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Urgroßtantens RNaritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)

Es war erstaunlich, was sie in der Folge

alles fertig brachte. Als Iwan eines schönen Tages das Bett verlassen konnte, da fing aber seine Erziehung durch Marie erst recht an, und Iwan der Schreckliche hatte noch gar manches Mal Gelegenheit, zu sagen: Maruschka will so. Vor allem war er an Sauberkei und dann an Arbeit zu ge⸗ wöhnen. Bald mußte er kleine Handreichun⸗

gen tun, und nach und nach brachte sie ihn

dazu, sich da nützlich zu machen, wo es eben fehlte. Deutsche Brocken las er tagtäglich mehr auf, so daß wir uns bald gut mit ihm verständigen konnten. Freilich so gut deutsch mit ihm reden wie seine Maruschka, konnten wir nicht. Sie nahm aber auch noch andre Hilfsmittel als nur die S 0 in Anspruch, um sich mit 32770 zu verständigen, und eine gute deutsche Ohrfeige soll Iwan der Schreckliche nicht nur durch Hörensagen kennen gelernt haben.

Iwans Kameraden hatten natürlich das Dorf schon verlassen; denn keiner dachte, daß er mit dem Leben davonkäme.

Wie alt er eigentlich war, das haben wir nie erfahren. Jedenfalls war er bedeutend jünger als Marie. Gleichwohl wunderten wir uns nicht, als eines Tages Maruschka und

Iwan ein Paar wurden. An eine Rückkehr in

seine ferne Heimat 1 er nie gedacht, nahe Anverwandte f schien er nicht mehr zu haben, und es gefiel ihm gut bei uns. Wes⸗ halb sollte er also nicht dableiben?Ma

ruschka will so, und damit war für ihn die e

Sache erledigt. Marie hatte von ihrem Spar⸗ pfennig am Ausgang des Dorfes ein leer⸗ stehendes Häuschen erworben. Dort zog sie mit ihrem Iwan ein, der tüchtig schaffen mußte von früh bis spät. Im Dorfe hatten sie anfangs gelacht und gehänselt. Doch als sie sahen, wie die beiden Leutchen vorwärts

kamen, und nachdem Iwan eines Tages einen Burschen, der seine Maruschka bei der Kirchweihe beleidigt: hatte, mit seiner

Schnapspulle, die ihm bei festlichen Ge legenheiten ausnahmsweise genehmigt wurde, beinahe den Schädel eingeschl agen hatte, da waren die Spötter im Dorfe mit einem Male merkwürdig ruhig geworden, und Iwans wurden von nun an respektiert.

Die kleinen Iwans stellten sich auch in Gestalt eines Knaben und eines Mädels ein, und unser jüngster Bruder hat noch oft mit den kleinen Schlitzaugen gespielt. Die kleinen Nussen waren aber die saubersten Kinder im Dorf, und Vater Iwans Hemd⸗ kragen konnte jederzeit den Vergleich mit der Wäsche eines Großgrundbesitzers wagen. Ja, Maruschka will so, das war der Hauberspruch

Iwan der Schreckliche war schon immer ein * gewesen. Sonntags versammelte

zugerufen

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er vor deiner Haustreppe die Kinder des halben Ortes, er sang ihnen schwermütige russische Weisen vor und schnitzte dabei den Kleinen Spielzeug. Er war in dieser Kunst so gewandt, daß er die zierlichsten Sachen zustande brachte und später sogar Geld damit verdiente. Im Schrank der kleine Soldat, der, wenn man neben an der Kurbel dreht, auf die Trommel schlägt, ist ein Werk von ihm; für unsern Karl schnitzte er ihn, als er noch bei uns war, ehe er von der Ma⸗ ruschka geheiratet wurde.. ich ihn an⸗ sehe, muß ich immer lachen. Das gutmütige Schlitzaugengesicht taucht dann vor mir auf, und eine Stimme sagt ergebungsvoll, aber voll befriedigt:Maruschka will so. 0 (Fortsetzung folgt.)

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen. (Fortsetzung.)

10. October.

Da wir das Vergnügen genießen wollten, den Weg von Maintz, in das Rhein⸗Gau auf der Wasser Diligence zu machen, so hatten wir uns abends vorher, einen Nachen gemiethet, der uns am frühen Morgen nach Maintz fahren sollte, um diese Diligence ein⸗ zuhohlen, welche regelmäßig um 6 Uhr mor⸗ gens abfährt. Um 2 Uhr bestiegen wir den Kahn der schön gesternte Himmel, das feyer⸗ liche Dunkel um uns her, das Klappern der Rheinmühlen, und das sanfte Wogen des Schiffchens auf dem ruhigen Strohme war geeignet, angenehme Gefühle bey uns zu erwecken. Kaum waren wir 50 Schritte vom Ufer, als mit höllischer Stimme uns wurde: Wer da! Wir mußten eiligst zum Ufer zurück, wo denn die Dou⸗ aniers unsere Pässe verlangten, als sie nun diese zu ihrem Aerger in Ordnung fanden, so setzten wir ungestört unsere Wasser-Fahrt fort. Die sanften Bewegungen des Schiff- chens ließen mich bald in einen tiefen Schlaf sinken, als ich erwachte, befanden wir uns gerade dem Einfluß des Mains, in dem Rhein gegenüber. Es war ein herrl ich überraschender Anblick für mich. Die alte ehrwürdige Festung lag prachtvoll vor mir. Ein Wald von Segeln schwamm am Ufer, hin und wieder belebten kleine Nachen den Strohm. Das ganze Ufer wimmelte von Arbeitern, welche neue Werke aufführten. Rechts auf lieblichen Rebenhügeln blinkte Hochheim, und das aus den Ruinen wieder emporgestiegene Kostheim spiegelte sich in den Wellen. Fürchterliche Bollwerke, mit ihren Verwüstung drohenden Schlünden sahen trotzig von den Anhöhen herab, jetzt legte unser Schiffer an, und wir eilten nach der Stadt. Glücklich kamen wir über die erste Zugbrücke durch, als wir an der zweyten Wache vorbeigingen, verlangte man unsere Pässe mit der Erklärung, daß sie erst auf