Blicke der schärfsten Beobachtung. Sie fühlte sich uns gegenüber als Königin der Luft.
Die Mittagsglocke rief uns nach Hause, was nicht verhinderte, daß wir sobald als
möglich wieder zur Stelle waren. Das Bild hatte sich kaum verändert, nur die Vorbereitungen schienen jetzt fertig. Die
Truppe bestand aus dem Harlekin, aus Anitas Vater, der wegen seines barschen Wesens uns wenig gefiel, aus Anita selber und aus der alten Großmutter, die wir nur flüchtig im Wagen gesehen hatten. Das Mädchen mit den flüchtigen Füßen blieb den ganzen Nachmittag unsichtbar, teils um die Spannung zu erhöhen, teils um sich wohl für den Abend auszuruhen.
Um acht Uhr sollte die Vorstellung vor sich gehen. Die Glanznummer des Abends „die Königin der Luft fährt einen goldenen Wagen über das Seil“ lockte auch wirklich Jung und Alt herbei. Trotz aller Müdigkeit nach der schweren Feldarbeit versammelte sich das ganze Dorf auf dem Platze, der jetzt mit einigen Papierlaternen festlich er⸗ leuchtet war. Die Honoratioren des Dorfes hatten sich auch eingefunden, und an den Fenstern des Wirtshauses stand Kopf an Kopf. Es war ein wundervoller Sommer⸗ abend, die Linden rings um den Platz dufteten süß und die bunten Papierlaternen beleuchteten magisch das alte stattliche Rat⸗ haus mit seinen schönen Formen.
Mit Trompetenstößen leitete der Harlekin die Vorstellung ein, und der Vater Anitas, Senor Lukas, wie er sich nannte, bestieg das Seil. Er war in rosa Trikot mit grünem Sammethöschen und Stiefelchen mit goldnen Troddeln gar herrlich. Das finstre Wesen war der größten Liebens⸗ würdigkeit gewichen, und nach rechts und links flogen die Kußhände, namentlich da⸗ hin, wo die Dorfschönen frisch gewaschen und mit spiegelblanken Wasserscheiteln stan⸗ den und kichernd die Hände unter die Schür⸗ zen steckten. Er ging gewandt auf dem Seil hin und her, machte einige Sprünge, stand auf einem Bein und stieg dann mit Grandezza wieder herunter, tüchtig bellatscht von dem dankbaren Publikum.
(Fortsetzung folgt.)
Von der Genesung.
Haben wir nicht alle die Ueberzeugung, daß ein kranker Zug durch die ganze Weit geht, wir mögen hinschauen wohin wir
wollen? Am schmerzlichsten aber trifft es
uns, zu sehen, daß dieser Zug so stark unser einst so blühendes Vaterland ergriffen hat. Wer hätte da nicht den Wunsch, helsend diese große Not zu lindern, Zeit und Kräfte dem Volk zu widmen, das zugrunde gehen muß, wenn es sich von dem uutbeisvosten Zwang nicht frei macht, um zu den Quellen
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zurückzukehren, aus denen allein Zufrieden⸗
heit und inneres Glück zu schöpfen ist? Wir wissen aber, daß unser Bemühen umsonst sein muß, wenn alle die irregeleiteten Seelen nicht selbst trachten, den Heimweg zu finden ins Vaterhaus, aus dem Wirrsal der Irrwege, aus der Gottentfremdung, die wie eine tödliche Krankheit weite Schich⸗ ten ergriffen hat. Und doch können wir helfen, indem wir sie im Gebet an unser Herz schließen und vor Gottes Thron brin⸗ gen, dem einzigen Helfer.
Kürzlich gab mir ein Vers aus dem 80. Psalm so viel Trost, daß ich ihn vielen bekümmerten Seelen sagen möchte, es ist der Vers: Gott, tröste uns, und laß leuch⸗ ten dein Angesicht, so genesen wir. Viel ließe sich darüber sagen, aber ich denke, ein jeder findet den Trost darin, dessen er bedarf in dieser Zeit tiefster Not.
Du, der du unaussprechlich liebst, hörst unser Herz nie flehen, ohn' daß du ihm die Hoffnung gibst Amen, es soll geschehen!
Baronin R.
Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 9. Mai. Rogate. Kollekte für die evangelischen Gemeinden im Ausland.
In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 9¼ Uhr: Psarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.
In der Johanneskirche Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 9½% Uhr: Pfarcer Bechtolsheimer.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer
Bechtolsheimer.— Abends 8 Uhr: Vibel⸗ besprechung im Johannessaal. Montag den 10. Mai: Im Johannessaal, abends 8 Uhr: Vor⸗
trag des Piaarr ers Claußen-Judenburg über „Auf evangelischem Vorpossen in Steier⸗ mark“, veranstaltet durch den Evang. Bund.
Donnerstag den 13. Mai(Himmelfahrtstag), In der Stadtkirche. Vormittags 9¼ Uhr: Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. Pfarrer Bechtolsheimer.
In der alten Friedhofskapelle: Nachmittags 2 Uhr: Pfarrassistent Dr. Bingel.
Vorm. 9½ Uhr:
Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. Druck und Verlag der Brühb'schen Universitäts⸗Vuch⸗ und Steindruckerel
R. Lange, Gießen.
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