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Als im Sommer und Herbst 1914 die ersten Gefangenenscharen nach Deutschland kamen, als scheinbar eine neue, aber unfrei⸗ willige Völkerwanderung einsetzte, da mußte Raum für diese und später für die nach⸗ folgenden Massen geschaffen werden. Bei der gebotenen Eile mußten die Lager geradezu aus der Erde gestampft werden. Wie alles in dem Weltkriege überstieg ja auch die Zahl der Kriegsgefangenen jede angenommene Schätzung. So entstand auf demTrieb, dem schönsten Exerzierplatz Deutschlands, wie der Kaiser einmal bei einem seiner uns allen unvergeßlichen Be⸗ suche hier äußerte, das Gießener Kriegs⸗ gefangenenlager, die jedem Gießener we⸗ migstens von außen bekannte Barackenstadt. Gewiß kann nicht jedes der 200 Lager land⸗ schaftlich so schön und gesund liegen, das aber 1 1 und mußte in jedem Lager in Deutschland angestrebt werden, daß die etwa 2 Millionen Kriegsgefangenen, die in ihnen Aufnahme fanden, zu Hause, sei es in Frankreich, England, Belgien, Italien, Ru⸗ mänien, Amerika, an der Wolga und in Sibirien, in Indien, Australien, Kanada, kurz in der ganzen Welt, wenn auch wider⸗ willig berichten konnten, daß ihnen reichlich Gelegenheit geboten wurde, Kultur und Ord⸗ nung derdeutschen Barbaren zu beob⸗ achten und auf sich wirken zu lassen. Das Schauspiel, das die Kriegsgefangenen zu⸗ letzt in vielen Lagern erlebten, war aller⸗ dings unwürdig und wahrlich nicht geeignet, unsere Feinde Hochachtung vor den Deut⸗ schen mit in die Heimat nehmen zu lassen. Und doch muß man dabei mit einer gewissen Befriedigung die Tatsache feststellen und an⸗

erkennen, daß auch nach der Revolution im

hiesigen Lager viel tüchtige und selbstlose Arbeit geleistet wurde, vor allem der über⸗ aus schwierige Abtransport der Gefangenen im großen ganzen sich reibungslos und im

allgemeinen in bester Ordnung vollzog. So

darf gesagt werden, daß das Gießener Lager

auch in dieser schwersten Zeit seinen guten

Ruf sich erhalten hat. Unter der Leitung seiner Kommandanten, der Herren Oberst Chalons, General v. Peters dorff, Oberst Parrisius, General Exner, Ge⸗ neral Moyzischewitz und General Behm die Namen mögen an dieser Stelle auch für die Gießener Stadtgeschichte festgehalten werden ist es in der ganzen Welt bekannt geworden und hat, ohne an⸗ deren Lagern zu nahe treten zu wollen, sowohl im feindlichen, wie auch im neutralen Ausland als Musterlager gegolten. Mehr als einmal wurde das aus berufenem

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testen Umfang, eben aus Menschen bestand und nicht aus Engeln. Im einzelnen mag davon später die Rede sein; man vergegen⸗ wärtige sich dabei aber von vornherein, wie die Geduld manches wackeren Land sturmmannes durch böswillige, widerspen⸗ stige Gefangene auf die härtesten Proben gestellt wurde.

Wie bei der Einrichtung aller anderen Lager mußte auch in Gießen auf die vielerlei Bedürfnisse Rücksicht genommen werden. welche die Gefangenschaft für die Gefange⸗ nen selbst und für die Bewachungsmann⸗ schaften mit sich bringt, und bis zuletzt wurden Verbesserungen vorgenommen und sich neu ergebende Aufgaben gelöst. Um den großen Kreis dieser Aufgaben anzu⸗ deuten, will ich nur einige Punkte nennen. Es galt ja nicht nur, die Scharen der ge⸗ fangenen Feinde menschenwürdig unterzu⸗ bringen, sondern sie auch unter Verwendung einer möglichst geringen Zahl deutscher Sol⸗ daten hinreichend zu bewachen; es galt, sie zu verpflegen. Das allein war eine Riesen⸗ aufgabe. Eine mir zur Verfügung stehende Statistik stellt fest, daß ein einziges Mittag⸗ essen für Million Gefangene ein Gewicht darstellt, welches 6 Eisenbahnzüge zu je 30 Waggons füllen würde. Man berechne die Mengen, die sich für die vielen Jahre ergeben, und die Teilmengen, die das Gieße⸗ ner Lager zu beschaffen hatte, dem ca. 15 000 Gefangene angehörten. Welche Menge von Arbeit mußte hier geleistet werden, welche Berechnungen angestellt, wie viele Ge spanne aufgebracht werden, wie viele Vor⸗ räte aufgestapelt werden, um die Verpflegung auch für längere Zeit sicherzustellen. Die Riesenarbeit wurde durch Jahre hindurch von unserem Mithürger Hauptmann Pickert und seinen Mitarbeitern in glän⸗ zender Weise geleistet.

(Fortsetzung folgt.)

Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.))

Es war noch früh im Jahr, ein frischer Morgen, als wir erwartungsvoll vorm Lö⸗ wen standen und auf die Post warteten Vater war mit uns gegangen, ebenso die Magd, beladen mit den fein gestickten Reise⸗

taschen, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, daß die meine eine Mieze⸗ katze, die der Base Lina aber einen Dackel im Dessin hatte. Außerdem noch Hut⸗ schachteln, Fußsäcke und Umschlagtücher; denn es war kalt in der Postkutsche, und unsre vorsorglichen Mütter hatten Angst,

Munde, vor allem von den Vertretern der wir würden uns erkälten. Endlich tönt das sog.Schutzmächte freiwillig ausgesprochen. Posthorn, der alte Kasten humpelt langsam Daß trotzdem auch Fehler gemacht worden heran. In den melodischsten Mißtönen bläst sind, daß gelegentlich auch berechtigte Kla- der Schwager das Lied von dem ungetreuen gen laut wurden, wird niemanden ver⸗ Müller und dem zersprungenen Ringlein wundern, der bedenkt, daß das Aufsichts⸗Das ist ein schlechtes Omen, Fräu⸗ personal, ich gebrauche das Wort im wei⸗ lein, meint die alte Babette, die trotz ihrer

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