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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, 7. Sonnt. n. Trinitatis, den 18. Juli 1920

9. Jahrg.

Ein ernster Erinnerungstag.

Röm. 12, 12. Seid fröhlich in Hoffnung geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet!

Der 19. Juli ist für uns ein ernster Er⸗

innerungstag. An diesem Tage ist ein halbes Jahrhundert verflossen, seitdem die fran⸗ zösische Kriegserklärung in Berlin anlangte und die politischen Ereignisse herbeiführte, die Deutschland geeinigt und zum ersten Volke Europas gemacht haben. 1895 haben wir die Kriegsgedächtnisfeier mit reiner Begeisterung gefeiert. Am Jahrestage der Schlacht bei Gravelotte strömten in Hessen die Krieger von 1870/1 an den Standorten ihrer Truppenteile zusammen, und es gab manches ergreifende Wiedersehen. Wohl dachte man in Treue der Opfer des großen Jahres, aber man gab sich auch dem Hoch⸗ gefühle hin, daß diese Opfer einen herrlichen Preis gebracht hatten. Wie gedachten wir erst die 50 jährige Gedächtnisfeier zu begehen! Nun ist es aus mit Freude und Festjubel, nun gilt für uns Hiobs Wort: Meine Harfe ist eine Klage geworden und meine Flöte ein Weinen. Vor 35 Jahren feierten wir unsere stolzen Regimenter mit ihrer ruhmvollen Vergangenheit, mit ihren Fahnen, die alle⸗ zeit zu Kampf und Sieg vorangetragen wur⸗ den, nun wird der Rest des deutschen Heeres in diesen Sommertagen durch fremde Gewalt in Stücke geschlagen. Die alten Regiments⸗ bezeichnungen sind nicht mehr, der große Organismus des deutschen Heeres ist auf⸗ gelöst.

In dieser Zeit gilt für uns das Wort des Apostels Paulus: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet! Gott führt unser Volk jetzt durch das dunkle Tal, aber wir verzagen nicht. Wer weiß, was er gewollt, indem er unsere nationale Herr⸗ lichkeit in Trümmer sinken ließ. Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen, und die Wege des Herrn sind eitel Güte und Wahrheit denen, die seinen Bund und Zeugnisse halten.

dieverhandlungen des hessischengandes⸗ kirchentages vom 4. bis 7. Mai 1920. Referat, erstattet in der Sitzung des Gesamt⸗ kirchenvorstandes zu Gießen am Mai 1920 von Landgerichtsrat Neuenhagen, Mit⸗ glied des Landeskirchentages.

Gern entspreche ich, obwohl ich zur Zeit dienstlich sehr in Anspruch genommen bin, Ihrer Bitte, Ihnen über den Verlauf des

H. B.

Landeskirchentages zu berichten. Da Sie die darüber erstatteten Zeitungsberichte wohl alle oder doch in Ihrer Mehrheit gelesen haben, kann ich mich darauf beschränken, die wesent⸗ lichsten Punkte nochmals besonders hervor⸗ zuheben und im übrigen das zu sagen, was die Zeitungsberichte nicht oder nicht voll⸗ ständig gebracht haben.

Im allgemeinen kann ich wohl sagen, daß in den vier Tagen, welche diese Sitzungs⸗ periode in Anspruch nahm, eine verhältnis⸗

mäßig große Arbeit geleistet worden ist. Plenarversammlungen, Ausschuß itzungen, Gruppenbesprechungen ich habe mich

ebenso wie Prof. D. Dr. Schian derVer⸗ einigten Linken angeschlossen, welche auch die etwa als Mittelpartei anzusehenden Mit⸗ glieder der sogen. Friedberger Konferenz, der wir beide angehören, umfaßt wächselten miteinander ab und nahmen uns nicht nur tagsüber, sondern bis abends 10 Uhr, einmal sogar bis 11¼ Uhr, also manche Mit⸗ glieder etwa 10 Stunden lang und noch länger in Anspruch, und nur dadurch und durch die hervorragende Geschäftsgewandtheit des Präsidenten war es überhaupt möglich, in dieser kurzen Zeit soviel zu erreichen. Nach einer eindrucksvollen Predigt des Superintendenten D. Patersen in der Stadt⸗ kapelle vereinigten sich die Abgeordneten in dem schönen, mit Oberlicht versehenen und durch amphitheatralisch aufsteigende Sitz⸗ reihen sehr zweckmäßig eingerichteten Sit⸗ zungssaal des Landessynodalgebäudes. Die Ansprache, mit der Geheimrat D. Dr. Flö⸗ ring an Stelle des leider durch Krankheit verhinderten Präsidenten D. Nebel die Ver⸗ handlungen des nun aus 66 Mitgliedern bestehenden Landeskirchentages 64 waren erschienen eröffnete, brachte denen, die mit hochgespannten Erwartungen nach Darm⸗ stadt gekommen waren, insofern eine große Enttäuschung, als sie hörten, daß die Kir⸗ chenbehörde einen Verfassungsentwurf nicht ausgearbeitet hatte, sondern von dem Lan⸗ deskirchentag erst entsprechende Richtlinien empfangen wollte. Wie man nachträglich hörte, war diese abwartende Haltung des Oberkonsistoriums wenigstens teilweise ver⸗ ursacht durch eine schon Monate andauernde Krankheit des Präsidenten D. Nebel, der sich die Ausarbeitung des Verfa ssungsentwurfs als Spezialaufgabe vorbehalten hatte. Er⸗ freulich war dagegen die Mitteilung, daß das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sich in Hessen in befriedigender Weise ent⸗ wickelt, so daß die Kirchenbehörde zu der