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samkeit. Mit einbrechender Dunkelheit be⸗ wegte sich der Zug zurück in die Festhalle, die sich jedoch als viel zu klein erwies, ob⸗ wohl sie eine ungeheure Menge Menschen fassen konnte. Es begaben sich daher viele in den Leibschen Saal, wo ebenfalls ein Musikchor spielte, oder sie zerstreuten sich in die verschiedenen Lokale der Stadt, welche schon von morgens bis in die späte Nacht von munteren Gesellschaften überfüllt waren.

Am nächsten Morgen nach der Tages⸗ reveille und während die Turner in den Straßen der Stadt oder Umgebung sich er⸗ gingen und allerlei Kurzweil trieben oder privatim auf dem Turnplatz übteu, wurde im Leibschen Saale der Turntag abgehalten. Auf diesem wurde unter anderem beschlossen, daß derjenige Turner, welcher den ersten Preis erringen würde, auf Kosten des Bun⸗ des zu dem demnächst stattfindenden Deut⸗ schen Turnfest nach London sowie zu dem mächstjährigen Allgemeinen deutschen Turn⸗ fest nach Leipzig entsandt werden solle. Gleichzeitig mit dem Turntage wurde der Sängertag im Buschschen Garten abgehalten; auch dort wurden wichtige Bestimmungen getroffen, die jedoch fast nur innere Bundes⸗ angelegenheiten betrafen.

Der Festzug, welcher sich am Montag vom Seltersberg herab durch die Stadt nach dem Festplatz bewegte, erhielt eine besondere

Zierde durch die Teilnahme der Festjung⸗ frauen sowie einer Schar kleiner Mädchen in weißen Kleidern und rosaroten Schärpen,

die sich um denSinnspruch der Turner: Frisch, frei, fröhlich, fromm gruppierten. Der Festzug war außerordentlich ansprechend, aus allen Fenstern regnete es wieder Blu⸗

men und winkten Tücher, und es erschallte Gut Heil ohne Unterlaß. Auf dem Festplatz

angekommen, umschloß der Zug zuerst den ganzen Raum, worauf dann die Freiübun⸗ gen, welche vorher eingeübt waren, unter

der Leitung des Turnwarts Rübsamen statt⸗

fanden. Die präzise und exakte Ausführung dieser Uebungen, von mehreren tausend Tur⸗ nern vorgenommen, machte auf das zu⸗ schauende Publikum sichtlich einen bewälti⸗ genden Eindruck. Nach den Freiübungen begann das Riegenturnen, dessen Anblick bei der Beweglichkeit der Massen ebenfalls zur Bewunderung hinriß. Die noch anwesenden Sänger hatten den Zug nach dem Turnplatz noch mitgemacht, begaben sich aber von da, unter Vorantritt eines Musikkorps nach der Festhalle, wo sie ihre Spezialchöre im Bei⸗ sein zahlreicher Zuhörer mit großem Beifall sangen.

Nach Beendigung des Riegenturnens schlossen die Turner auf ein gegebenes Signal einen Halbkreis um den Pavillon, auf dem die Festjungfrauen sich versammelt hatten, um die Verkündigung der Preise sowie die Preise selbst, bestehend aus Eichen⸗ kränzen und Gedenktafeln, aus schöner Hand in Empfang zu nehmen. Es gelangten im

ganzen fünfzig Preise zur Verteilung, davon errang Gießen, mit Einschluß des ersten Preises, sieben. Dieses überaus günstige Re⸗ sultat hatte der Verein hauptsächlich der Unermüdlichkeit und Hingabe seines Turn⸗ warts zu verdanken, der wie kein anderer es verstand, seine Schüler anzufeuern und sie für ihre Aufgaben tüchtig zu machen. Er war kein Meister der Rede, seine Worte waren kurz und etwas barsch, aber er war ein Mann der Tat, so daß der Sprecher eines auswärtigen Turnvereins(Schaum⸗ weinfabrikant Förster von Hochheim a. M.), der in einer Ansprache auf dem Bankett ihn kennzeichnen und seine Verdienste hervor⸗ heben wollte, sagte:Ihr Gießener Turner, ihr wißt gar nicht, was ihr an eurem Rüb⸗ samen habt, ich will es euch sagen, ihr habt einen Edelstein.

Der Erringer des ersten Preises, Hermann

Hanstein, wurde kurz darauf zum Deutschen Turnfest nach London entsandt, dort errang er zugleich mit einem anderen Gießener, namens Zentgraf, der damals in London als Kaufmann in Stellung war und die gleiche Zahl Punkte erwarb, wieder den ersten Preis und ebenso im Jahre darauf auf dem Allgemeinen Deutschen Turnfest in Leipzig. Das war eine Zeit voller Ehren

für den Gießener Verein. Hanstein wanderte dann später nach Amerika aus und ist vor etwa zwei Jahren als Professor an der Hochschule in Chicago gestorben.

War der erste und zweite Festtag ein solcher für Erwachsene, so sollte der dritte hauptsächlich der Jugend gewidmet sein. Vormittags fand ein Schauturnen im Leib⸗ schen Saale statt, und nachmittags bewegte sich ein langer Zug männlicher und weib⸗ licher Jugend unter Vorantragung der für die Wettspiele bestimmten Preise, mit Fah⸗ nen und Musik nach dem Philosophenwald, woselbst in bekannter Weise ein Jugendfest abgehalten wurde. Eine große Menge Turner hatten sich dem Zuge angeschlossen und ver⸗

folgten mit lebhaftem Interesse die Uebungen und Spiele der Jugendlichen.

Die Wirtschaft in der Festhalle war dem Vater Lenz vom Felsenkeller übertragen worden. Dieser leitete den ungeheuren Be⸗ trieb mit einer bewundernswerten Umsicht und Ruhe, dirigierte mit Geschick die große Schar der Kellner und Küchenleute und sorgte für alles aufs beste, so daß nicht die geringste Stockung vorkam und keinerlei Beschwerde oder Unzufriedenheit bekannt

wurde, darum sei auch ihm hier in Ehren

gedacht.

Ein unliebsames Vorkommnis, das damals lebhaft besprochen wurde, möge noch Er⸗ wähnung finden; es geschieht nicht in der Absicht, alte Geschichten auszugraben, son⸗ dern nur, um die damaligen Zustände und den Geist der Zeit in eine schärfere Beleuch⸗ tung zu rücken. Vor ihrer Kneipe auf der

Hanstein, ein Sohn des Reallehrers Dr.

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