Ausgabe 
10.10.1920
 
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1 Nr. 11 ausführ⸗ Zeitung

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onntagsgruß

Gemeindeblatt fuͤr die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Gießen, 19. Sonnt. n. Trinitatis, den Jo. Gktbr. 1920 9. Jahrg.

Nr. 40 Das Alltägliche. Psalm 34, 2. Ich will den Herrn loben allezeit.

Die Menschen sind undankbar. Gottes Güte und Allmacht tut täglich und stündlich Wun⸗ der vor ihren Augen, so viele und so häufig, daß sie sich daran gewöhnen als an etwas Alltägliches und verlernen, sich zu wundern, zu bewundern, zu danken. Goethe sagt einmal:Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde dauert, sieht man nicht mehr an.

Jeder Morgen, der uns mit frischen Kräf⸗ ten an unser Tagewerk ruft, ist ein Wun⸗ der Gottes und sollte uns darum zu Andacht und Dank stimmen. Auf Schritt und Tritt begleitet uns Gottes Wundermacht durch den Tag. Wer sich den Sinn dafür nicht ab⸗ stumpfen läßt, sondern sich die Empfäng⸗ lichkeit für Gottes herrliches Walten im eigenen Dasein wie in der Umwelt, auch im Kleinen und Kleinsten des Alltags be⸗ wahrt, der lebt ein wahrhaft frisches, fröh⸗ liches Leben, in steter enger Verbindung mit dem Urquell des Lebens, dessen Geheimnisse er im Lichte der Ewigkeit ahnungsvoll. schaut. Er gleicht dem Sehenden gegenüber dem Kurzsichtigen, ja, Blinden, der stumpf⸗ sinnig an den Wundern des Lebens vorbei⸗ geht. Diese verhüllen sich seinem Blick durch den Staub des Alltags. So wird das ganze Seelenleben aus den göttlichen Höhen herabgedrückt und erniedrigt; es bleibt schließlich nur noch empfänglich für die Nachtseiten des Daseins, die es um so stärker empfindet, je mehr sich ihm die Strahlen göttlichen Lichtes verdunkeln. Daher so viel Weltschmerz und Pessimismus unter den Menschen.

Hätten wir uns mehr den Blick für das Walten Gottes in seinen kleinen und großen Wunderwerken durch den Alltag hindurch bewahrt, wir würden auch in unserer trüben Gegenwart Trost und Freudigkeit die Fülle finden und statt der fortwährenden Klagen und Anklagen gegen den Weltenlenker noch reichlich Anlaß haben zu Lob und Dank, zu anbetender Bewunderung. 5

Denn je schlimmer uns das Leid heim⸗ gesucht hat, um so näher war uns Gottes schützende Vaterhand.

Wie armselig ist der Mensch, der nur im Nebel der Alltagslast dahinkeucht, ohne die Sonnenstrahlen aus Himmelshöhen leuchten zu sehen! Demgegenüber gleicht der Tag des Andern einem Fest, der Gottes Wunder⸗ hand in allem sucht und findet, dem sich

aus solcher Lebensphilosophie wahre Lebens⸗ freude erschließt. die Chronit des Gießener Ratsdieners

Philipp Moritz Moll(1857 1847).

N Fortsetzung.)

Vom 23. bis 26. Merz hatten wir einen Fuß hohen Schnee.

Am 29. Merz starb Her Bürgermeister Schneider.

(Johann Melchior Schneider, Großherzog⸗ licher Bürgermeister der Stadt Gießen, starb im Alter von 71 Jahren am 28. März 1840 und wurde am 31. März zu Grabe gebracht.)

Am 8. Mai erhielt Herr Professor Dr. Liebig das Ehrenbürgerrecht.

Juni, den 4. wurde der Knopf vom Kirchturm genommen und fanden sich Mün⸗ zen und eine Schrift von 1699 darin.

(Ueber diesen Vorgang hat derSonn⸗ tagsgruß, Jahrgang 1912, Nr. 44 u. 45, ausführlich berichtet.)

Den 13. Juni Nachmittags gegen 6 Uhr kam der Thronfolger von Rußland hier durch und den 22. der Kaiser von Rußland auch.

Vom 16. bis zum 20. Juni wurde der Thurmknopf vergoldet, wieder aufgesteckt und mehrere Münzen und Documenten hinein gelegt.

Am 28. Juli brannte es in Leihgestern.

Am 18. August brannte es in Magnus

seiner Dörre. (Das Brauhaus von Magnus, in dessen Dörre es brannte, stand in der Braugasse und ist jetzt die Brennerei der Firma Wil⸗ helm Wallenfels& Sohn.)

Am 6. Septr. wurde die katolische Kirche durch den Bischof Kaiser aus Mainz ein⸗

geweiht.

Jahr 1841. 1 5 8. Januar einen Schnee von Fuß hoch.

Am 18. Januar war das Wasser so groß, daß man ins Beckersgarten zu dem Fenster einsteigen mußte.

(Der hier erwähnteBeckers Garten ist zweifellos der später in den Besitz der Fa⸗ milie Pistor gelangte Garten, der am Neu⸗ städter Tor lag und in unserem Artikel Gießener Familienleben in drei Genera⸗ tionen neulich auf Grund einer alten Auf⸗ zeichnung beschrieben wurde.)

(In früheren Jahren, solange die alte Britkke noch stand, schwoll das Wasser der Lahn nach langen und strengen Wintern beim Eisgang zuweilen sehr hoch an, so daß es die Torhäuschen umspülte und in die