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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 27 Gießen, 6. Sonnt. n. Trinitatis, den II. Juli 1920 9. Jahrg.
Im Code vereint.
Psalm 122, 3. Jerusalem ist gebaut, daß es eine Stadt sei, da man zusammenkom⸗ men soll.
Rosen blühten auf den Gräbern und im Buschwerk sangen die Vögel, als ich über den Friedhof der deutschen Stadt ging, die sich im Flußtale hinzieht und an den Berg⸗ hängen aufwärts steigt. An dem Hauptportal zieht die uralte, weit in das Land hinaus⸗ führende Straße vorüber, an der entgegen⸗ gesetzten Seite begrenzt eine niedrige Mauer den Gottesacker. Ueber diese Mauer geht der Wind, und der Blick fällt auf fruchtbares Ackerland, auf Kartoffel- und Kleeäcker. Weit dehnt sich hier die Ebene aus, bis sie allmählich zu grünen Rebenhügeln aufsteigt. Ich ging durch eine Tannenallee und suchte die Stätte, da die Opfer des großen Krieges ruhen. Freund und Feind sind nicht weit voneinander gebettet, die Fremden ruhen mehr nach der Mauer zu, daran schließt sich der Ort, wo unsere deutschen, dort in den Lazaretten verstorbenen Volksgenossen schla⸗ fen. Besonders kenntlich sind— wir befinden uns im besetzten Gebiete— die Gräber der Franzosen, sie sind mit blau⸗weiß⸗roten Ro⸗ setten und kunstvoll angefertigten Perlen⸗ kränzen geschmückt. Auf allen findet man neben dem Namen des Toten die Aufschrift: „mort pour la France“. Auf den Gräbern der Deutschen ragen Holzkreuze auf und Blumen blühen auf ihnen in bunter Fülle. Nicht weit davon liegen die Gräber der Ge⸗ fallenen des Jahres 1870/71, und dieselben Tannen rauschen über den Gräbern der Enkelsöhne. So gibt fast jede Generation ihren Tribut zu den Blutopfern, die die Politik von ihr fordert.
Als ich so durch die Gräberreihen hin⸗ durchschritt, merkte ich mir einige Namen. Ich las:„John Dearn, Romanow Tscher⸗ kasow, Angelo Franreschini, Pierre Morin“. Einige Schritte weiter steht auf einem Grabe: „Pionier Kurt Wöhe aus Nürnberg.“ Also der Engländer, der Russe, der Italiener, der Franzose und der deutsche Jüngling aus der Hauptstadt des Frankenlandes, sie ruhen dicht nebeneinander. Friedlich sind die, die sich einst sso heiß befehdeten, zueinander gesellt, kein Wort des Streites, kein Schlacht⸗ ruf dringt mehr in ihre Gruft, nur der Wind flüstert in den Bäumen, und die Menschen, die dort auf und ab wandeln,
7 2 7 sprechen mit gedämpfter Stimme. Aber auch in der Welt, in der die erlösten Seelen der
Kämpfer nun weilen, hört man nichts mehr
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von Kampf und Neid, von Haß und Völker⸗
sturm. Nicht nur war einst das irdische Jerusalem eine Stadt, da die zwölf Stämme des Volkes Israel zusammenkamen, auch das himmlische Jerusalem, die Gottesstadt, ist der Ort, an dem die, die hienieden von⸗ einander getrennt waren, in Freude und Frieden zusammenkommen und allen Erden⸗ haß vergessen.
Es wäre gut, wenn die Menschen unserer Tage, wenn namentlich auch unsere Gegner öfters einmal nach den Soldatenfriedhöfen gehen wollten. Da würden sie sich einmal fragen, ob es vor Gott recht ist, so viel Jammer und Leid über die Menschheit zu bringen. Man sagt oft, daß Kampf und Krieg ein Volkstum erhielten. Heißt das ein Volkstum erhalten, wenn ein Volk zwei Millionen seiner Tüchtigsten und Mu⸗ tigsten dem Zerstörungswerke der Maschinen⸗ gewehre und großen Schiffsgeschütze aus⸗ liefert? Warum fehlt es uns jetzt so sehr an idealer Gesinnung, an entschiedener Hinwen⸗ dung zum Guten? Weil die, die zu unseren Führern geboren waren, in der Champagne, in Flandern und in Polen schlafen. Gott lasse aus dem Blut und den Tränen des Weltkrieges eine neue Menschheit erstehen, die fleißig sei zu guten Werken und es lerne, Frieden zu halten; denn die Frucht der Ge⸗ rechtigkeit wird gesäet im Frieden denen, die den Frieden halten. H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
24. Eine Erinnerung an das dritte mittelrheinische Turnfest und das Gesangfest des Deutschen Sängerbundes am 17., 18. und 19. August 1862 in Gießen. (Schluß.)
Auf dem Festplatz in Oswaldsgarten be⸗ fanden sich an den Seiten noch zwei Musik⸗ tribünen und ein Pavillon für die fürst⸗ lichen Gäste, sowie verschiedene Wirtschafts⸗ zelte, trotzdem erwies sich der Platz als ausreichend. Nachdem der Zug dort ange⸗ kommen und sich seiner ganzen Länge nach entwickelt hatte, bildete er einen Kreis, in welchem der zweite Sprecher des Turn⸗ vereins, Herr Hofgerichtsadvokat Baist, mit passenden Worten das Preisturnen einleitete. Im ganzen wurde sehr schön geturnt und hervorragende Leistungen mit Bravos aus⸗ gezeichnet. Rings um die Geräte, an denen die Preisturner arbeiteten, hatten sich die übrigen Turner im Kreise gelagert und ver⸗ folgten den Wettkampf mit größter Aufmerk⸗


