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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nu 14
Gießen, Quasimodogeniti, den II. April 1920
9. Jahrg.
Nachdruck verboten. Lichtträger.
Zur Konfirmation 1920. Von D. Karl Hesselbacher.
Ein wunderliebes Bild hat uns der Maler Rudolf Schäfer gemalt: die fünf klugen Jungfrauen, wie sie dem Bräutigam ent⸗ gegengehen. Hohe goldene Leuchter tragen sie in der Hand, auf denen die gefüllten Ampeln brennen. Der Lichtschein überflutet die weißgekleideten Gestalten, die langen Haare, die wie eine Flut um die Schultern fließen, und die Kränzlein, die sie auf ihren Häuptern tragen. Lauter Licht— lauter Freude! So ziehen sie in den Brautsaal ein
9 zum Fest, auf dem„die Psalmen klingen im
hohen Himmelssaal“!
Gibt's ein lieberes Bild zum Konfirma⸗ tionstag? Ihr Kinder alle, draußen in den stillen Dörfern unter dem Kranz der Bäume, die ihre ersten Knospen schwellen lassen, und in denen die Amseln ihr Jubellied singen wie einen Willkommruf für euch, wenn ihr über die reingefegte Straße wallt zum Kirch⸗ lein auf dem Hügel! Und ihr Kinder in den Städten, in der großen Schar, die im weit⸗ räumigen Schiff euerer Kirche euch sammelt! Ihr Kinder alle, was möchten wir euch lieber wünschen als solch ein Fest, über dem die hehre Weihe einer reinen lauteren golde⸗ nen Freude schwingt!
Und die Freude ist doch so schwer zu finden in dieser Notzeit. Auch ihr Jungen steht, so kindlich heiter ihr durch den Mor⸗ gen eurer Kinderzeit schreitet, doch schon unter dem Druck unserer harten Zeit. Be⸗ kümmert haben Vater und Mutter euch oft angesehen:„Was soll aus euch werden? Wie werdet ihr euch durchfinden durch die Sorge ums Brot und die harte Armut, die vor euch liegt?“ Viele unter 575 haben sich sorgenvoll fragen müssen:„Was für 8 einen Beruf will ich wählen? Und alle Türen schienen geschlossen zu sein, an denen Da will die Freude nicht kommen, die kam, als wir Frieden hatten und vor den Kindern der große Ge⸗ danke stand:„Nun darf ich etwas Ganzes und Tüchtiges werden! Nun geht es hinein in die Zeit der Reife! Jetzt darf ich einen Platz ausfüllen, der 8 zum ganzen Mann, zur wackeren Frau macht!“ Wo ist die köst⸗ liche Zuversicht hinges schwaunden in einer Zeit, in der kein Mensch weiß, was werden soll
und was aus den Kindern werden soll?
Und doch— Freude soll über euch kom⸗ men, hohe, schimmernde Freude. Die Freude,
die dort auf den Gesichtern der Jungfrauen liegt, die hineinziehen in den Hochzeitssaal. Wißt ihr von dieser Freude? Ich will sie euch nennen: das ist die Freude, die ruft „ich darf ein Gotteskind werden! Einerlei wo ich stehe und wo ich wirke, einerlei was ich durchmache an Kämpfen und Nöten— ich darf immer, wohin ich auch geführt werde, zeigen, daß ein Gotteskind aus mir geworden ist. In mir leuchtet das Licht, das aus dem Herzen des herrlichsten Gottes⸗ kindes auf Erden, aus dem Herzen Jesu, herausgeleuchtet hat und das auf mich hereingeschienen ist, daß mein ganzes Sein und Wesen ein Abglanz und Widerschein dieses Lichtes sein darf.“
Sage ich zuviel? Nun, dann will ich euch eins fragen: Ihr jungen Leute, ihr seid doch die Leute einer wahren Begeiste⸗ rung? Ihr jauchzt über die großen und herrlichen Menschen, die ihr kennen ge⸗ lernt habt. Das müßte ein armseliger Junge sein, der sich nicht begeistern könnte für unsere Helden, die hinausgezogen sind in Not und Tod, um Heim und Herd zu schützen. Und das wäre ein jämmerliches Mädchen, das nicht aufjubeln könnte, wo ihr ein Mensch mit einem klaren Auge und mit einer reinen Hand, mit einem Herzen voll Güte und Helfersinn begegnet. Nicht wahr, Kinder, das ist das Schönste und Größte, was es gibt? Hat euch nicht das Herz im Leibe gebrannt, als ihr hörtet von Luther, wie der zu Worms seinen Kopf hinhielt für seinen Glauben?„So einer will ich werden — mich nicht beugen vor der Macht der Menschen!“ Habt ihr nicht euch gelobt, wenn ihr von der Krankenschwester gehört habt, die still und unverzagt hineinschritt zu den Pestkranken und ihr Leben ließ in der Arbeit für die Allerelendesten:„Das ist ein Leben, der Mühe wert, gelebt zu werden! So möchte ich einmal sein— eine Dienerin der Liebe und Treue! War das nicht Freude, so rein und klar, wie sonst keine in der Welt?
Und der Herrlichste? War das nicht Jesus selbst, der um euretwillen durch die Nacht von Gethsemane und durch den Jammer des Kreuzes schritt? Und hat nicht euer Herz seinen hellsten Schlag getan, als ihr ihn gesehen habt:„Dir gehört mein Leben! Du hast es dir blutsauer werden lassen um meinetwillen— es soll wahrhaftig nicht um⸗ sonst sein!“
Da floß doch ein Licht über euren Weg!
Und nun traget dies Licht hoch über dem Leuchter: das Licht eines Lebens, in dem


