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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 18
Gießen, Rogate, den 9. Mai 1920
9. Jahrg.
Der letzte Feind.
1. Kor. 15, 26. Der letzte Feind, der auf⸗ gehoben wird, ist der Tod.
Leben heißt ringen mit Schwierigkeiten. Man hat die Erdenwallfahrt schon oft mit einer Wanderung über ein breit gelagertes Hochgebirge verglichen: Hat man eine Ge⸗ birgskette überwunden, so türmt sich eine zweite steilere und höhere vor den Blicken auf. Jede neue Schwierigkeit, die vor uns auftaucht, erregt in uns Sorge, oft auch Furcht. Das fängt schon in der Kindheit an. Der Gedanke an die Schulprüfungen, denen es entgegengeht und von deren Ausgang oft die Gestaltung des ganzen späteren Le⸗ bens abhängt, bewirkt, daß das Kind in seiner Fröhlichkeit und Harmlosigkeit gestört wird. Die Notwendigkeit, zu irgendeinem Zeitpunkte aus dem Elternhause zu scheiden, legt sich wie ein dunkler Schatten auf das Gemüt des Heranwach enden. Was man in der eigenen Jugend durchgemacht hat, wiederholt sich, wenn man selber Kinder hat, alle Nöte erlebt man da zum zweiten Male, und neue kommen hinzu. Durch Krankheits- und Todesfälle, an Sorgen und Särgen, wie Gustav Frenssen sagt, vorüber, schreitet man hinein in das Alter. Aber eine Erfahrung machen ale, nämlich die, daß sie alle Nöte mit Gottes Hilfe über⸗ winden. Das, was von weitem gesehen, Schrecken erregte, verliert seinen Schrecken, sobald man es dicht vor Augen hat.
Die letzte Not oder, wie Paulus so treffend sagt, der letzte Feind ist der Tod. Sollen wir mit diesem Feinde nicht dieselbe Er⸗ fahrung machen wie mit den Feinden, die wir vorher überwunden haben? Pau us be⸗ jaht diese Frage: der letzte Feind, der auf⸗ gehoben wird, ist der Tod. Und das Leben bejaht diese Frage. Wir finden Tausende, denen der Tod zuletzt durchaus kein Schreck nis mehr ist. Sie überwinden ihn wie einst das Scheiden aus dem i alle Verluste und Enttäuschungen des Le⸗ bens, sie überwinden den Tod durch Jesus, der das ewige Leben in die Welt gebracht hat. 5 H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Fießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen.
(Fortjetzung. 5 Jakob Pistor hat in seinem Leben viel Leid erfahren. Er war dreimal verheiratet. Di⸗
Elternhause, wie
haben, die Tochter des Kastenmeisters Georg Melchior Becker. Mit ihr wurde Pistor am 14. Oktober 1813 ehelich verbunden, sie starb am 22. Februar 1814, also vier Monate nach der Hochzeit, im Alter von 19 Jahren. In zweiter Ehe verheiratete sich Pistor am 1. Oktober 1815 mit Marie Lynker, die am 14. März 1819, 33 Jahre alt, starb. Vier Jahre später ging er mit Luise Müller, der Tochter eines Hofrates aus Broich an der Ruhr, die dritte Ehe ein, die schon nach sechs Jahren durch den Tod des Ehemannes zu Ende ging. Emil Pistor, der am 24. Ok⸗ tober 1816 geboren ist, stammt also aus der zweiten Ehe seines Vaters.
Zu Beginn des Jahres 1813 scheinen sich die späteren Ehegatten Jalob Pistor und. Eleonore Pistor, geb. Becker, noch ziemlich fremd gegenübergestanden zu haben; denn noch sehr gemessen klingt, wenn wir in dem mehrfach erwähnten Stammbache eden:
„Laß die Jahre schnell wie Ströme eilen,
wahre Freundschast störet keine Zeit;
ihre Freuden, Bester, sie verweilen,
es sind Freuden für die Ewigkeit. Gießen, den Aten Februar 1813.
Zum freundscha tlichen Andenken schrieb dieses Ihre Freundin Eleonore Becker.“
Aber bereits am 3. September des ge⸗ nannten Jahres verlobten sich die beiden miteinander und schon am 11. Oktober, also einen Tag, bevor die Schlacht bei Leipzig begann, fand abends um 6 Uhr durch Pro⸗ fessor und Pfarrer Diefenbach die Trauung statt.
Es war ein sehr kurzer und durch die Zeltereignisse schwerer Eh stand, den die bei⸗ den jungen Leute miteinander führt n. Im Namen und Auftrage seine Schwie ermutter trägt Jakob Pistor in das mehrfach er⸗ wähnte Hausbuch ein:„Novbr. 2. Rückten die ersten Russen hier ein, ich b kam zwölf Mann ins Quartier, die uns sehr quälten. Während den 6 Tagen, als diese hier waren, haben sie mir mehr als 1 Ohm Brandwein getrunken.“.
Nach den Russen kam ein noch viel schlim⸗ merer Gast nach Gießen, das war der Fleck⸗
typhus, damals Nerven fieber oder Spitalpest genannt. Schon im Oktober hatte diese Krank⸗ heit in Sachsen furchtbare Verheerungen angerichtet, sie kam mit den fliehenden Fran⸗ zosen nach Mainz und verbreitete sich rasch in ganz Westdeutschland. In Mainz allein erlagen bis Mai 1814 23 000 Menschen
erste Ehegattin war, wie wir schon erwähnt dieser Krankheit.— In dem Weltkriege,
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