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Gemeindeblatt fur die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 36 Gießen, 15. Sonnt. n. Trinitatis, den 12. Septbr. 920 9. Jahrg.

Der Unsichtbare.

1. Kor. 13, 12. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.

In Heinrich Zschokkes, des zu Unrecht Ver⸗ gessenen, schöner NovelleDas Loch im Aermel schreibt Josephine Walter in einem Brief an Konrad Eck, dem sie in jungfräu⸗ licher, reiner Liebe ergeben ist, an entschei⸗ dender Stelle:Ich hätte nie den Mut gehabt, Ihnen das mündlich zu sagen; aber fern von Ihnen hörte meine Schüchternheit auf. So glaube ich, hat der Mensch nur darum den Mut, zu Gott zu beten, weil er ihn nicht sehen kann. Ein Wort, das zum Nachdenken zwingt. Wem Gott nicht nur philosophischer Begriff, sondern lebendige Wirklichkeit ist, persönliche Majestät, Ur⸗ wesen allen Geistes, den muß ein Zittern befallen bei dem bloßen Gedanken, er müßte je in seinem irdischen Sein vor das Antlitz Gottes selber treten. Er fühlt, daß er im gleichen Augenblick zu Asche werden müßte, und nur den einzigen Wunsch hätte, daß auch sein inneres Wesen in nichts zerfalle.

Den Mut, überhaupt zu dem Allgewaltigen

zu beten, kann er nur gewinnen, eben weil er ihn nicht sieht. Aber auch dieser Ge⸗ danke, einmal im vollen Ernst erfaßt, müßte

uns wohl vor Scham vergehen lassen in Er⸗ innerung daran, wie wir zumeist zu Gott zu beten uns unterfangen. Geschieht es auch nur annähernd mit der gleichen Schüchtern⸗ heit, mit der wir schon an einen geistig und

materiell uns überragenden Menschen mündlich oder schriftlich herantreten, wenn wir von ihm etwas erbitten wollen?

Und doch vermag ein wirklich frommer Mensch nicht ohne Gebet zu bestehen. Dazu

gehört aber, daß er ein lebendiges Emp⸗

finden der Persönlichkeit Gottes in sich hat.

Ebenso wird sein Sehnen bleiben, mit Gott als dem Vater irgend einmal in eine un⸗

mittelbare Berührung zu kommen, so wie es

schon von Mose heißt:Der Herr redete

mit Mose von Angesicht zu Angesicht, oder, wie Paulus sagt:Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Dieser höchste und letzte Wunsch ist einfach im Wesen des Menschen begründet, das auf Gemeinschaft, nicht auf Isolierung angelegt ist. Ueberdies können wir Menschen, zu⸗ gleich ins Körperliche gestellt, uns auch den

Geist, selbst den erhabensten, nicht wenn ück, i worden. Jetzt, wo ich weiß, daß ich nach

wir uns ganz genau prüfen ohne eine

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irgendwie sich bekundende Zusammenge⸗ schlossenheit denken. Das Höchste, was wir kennen, ist die Persönlichkeit, das selbst⸗ bewußte Ich, Dieses aber ist stets für unser Erfassen an irgendeinen Wesensausdruck ge⸗ bunden, sonst zerfließt das unrettbar ins Wesenlose, ins zerflatternde und zerfallende Nebelhafte, Unwirkliche. Von dem Wie der Persönlichkeitserscheinung können wir uns sehr oft keine Vorstellung machen, erst recht nicht von der Gottes, aber ohne das Daß kommen wir menschlich nicht durch.

Ist das unbiblisch gedacht? Wohl nicht. Paulus zunächst sagt:Gottes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Kraft und Gott⸗ heit, wird ersehen, so man das wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt. Das Weltall ist die sichtbare Hülle Gottes, in der sein Geist zur Aus⸗ wirkung kommt. Sein Persönlichkeitscharakter ist aber noch zu geschlossenerem, menschlich faßbarerem Ausdruck gekommen. Und das in Christus. Als Philippus ihn bittet:Herr, zeige uns den Vater, so genüget uns, er⸗ widert er:Wer mich siehet, der siehet den Vater; wie sprichst du denn: Zeige uns den Vater? Und ebenso ruft er den Obersten der Pharisäer zu:Wer mich siehet, der siehet den, der mich gesandt hat.

Erst von hier aus, von der Wirklichkeit des über die Erde gegangenen Gottmenschen Jesus aus, bekommen wir den Mut, aber auch das Recht zu dem Wunsche, Gott schließlich auch einmalvon Angesicht zu Angesicht zu sehen, ohne ins Nichts zu zer⸗ stäuben. Möglich ist das aber nur deshalb, weil im Menschen selbst etwas Göttliches, Gottverwandtes ist. Sollten wir ihn nie sehen, kann es nur geschehen, weil wir selbst freventlich die durch und in Christus vermittelten Bande der Verwandtschaft mit Gott zerschnitten haben.

In Gewaltmärschen bis zur Marne.

Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns

d. R. Landgerichtsrat Trümpert, Gießen. (Schluß.)

Gegen 3 Uhr fahren wir ab. An die Loko⸗ motive ist ein offener Güterwagen gehängt und auf diesen sind einige Stühle gestellt worden. Die Eisenbahner, lauter Bayern, sind sehr freundlich gegen den verwundeten Offizier. Die große Eisenbahnbrücke über den Chiersfluß bei Bazailles war von den Franzosen gesprengt und von unseren Eisen⸗ bahntruppen durch eine Holzbrücke ersetzt