aller Mund waren, verzeichnet, so daß manches Hausbuch wir erinnern an die von uns imSonntagsgruß veröffent⸗ lichten Aufzeichnungen von Schaffstädt, Koh⸗ lermann, Becker und Pistor zu einer

interessanten Stadtchronik geworden ist. Wir geben zuerst einige Bemerkungen über den Verfasser der vorliegenden Chronik und seine Familie. Die Familie Moll gehört nicht zu den in Gießen alteingesessenen Fa⸗ milien, besteht aber hier schon mindestens 146 Jahre. Nach unserem Kirchenbuche wur⸗ den am 3. November 1774 hier ehelich miteinander verbundenJohann Henrich Moll, Burger und Beckermeister allhier, Johannes Moll, Einwohners in Frühfelden bey Creutzenach eheleiblicher Sohn, und Anna Margaretha Bernbeckin, weiland Philipp Christian Bernbecks Burgers und Beckers allhier hinterlassene Wittib, gebohrne Lo nyin. Die OrtsbezeichnungFrühfelden beruht auf einem Schreibfehler, es muß heißenFürfelden und handelt sich um das im jetzigen Kreise Alzey gelegene Dorf Fürfeld. Fürfeld ist anderthalb Stunden von Kreuznach entfernt und liegt da, wo mitten im Walde, am sogenanntenSchäfer⸗ placken die drei Territorien Rheinhessen, Rheinpreußen und Rheinbayern zusammen⸗ stoßen. Zum Zeichen dieser Grenzscheide

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