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ein großes Bild angebracht, welches die trauernde Germania darstellte. Dieses war mit einer Inschrift in Versform versehen, worin die Sehnsucht nach Freiheit und bal⸗ diger Einigung Deutschlands ausgedrückt war, die ihr durch die Zwietracht der Fürsten vorenthalten werde. Diese Inschrift miß⸗ fiel der Polizei, und sie befahl die Entfer⸗ nung des Bildes. Die Studenten demon⸗ strierten dagegen und erreichten durch Ver⸗ handlungen mit dem Senat und dem Uni⸗ versitätsrichter, daß die Inschrift mit Pa⸗ pier überklebt und das Bild sofort nach Schluß des Festes entfernt werde.

Trotz dieses und einiger ganz unbedeuten⸗ den Zwischenfälle hatte das Fest einen un⸗ gemein schönen Verlauf, der wohl bei allen Teilnehmern den besten Eindruck hinter⸗ lassen und jedem eine angenehme Erinne⸗ rung für sein ganzes Leben bereitet hat.

Heinrich Hochstätter sen.

Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)

Von nun an wird jeden Donnerstag musiziert. Fridolin lebt nur an diesem Tage; die andern zählen nicht. Sie sind's nicht

wert, gelebt zu werden. 5

Die alte Mutter schüttelt oft den Kopf. Was ist nur in den Jungen gefahren? Ein bißchen sonderlich, das war er immer. Aber so kurios, nein, so hat sie ihn noch nie gesehen. Er spricht oft tagelang kein Wort, dann plötzlich ist er aufgeräumt wie nie, dann greift er zur Geige, und es jubelt und singt auf dem Instrument bis in die späte Nacht hinein. Ein andermal wimmert und klagt es daraus hervor, als ob unendliches Weh und Leid den Geiger ge⸗ quält habe.

Fridolin liebt, er liebt zum erstenmal mit all der Leidenschaft, die einer Künstler⸗ seele entspringen kann. Sein ganzes Denken und Fühlen gipfelt nur in dieser Liebe, sein übriges Leben ist nur seelenloses Schattendasein. Die ganze Welt um ihn herum ist versunken, nur seine Geige und die Geliebte, sonst gibt es für ihn nichts mehr. Das Seelenleben war nie reger bei ihm wie jetzt, es zehrt den übrigen Körper mit den ohnehin nicht starken Kräften langsam auf. Er hustet viel und fällt täglich mehr zu⸗ sammen. Kommt dann die Zeit, die ihn zur Geliebten führt, so spannt sich alles an, geistig und körperlich. Er ist munter wie nie zuvor, wird witzig und geistreich, die anfängliche Scheu ist überwunden, und Agathe schaut oft verwundert in die leben⸗ sprühenden Augen, die dann beim Abschied wieder matt und glanzlos zu ihr aufsehen.

Und sie, Agathe? Sie liebt den Geiger, nur den Geiger, der losgelöst vom Men⸗

schen ihr seine Seele gibt und so rückhaltlos zu ihr spricht, wie nie ein andrer zu ihr sprechen wird. Das fühlt das Mädchen, ohne es sich eigentlich bewußt zu werden. Sie musizieren auch zusammen, doch ist er ihr weit überlegen. Es werden ein, zwei Stücke gespielt, dann ist das Komteßchen müde und ruht sich aus, und Fridolin spielt weiter, spielt seine ganze Seele, gibt rück⸗ haltlos dem Grafenkind alles, was er fühlt und was er zu geben hat. Sie steht in seinem Bann, bis er den Bogen sinken läßt, dann hat er für sie wieder jeden Reiz verloren, und achselzuckend geht sie scheinbar zur Tagesordnung über. Daß trotzdem ein Seh⸗ nen in ihr liegt, daß auch sie die Zeit des Musizierens herbeiwünscht, darüber ist sie sich selbst nicht klar.

Doch einmal, es war ein herrlich klarer Septemberabend, Altweibersommer flog schon in der Luft, und klar und rein zogen die Geigentöne durchs offene Fenster hinaus in den herbstlich blühenden Garten. Da preßte ein enges, wehes Gefühl die Brust der jungen Hörerin.Wir wollen ein bißchen zusammen hinaus! bat sie Fridolin, der mur zu gern folgte. Die Schmidtin war heute beurlaubt. Man hatte allmählich die Eti⸗ kette etwas lockerer werden lassen. Der Dorf⸗ schulmeister war ja auch nicht so ernst zu nehmen.

Wie zwei Kinder zogen sie aus, die über⸗ mütige Komtesse und der glückliche Fridolin. Wir wollen auf die Immortellenhöhe, da ist es jetzt so schön, alles gelb! schlug Agathe vor, als sie am Ende des Parkes angelangt waren. Der kleine Hügel in der Nähe war bald erreicht. Er bot heute abend einen wahrhaft malerischen Anblick. Mit blutroten Streifen ging die Sonne im Hin⸗ tergrund unter, davor lag die mit den gelblichen graziösen Blütchen ganz bedeckte Anhöhe, die sich aus bläulich schimmernden Edeltannen abhob. Aufatmend standen die beiden still. Man sah in den Abend hinein, der mit herbstlich kühlem Dunst heraufkroch.

Ach, wie ist es schön hier! rief Agathe aus,und jetzt müssen wir fort! Da war es gesprochen, das grausame Wort. Die Welt schien einen Augenblick stille zu stehen. Als ob ein Herzschlag aussetzte, so war es zwischen den beiden Menschenkindern.

Doch schon ist die Stimmung verflogen. Ein leises Gefühl der Neugierde läßt Agathe nach ihren Begleiter hinsehen.Gott, wie ist er hilflos und ungewandt, er ist doch in unsern Kreisen ganz unmöglich, denkt sie bei sich.

Lachend kniet sie inmitten der blühenden Immortellen und fängt an, einen Büschel nach dem andern zu pflücken.Helfen Sie mir, Fridolin, ich will einen Kranz machen, befiehlt sie übermütig. Da beginnt eine lustige Jagd. Sie sucht die schönsten Blüten⸗ büschel ihm immer vorwegzunehmen. Kaum hat er sie mit seinen kurzsichtigen Augen