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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, Estomihi, den I5. Februar 1920

9. Jahrg.

Bleibet bei ihm! 1. Joh. 2, 28. Bleibet bei ihm! In einem ergreifenden Liede hat der Dichter Philipp Spitta die Vergänglichkeit alles Erdenwesens geschildert. Wenn wir diese nie verstanden haben, so verstehen wir sie jetzt. Alles rings um uns her im Fallen und Zusammenbrechen. Die Herr⸗ lichkeit des Deutschen Reiches ist dahin. Wie haben die Besten der Nation für die Eini⸗ gung der deutschen Stämme gewirkt und gelitten, wie haben unsere Dichter vor bei⸗ nahe 50 Jahren dem neuerstandenen Reiche zugejubelt, was für ein hoher, vaterländi⸗ scher Geist war es, in dem wir erzogen worden sind. Das deutsche Heer ist in der Auflösung begriffen. Die stolzen Regimenter mit ihrer ruhmreichen Geschichte haben auf⸗ gehört zu sein, die Regimenter, in die ein⸗ zutreten, einst eines jeden tüchtigen deut⸗ schen Jünglings höchstes Ziel war. Und nun soll auch die deutsche Ehre herabge⸗ würdigt, der deutsche Name für alle Zeit geschändet werden durch das Verlangen un⸗ serer Feinde, daß wir ihnen unsere Heer⸗ führer in die Hände geben. Der deutsche Wohlstand ist dahin, der deutsche Handel ruiniert, Mißmut und Enttäuschung schleichen durch das Land.. In solcher Lage ist es gut, zu wissen,

daß einer da ist, dessen Macht und Herr⸗ lichkeit kein Ende nehmen: Jesus, der Gottessohn. Die Reiche det Erde gehen zu Grunde, sein Reich wächst von Jahr zu Jahr. Mögen die Menschen sich in Zeiten des Glückes und des Ueberflusses von ihm wenden, in den Tagen der Not suchen sie ihn um so eifriger, schließen sie sich um so inniger an ihn an. Gerade jetzt hat die Mahnung besonderes Gewicht: Bleibet bei ihm, und Spitta ruft uns allen hinein in das Herz: f

Bleibt bei dem, der euretwillen

Auf die Erde niederkam,

Der, um euren Schmerz zu stillen,

Tausend Schmerzen auf sich nahm!

Bleibt bei dem, der einzig bleibet,

Wenn auch alles untergeht,

Der, wenn alles auch zerstäubet, Siegend überm Staube steht. Bilder aus dem Uriegsgefangenenlager

Gießen. Von Professor Dr. Fritz Schmoll, Hauptmann d. Res. a. D. Die Schilderungen, die unser Mitbürger Ober⸗Telegraphenleitungsaufseher Hein⸗

rich Wagner von seinen Erlebnissen in französischer Kriegsgefangenschaft ent⸗ worfen hat, sind den Lesern desSonn⸗ tagsgrußes wohl noch in frischer Erinne⸗ rung. Sie geben ein Bild von den ent⸗ setzlichen Qualen, denen unsere Landsleute in den Händen derritterlichen Nation, wie die Franzosen sich gerne nennen lassen, ausgesetzt waren, und dabei haben es Un⸗ zählige dieser Aermsten sicherlich noch weit schlimmer gehabt als Herr Wagner. Die Protokolle, welche jetzt in den Durchgangs⸗ lagern aufgenommen werden, reden in die⸗ ser Beziehung eine erschütternde Sprache, wenn auch die Regierung scheinbar nicht darangehen will, eine Veröffentlichung der an wehrlosen Gefangenen begangenen Schandtaten und Verbrechen vorzunehmen. trotzdem in diesen Tagen unsere Gegner verlangen, daß ihnen Hunderte von deut⸗ schen Offizieren und Beamten zur Bestra⸗ fung für angebliche Kriegsvergehen auszu⸗ liefert werden sollen. Wen erfaßt nicht ein Schauder vor dieser unmenschlichen Rach⸗ sucht und Grausamkeit, welcher Deutsche beißt nicht die Zähne zusammen in hei⸗

ligem Zorn über dieses Dokument der Schande? Wenn ich mich entschlossen habe, den

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Lesern desSonntagsgrußes in zwang⸗ loser Folge einigeBilder aus dem Kriegs⸗ gefangenenlager Gießen zu zeichnen, so tue ich es einerseits, um den Schilderungen Herrn Wagners ein deutsches Gegenstück an die Seite zu stellen, andererseits, um zu zeigen, welch gewaltige Leistung das deutsche Volk neben allen anderen Anforderungen in dem furchtbarsten Krieg aller Zeiten auch in der Aufnahme und Verpflegung der vielen Hunderttausende von Kriegsgefangenen voll⸗ bracht hat. Und das in Zeiten, wo die Ernährungsverhältnisse für die eigenen Volksgenossen unsäglich schwierig lagen. Was im folgenden über das hiesige Gefangenen⸗ lager und seine Einrichtungen gesagt ist, gilt im allgemeinen für die etwa 200 Lager in ganz Deutschland, nur mit der Maßgabe, daß einzelne von ihnen 1020mal so viele Insassen hatten als das Lager Gießen. Es leitet mich bei meinem Vorhaben aber auch die Hoffnung, daß es den vielen Mit⸗ bürgern, welche im Kriegsgefangenenlager militärisch oder im Hilfsdienst tätig waren, willkommen sein könnte, nochmals im Geiste das eine oder andere Stück ihres oft an⸗ strengenden, immer verantwortungsvollen Dienstes rückschauend zu durchleben.

onntagsgruß