Ausgabe 
8.8.1920
 
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liche Anstrengung und seelische Erregung. Todmüde strecke ich mich bei einem Geschütz zur Ruhe nieder.

29. 8. 1914. Bis 5 Uhr konnten wir schlafen; es war feucht und kalt. Jetzt erwarten wir den Angriff des Feindes. Wir sind gestern in eine richtige Falle gegangen; offenbar hatte die Aufklärung vollständig versagt. 5

Soeben höre ich, daß die Untersuchung des Generalkommandos ergeben hat, daß der Maire von Mouzon und ein zurückge⸗ bliebener französischer Major mit den fran⸗ zösischen Truppen in(wohl telephonischer) Verbindung gestanden, und alles Wissens⸗ werte über unsere Stärke und die Vor⸗ marschstraßen mitgeteilt haben. So läßt es

1 sich auch allein erklären, daß jeder vor⸗

gehende oder neu in Stellung gebrachte Truppenteil sofort Feuer erhielt. Da das 6. Armeekorps in der Nacht südlich von uns die Maas überschritten hat, soll der Feind sich zurückgezogen haben.

Die uns jetzt gegenüberstehenden Truppen sind entschieden tapferer, wie die Kolonial⸗ truppen, mit denen wir zuerst kämpften. Sie halten energisch Stand. Unsere In⸗ fanterie ging gestern wieder, ohne ein Zu⸗ sammenwirken mit der Artillerie abzuwar⸗ ten, wie toll darauf los, hatte dabei große

erluste und dann fehlte es an Reserven, um die im ersten Ansturm errungenen Vor⸗ teile festzuhalten oder auszubauen. Ich

sprach eben Major Schröder aus Gießen,

der mir erzählte, daß das Res.⸗J.⸗R. 116 gestern über 60 Proz. verloren hat und jetzt nur noch ein Bataillon bildet, das er führt. Abends hätten sämtliche Fahnen für verloren gegolten, doch hätten sich die Fahnenträger mit der Fahne bis zum Mor⸗ gen wieder eingefunden. Später wurden alle Fahnen in die Heimat zurückgeschickt. Unsere Division hatte gestern überhaupt starke Ver⸗ luste. Meine Batterie verlor 1 Toten, 11 Verwundete, von denen später noch zwei in Mouzon starben, und 12 Pferde tot. Ich hatte im Sommer 1916 noch einmal Ge⸗

legenheit, über das Schlachtfeld vom 28

August 1914 zu fahren und sah voll Schmerz die vielen, vielen mit Kreuzen gezierten Gräber der braven Kameraden des Res. J.⸗R. 116, besuchte damals auch das Grab des Kameraden Heil, das ich für seine Eltern hatte photographieren lassen. Der 28. August 1914 war ein dies ater(ein dunkler Tag) und einer der verlustreichsten während des ganzen Krieges für die 25. Res.⸗Division, weshalb ich meine Aufzeich⸗ nungen darüber hier ungekürzt wiederge⸗ geben habe.

30. 8. 1914. Wir kamen gestern nicht weit. Wir rückten bis Voncg vor, wo wir zunächst parkierten und abend Biwak be⸗ zogen. Auch konnte geschlachtet werden. Wir empfinden es sehr unangenehm, daß wir

keine Feldküchen haben. Bei Kriegsausbruch war wohl nur die Infanterie mit Feld⸗ küchen ausgestattet. Generalfeldmarschall Graf Hgeseler soll sich deren Einführung lange widersetzt haben. Die einzelnen Fahr⸗ zeuge müssen für sich in den Kochgeschirren kochen, und da ist es jetzt schon sehr häufig vorgekommen, daß das Essen, ehe es fertig gekocht war, weggeschüttet werden mußte, weil Marschbefehl kam. Auch morgens war sehr häufig keine Zeit zum Kaffeekochen. Die fast achtstündige Ruhe heute nacht tat uns sehr wohl, da wir seither meist nur 34 Stunden Schlaf hatten.

(Fortsetzung folgt.)

Urgroßtantens RNaritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)

Christel weint spät abends in ihrem Kämmerlein. Horch, klopft es nicht leise am Fenster? Zögernd öffnet sie den Laden. Da vernimmt sie ganz leise den Amselpfiff, und gleich darauf taucht das glückliche Gesicht des Waldläufers vor ihr auf. Sie schlägt die Hände zusammen. Was sieht sie in seiner Hand? Einen Hirschdukaten, und leise er⸗

zählt er ihr die ganze Geschichte.

Gute Nacht, Frau Leibschütz! Morgen kaufe ich mir sie! Uebermütig küßt er den kleinen Mund, und leise schließt das glück⸗ liche Mädel das Fenster.

Heute schlägt der Herr Vater nicht auf den Tisch. Er steht stumm und sprachlos, nimmt schließlich der Tochter Hand und legt sie in die braune des Waldläufers. Und als das im Dorf bekannt wird, und die neugierigen Nachbarn kommen, da sagt er stolz:Mein Schwiegersohn, der Herr Leib⸗ schütz, hat seiner hochfürstlichen Durchlaucht dem Herrn Landgrafen das Leben gerettet.

Der Waldläufer aber neckt noch Jahr und Tag sein Weibchen, und wenn es mal anders will als er, so ruft er:Ruhig, Alte, sonst verkauf ich dich wieder für einen Hirsch⸗ dukaten!

15. Die letzte Geschichte.

Jahre waren hingegangen. Der fünfzehn⸗ jährige Backfisch, der ich jetzt war, verstand sich besser mit der alten Tante als das nase⸗ weise Schulmädchen von früher. Ob ich vernünftiger, ob die Großtante durchs Alter weicher geworden war, wer kann's wissen? Mich hatte der Zauber des Altjungfern⸗ stühchens gefangen genommen, ich ging jetzt doppelt gern, namentlich in der Dämmerung, hinüber zu einem Schwätzchen. So auch heute. Es war zwei Tage vor Weihnachten. Ich hatte beim letzten Tagesschein in der Stadt noch Stickseide geholt, die mir zum Fertigstellen der letzten Weihnachtsarbeit fehlte, und war durchgefroren mit dicken Schneestollen an den kalten Füßen heim⸗