Und kurz darauf dieselben Klagen von neuem. Sein Vater ging zu dieser Zeit auf Freiers Füßen und brachte ein schönes junges Weib ins Haus. Da war der stattliche Sohn doppelt überflüssig daheim, und das Vater⸗ herz hatte anders zu denken, als sich um den flotten Studio zu bekümmern. So kam der letzte Schlag: Wilhelm war unter die Demagogen geraten, das wurde entdeckt, und er mußte fliehen. Als der Abschiedsbrief an⸗ kam, schwamm der Schreiber schon der neuen Welt entgegen. Das Lied war aus. Ein Mädchenherz lernte die Bitterkeit der Ent⸗ sagung kennen, nachdem es noch Jahre lang gebangt und gehofft. Er blieb verschollen. serweht war jede Spur von dem über⸗ mütigen lustigen Liebsten.———
„Die Silhouette und ein Päckchen Briefe mit dem blauen Band dort in der Schatulle, die gebt mir mit ins Grab“, so endete das Altchen. Es war stockdunkel geworden. Ich stand auf und küßte ihr leise die Hand.
„Mach' Licht an“, befahl sie mit lauter Stimme.
Zum Nachtessen führte ich Tante herüber.
Im Vorbeigehen sah sie den grünen Tannen⸗ baum stehen:„Putzt du ihn heute noch? Tu viel Konfekt dranhängen!“
„Ach, Tante, es schmeckt dann nachher so
schlecht“, entgegnete ich.
„Ja, aber putze ihn ja nicht nur mit Glas, sonst muß ich sterben.“
Ein starker Hustenanfall unterbrach sie hier.
Ich lachte:„Ach geh doch, Tantchen, Aber⸗ glauben!“
„Nein, das ist kein Aberglauben, das ist so“, erklärte sie sehr bestimmt.
Es schmeckte ihr heute nicht, und früh schon
ließ sie sich hinüberführen. Schon in der
Nacht litt sie so stark an Atemnot, daß das alte Mädchen, das neben ihr schlief, meine
Mutter holte. Am andern Tag war ihr Zu⸗ stand schlecht. Der herbeigeholte Arzt zuckte die Achseln und sagte nur:„neunundachtzig Jahre“. Weiter sagte er nichts. Große Be⸗ stürzung bemächtigte sich unser aller. Kein Mensch dachte daran, den Baum zu putzen, und als die Bescherstunde kam, da wußten wir schon, daß der Todesengel über unserm Haus schwebte, und ich, dachte wehmütig an
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leises Geräusch beim Atmen störte die fried⸗ liche Stille. Ich strich ihr leise über die eine Hand, da murmelte sie deutlich die Worte: „Mutter, ich komme“. Sie sah ihre Mutter im Traum.
So saßen wir zusammen, meine Mutter und ihr großes Mädel, bis der Morgen graute. Der Atem war merklich schwächer und langsamer geworden.
Das Nachtlicht schwelte. Ich öffnete des⸗ halb ein Fenster und den Laden, um zu sehen, ob's schon hell sei. Im selben Augen⸗ blick, als das fahle Dezembermorgenlicht her⸗ einfiel, fingen die Weihnachtsglocken an zu läuten. Da ließ mich ein leiser Ton, es klang abermals wie„Mutter“, herumsehen. Der Arem der Schlummernden stand still, Groß⸗ tante Luise hatte ihren letzten Seufzer aus⸗ gehaucht. Ruhig schlafend lag sie friedlich da. Ich stand wie erstarrt und reichte meinem weinenden Mütterchen die Hand.„Das ist der Tod!“ Dann fiel ich ihr um den Hals: „Mütterchen, ich fürchte ihn jetzt nicht mehr“.
Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 15. August, 11. n. Trinitatis.
Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr: S. Jo⸗ hannes kirche.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarr⸗ assistent Ramge.
Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr, zu⸗ gleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfr. Bechtols⸗ heimer.— Vormittags 9½½ Uhr(zugl. Militärgsd.): Pfr. Ausfeld.
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Evangelischer Arbeiterverein.
Sonntag den 15. l. Mts., vormittags 8 Uhr Frühgottesdienst in der ehemaligen Schloßkirche auf dem Schiffenberg. Prediger: Herr Pfarrer Becker. Mitwirkende: Bläser⸗ chor des Wartburgvereins sowie unsere Gefangsabteilung. Abmarsch 6 ½ Uhr Ecke Schiffenberger Weg und Licher Straße. Zu diesem Gottesdienst hat jedermann Zutritt. Familienkarten zum Gartenfest auf der Liebigshöhe am 22. l. Mts. sind zu 1 Mk. zu haben bei Friseur Büttner, Landgraf⸗ Philipp⸗Platz und Schuhmachermeister Heß, Erednerstraße, Eintrittskarten für Nichtmit⸗ glieder(à Person 1 Mk.) auch bei Schreib⸗ materialienhändler Bingel, Lindenplatz und
die letzte Geschichte, die mir Tante Luise im Reformhaus, Kreuzplatz. Der Nachmittag
erzählt hatte.
Wir gingen auf unsrer Mutter Geheiß zur
Ruhe. Mitten in der Nacht wurde ich wach
und schlich hinüber ins Hinterstübchen. Da saß unsre Mutter und hielt die Hand unsers Altchens. Das lag ruhig und friedlich auf l Die Frühgottesdienst auf dem Schiffenberg. An⸗
feinen Kissen, die Augen geschlossen.
ist in der Hauptsache den Kindern gewidmet, während der Familienabend nur für Er⸗ een bestimmt ist. Wartburg⸗Verein.
Sonntag den 15. August. Beteiligung am
Nachtlampe brannte und beleuchtete das fast schließend: Tagesausflug nach dem Pfahl⸗ lächelnde Gesichtchen, das in den letzten graben. Führer: Engels, Pfaff, Schön. Ab⸗
Stunden ganz klein geworden war. Nur ein
marsch um 7 vom Ludwigsplatz.
Verantwortlich: Pfarrer Be cht 0 lsheimer. Druck und Verlag der Brühb'schen Universitäts-Buck⸗ und Steindruckerel R. Lange, Gießen.
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