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Gemeindeblatt fuͤr die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 31 Gießen,
10. Sonnt. n. Trinitatis, den 8. August 1920 9.
ö Soziale Gesinnung.
1. Kor. 12, 26. So ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glie⸗ der mit.
Seit Jahrzehnten gehören in Deutschland die Bezeichnungen„soziale Gesinnung“ und „soziale Betätigung“ zum Gemeingut aller, aber ein Blick auf das derzeitige öffentliche Leben zeigt, daß unter uns von sozialer Gesinnung so gut wie nichts zu finden ist. Seit dem unglücklichen Ausgange des Krieges ist bei uns eine Rücksichtslosigkeit im Aufstellen von Forderungen erwacht, die alles Dagewesene übersteigt. Produ⸗ zenten, Fabrikanten, Kaufleute, Beamte, Ar⸗ beiter beanspruchen für ihre Erzeugnisse, ihre Fabrikate, ihre Waren, ihre Arbeits⸗ leistungen eine Bezahlung, die, wenn man frühere Zustände damit vergleicht, auch un⸗ ter Berücksichtigung des gesunkenen Geld⸗ wertes, an das Fabelhafte, das Phantastische grenzen. Dagegen könnte man ja nichts einwenden, wenn Mittel in reicher Fülle vorhanden wären, aber wohin wir schauen in Staat und Gemeinde, da ist ein bedroh⸗ liches Defizit wahrzunehmen. Obwohl das sich kein Einsichtiger verhehlt, so wird doch gefordert und bewilligt, daß wir nichts vor Augen sehen als den völligen wirtschaft⸗ lichen Zusammenbruch. Keiner fragt nach . anderen, keiner fragt nach dem Wohl und Wehe der Allgemeinheit. Man ver⸗ steht nicht, daß die, die ein Volksganzes bilden, nicht verstehen wollen, daß jeder leidet, wenn das Ganze leidet, und
daß für den einzelnen die Gesundung nur wenn das ganze Volk ge⸗ Unser Volk wird nicht in die Höhe in Die Frage nach der Ver⸗ billigung der Gebrauchsgegenstände ist in letzter Linie eine ethische Frage. Wir müssen uns aufraffen und es jenen altpreußischen Beamten gleichtun, die dem Staate in Zeiten des Krieges und der Not für äußerst ge⸗ ringe Bezahlung dienten und so gz 5 8
kommen kann, sundet. kommen, wenn ihm Platz greift.
diese Erkenntnis nicht
retteten.
In Gewaltmärschen bis zur Marne.
Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns
d. R. Landgerichtsrat Trümpert, Gießen. (Fortsetzung.)
26. 8. 1914. Morgens 3 Uhr Wecken.
Im Dunkeln wird das Biwak abgeschlagen,
Jahrg. geschirrt und gesattelt. Um 5 Uhr Vor⸗ marsch in Richtung Carignan. Die Bat⸗
terie nahm mehrere Stellungen ein, kam aber nicht zum Schuß. Der Feind scheint über die Maas zurückgegangen zu sein. Bei Sailly überschreiten wir den Chiers⸗ fluß und marschieren noch bis Vaux, wo unsere schwere Artillerie bereits in Stellung ist und über uns hinwegfeuert. Es wurde bekanntgegeben, daß sämtliche feindliche Ar⸗ meen gef schlagen 1095 im Rückzuge seien. Auf den Maashöhen bei Vaux gehen wir in Stellung und feuern bis zum Eintritt der Dunkelheit gegen verschiedene Ziele jen⸗ seits der Maas, bekommen dabei auch zum erstenmal Feuer feindlicher schwerer Artille⸗ rie. Die einschlagenden Geschosse schleudern die schwarze Erde wie ein Sprudel haushoch in die Höhe. Erst spät rücken wir bei völliger Dunkelheit auf schlechten Wegen aus der Stellung ab, wobei wir die Pferde führen müssen. Um ½12 Uhr können wir endlich unter strömendem Regen bei Vaux Biwak beziehen.
7. 8. 1914. Die letzte Nacht kamen wir erst um 1 Uhr in einem dürftigen Zelt zur Ruhe. Um 5 Uhr werden wir geweckt; es wird geschirrt und gesattelt. Der Regen setzt wieder ein. Als wir schon tüchtig naß sind, kommt der Befehl zum Absatteln. Wir richten wieder ein notdürftiges Zelt her und stärken uns mit Kaffee und Honigbrot. Gestern bestand meine Nahrung nur in etwas Brot und Speck. Da die Franzosen ihre verschanzte Stellung jenseits der Maas noch innehaben, soll unsere Fußartillerie dieselbe zusammenschießen, und wir sollen heute nachmittag auf einer von unseren Pionieren trotz des feindlichen Feuers ge⸗ bauten Brücke die Maas überschreiten. Ich bezweifle, ob das so schnell gehen wird. Das Beschießen feindlicher Flieger bietet einen interessanten Anblick. Leider ist es
erfolglos. Nachmittags. Das Duell der schweren Artillerie dauert noch an, was für uns,
die wir untätig dabei liegen, nicht ange⸗ nehm ist. Während sich der Himel über Mittag aufgehellt hatte, trieb uns jetzt hef⸗ tiger Regen wieder in unser Zigeunerzelt. Meine Frau meint, für die Zurückbleibenden, die nahe Angehörige im Felde haben, sei der Krieg schlimmer, als für die, die draußen sind. Aber wenn man den Krieg kennen gelernt hat, dann denkt man darüber doch anders. Wer es nicht miterlebt hat, vermag sich keine Vorstellung von den anstrengenden


