Hause komme, lassen meine Nerven nach, und ich möchte am liebsten weinen. Wenn mur der Krieg bald vorüber wäre! Aber das wird nicht der Fall sein. Da gehört man aber vorne hin zur fechtenden Truppe. Doch, wenn ich denke, noch einmal von Frau und Kindern Abschied nehmen zu müssen, jetzt, wo ich erst recht weiß, was es heißt, in den Krieg ziehen, das wäre sehr hart, und doch wird es so kommen.
Wir nähern uns Montmédy gegen 7 Uhr. Unter dem Berg, auf dem das einen schönen Anblick bietende Fort liegt, war die Bahn hindurchgeführt. Diesen Tunnel haben die Franzosen alle 40 Meter gesprengt, so daß es unmöglich war, ihn wieder aufzuräumen da die Erde immer wieder nachrutschte. Zu der Arbeit waren Bergleute aus Deutsch⸗ land geholt worden. Da bauten die Eisen⸗ bahntruppen in 6 Tagen eine 4 Kilometer lange Umgehungsbahn, die in Montmédy selbst einige Häuser mitten durchschneidet. Vor dem Tunnel führt eine sehr hohe Steinbrücke über das Tal, ähnlich wie bei Friedberg. Diese war merkwürdigerweise un⸗ zerstört. Ihre Zerstörung hätte wohl größere Schwierigkeiten für unsere Eisen⸗ bahner geboten, wie die Sprengung des Tunnels.
Vor der Hand geht kein Verwundetenzug ab. In der Güterhalle sorgen katholische Schwestern und Brüder gut für die Verwun⸗ deten und Kranken und verabreichen Kakao und Brot mit Schmalz. Der Bahnhofskom⸗ mandant erzählte mir, daß hier in den letzten zwei oder drei Tagen 18 000 Verwundete abtransportiert worden sind. Mitten in der Nacht werde ich in einen Transportzug verbracht, der um 3 Uhr abfährt.
19. 9. 1914. In Esch gibt es morgens schwarzen Kaffee und trocknes Brot. Bei dem andauernden Regen, der heute nacht ein⸗ gesetzt hat, muß ich viel an unsere armen Truppen draußen denken. In Diedenhofen haben wir zwei Stunden Aufenthalt, den ich benutze, um mir den Bart abnehmen und die Haare schneiden zu lassen, damit ich manierlicher aussehe, wenn ich heimkomme. Bei dieser Gelegenheit kann ich mir auch endlich Gesicht und Hände waschen, an denen noch das Blut von meiner Verwundung klebt; ich konnte seither keines Waschwassers habhaft werden. Während ich über den Ge⸗ müsemarkt gehe, höre ich nur französische Laute an mein Ohr schlagen. Sind das die deutschen Brüder, für deren Zugehörigkeit zum Reiche wir kämpfen? In angenehmer Gesellschaft fahre ich nach Trier weiter, wo ich mit einem Reisegefährten warm zu Mittag esse und eine feine Flasche Wein trinke. Ich habe ein ganz schlechtes Ge⸗ wissen gegenüber den Kameraden im Feld, daß ich es nun so gut habe. Aber die Kräf⸗ tigung tat wohl, und meine Stimmung ist wieder gut. Ich freue mich sehr, heimzu⸗ kommen zu meinen Lieben, denen ich eben
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telegraphisch meine Ankunft gemeldet habe, und auch, wenn ich gesund bin, wieder ins
Feld gehen zu können. Bei Sonnenschein
führt mich der Zug durch das schöne Mosel⸗
tal nach Koblenz. Kein Mensch fragt, woher ich komme, wohin ich fahre. Ich habe keinen Ausweis und strebe nur weiter zu kommen der Heimat zu. Wenn ich Glück habe, kann ich morgen früh nach siebenwöchiger Ab⸗
wesenheit wieder zu Hause sein!
20. 9. 1914. Bei meiner Ankunft in Koblenz stand ein Personenzug nach Gießen fahrbereit. Leider war niemand vom Roten Kreuz zu sehen. Ich konnte mir nur im Wartesaal belegte Brötchen holen, und dann ging es in den andern Zug. Leider blieb der Zug um 12 Uhr nachts in Limburg liegen. Sanitätsleute nahmen sich meiner freundlich an, ließen mich ruhen, gaben mir erwär⸗ menden Kaffee und brachten mich morgens
in den Zug
Um ½7 Uhr bin ich in Gießen. Es ist Sonntag. Am Bahnhof und in der Stadt sind nur wenige Menschen zu sehen. Wie ein Fremdling komme ich, mein Bündelchen in der Hand, hier an. Als ich unser liebes Heim betrete, an Ilses Bettchen gehe und sie und meine Frau wieder in die Arme schließe, da bin ich tief erschüttert, aber auch voll Dank gegen Gott für seine gnä⸗ dige Führung. Unser liebes, zierliches Kriegsmädel nehme ich beglückt auf den Arm und begrüße die Verwandten im Hause; allmählich empfinde ich aber, daß meine Nerven recht herunter sind und ich der Ruhe bedarf.
16. 10. 1914. Heute erhielt ich von meinem Abteilungskommandeur einen Glück⸗ wunsch zur Beförderung(ich bin am 1. Ok⸗
tober Hauptmann geworden) und zur Ver⸗ a leihung des Eisernen Kreuzes, die ich erst
hierdurch erfuhr. Ich habe zwar nur meine Pflicht getan und keine besondere Tat voll⸗ bracht, aber was von uns verlangt wurde, war oft recht schwer. Ich bin sehr froh und dankbar, Ritter des schönsten Ordens zu sein, der die Brust eines Deutschen zieren kann.
6. 12. 1914. Mein Aufenthalt in der Heimat bot mir Gelegenheit, zu sehen, in welch aufopfernder Weise unsere deutschen Frauen und Mädchen tätig sind, um Ver⸗ wundete und Kranke zu pflegen, den Soldaten im Felde warmes Unterzeug zu beschaffen, überall zu helfen und Not zu lindern. Ich war jetzt noch einmal 8 Tage von Darm⸗ stadt aus, wo ich seit einem Monat Garnison⸗ dienst tue, in Gießen auf Urlaub. Immer näher rückt der Tag, an dem ich mich wieder von meinen Lieben losreißen muß, um erneut in den männermordenden Krieg zu ziehen, einem ungewissen Schicksal entgegen, Als ich gestern vor dem Schlafengehen mit meiner Frau an die Bettchen der Kinder trat, Ilse über die zarten blonden Locken strich, ihre liebe kleine Hand küßte,
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