Unsers gnädigen Fürsten und Herrn! Wir seiner Hochfürstlichen Durchlaucht zu dahiesig Fürstlicher Regierung verordnete Geheimer Rath, Regierungs⸗Direktor, Ge⸗ heime- und Regierungs⸗Räthe urkunden und
bekennen hiermit, demnach bey Uns Jacob
Nord, des verstorbenen Nachrichters ältester Sohn dahier, um ein Certisicat wegen seiner Aufführung und übrigen Ersordernissen zu einem Scharfrichter⸗Dienst geziemend nach⸗
gesucht, und Wir dann den Suchenden zu
referiren um so weniger Anstand gefunden,
als vorgesagter Nord sich nicht nur bishero gut aufgeführet, sondern auch von einer berühmten Scharfrichters-Familie abstam⸗ met, die nicht nur hier, sondern auch an
andern Gerichts⸗Stellen das Scharfrichter⸗
Amt mit Beyfall während dem ganzen Se⸗ culo bekleidet hat, auch gedachter junge Nord für seine Person Stärke und Hardiesse genug besitzet, um einen Missethäter durch das Schwerd hinzurichten, immaßen Wir also ein solches hierdurch attestiren und dieses Certificat hiermit ertheilen, also und dergestalt, daß vorbemeldeter Jacob Nord sich dieses Attestat zu seiner Legitimation bedienen kann.
Urkundlich des hierauf gedruckten Fürst⸗
lichen Regierungs⸗Insiegel. Gießen, den 17. January 1787. Fürstlich⸗Hessische Regierung daselbst.“ Zum Amte eines Scharfrichters gehörte in alter Zeit allerdings Hardiesse, d. h. Kühn⸗ heit; denn die Verbrecher wurden nicht durch das Fallbeil, das bekanntlich eine Errungen⸗ schaft der französischen Revolution ist, hin⸗ gerichtet, sondern durch das Schwert. Sonst ernten Künstler in der Welt Beifall; dieser Jakob Nord hat sich als Scharfrichter Bei⸗ fall erworben.
Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn.
(Fortsetzung.)
„Sie holte ihren Vater und zeigte ihm die leere Schüssel. Er nickte befriedigt und versuchte mit einigen englischen Brocken mir klar zu machen, daß ich bald gesund sein werde. Er holte dann allerlei Näpfchen herbei und Stücke weißer Leinwand, die er daraus bestrich. Leise versuchte er dann, mich umzudrehen, wobei ihm die Kleine behilflich war. Ich bemerkte jetzt erst, daß ich einen regelrechten Verband trug, der allem Anschein nach jetzt erneuert werden sollte. So gut ich konnte, half ich mit und bemerkte an den befriedigten Zügen meiner Wirte, daß die Wunde auf dem Rücken zu ihrer Zufriedenheit aussehen mußte. Das frische Pflaster wurde aufgelegt, und ich sank erschöpft auf mein Lager zurück, doch blieben mir heute die Sinne klar. Ich sah mich nun in dem sonderbaren Raum um. Es war eine Art Gewölbe, das mit den un⸗ glaublichsten Dingen angefüllt war. Es standen Säcke, Kisten, Truhen umher, deren
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Inhalt man nur ahnen konnte, dazwischen Stücke von Metall und Porzellan, Haufen alter Kleider und Tücher. Kurz, daß das Ganze eine Diebeshöhle der schlimmsten Art war, wurde mir, je klarer ich denken konnte, um so wahrscheinlicher.“
„Auf einer großen Kiste, meinem Lager gegenüber, bemerkte ich meine zwei Chine sinnen. Die eine kleiner, die andre größer, gerade wie ich sie immer im Fieber gesehen hatte. Sie schienen zu lächeln und sich mit mir meiner fortschreitenden Genesung zu erfreuen. Ich mußte sie immer ansehen;: denn ich konnte mich noch nicht viel be⸗ wegen, und die langen Stunden schlichen gar langsam dahin, je gesünder ich wurde. Die kleine Samariterin saß wohl manchmal bei mir, und wir redeten durch Zeichen mit⸗ einander, aber dann verschwand sie wieder, und ich blieb mit meinen zwei Chinesinnen allein. Das Dämmerlicht des Raumes be⸗ günstigte die phantastischen Vorstellungen meines Kopfes, und ich bildete mir oft ein, es gehe eine Veränderung mit den steifen Porzellangesichtern vor. Sie grinsten, sie brummten, je nachdem wie ich gerade in hoffnungsfreudiger oder in hoffnungsloser Stimmung war.“
„Es waren Wochen vergangen, und ich
fühlte mich eigentlich jetzt ganz wohl. Ich aß zum Entzücken Gettas Riesenportionen und hatte wiederholt versucht, in dem Raum hin⸗ und herzugehen, ein Unternehmen, das bei meiner Größe in dem niedrigen Gewölbe nicht ohne Schwierigkeit war.“ Hei dieser Gelegenheit hatte ich freilich auch entdeckt, daß ich Gefangener war. Die einzige Tür, die ins Freie führte, war von Eisen und wohl verwahrt und verschlossen. Meine Barschaft war bis auf wenige Heller verschwunden, aber meine Uhr und Kette, die hatten sie mir wunderbarer Weise ge⸗ lassen. Meinen eigentlichen Wirt hatte ich tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Er hatte ab und zu nach meiner Wunde ge⸗ sehen, jetzt, da das nicht mehr nötig war, überließ er mich ganz der Fürsorge seines Töchterleins. Ich grübelte oft, was nun wohl mit mir werden würde. Ich war gänzlich mittellos, unser Schiff war längst weg, wie sollte das Abenteuer überhaupt enden?“
„Eines Abends kam Gettas Vater zu mir und suchte mir durch Gesten und mangelhaftes Englisch klar zu machen, daß ich fort müsse. Er war sehr aufgeregt. Es schien etwas besondres vorgefallen zu sein. Ich erklärte ihm, ich sei bereit, und fragte ihn bei dieser Gelegenheit nach einer großen Summe Geldes, die ich im Leibgurt einge⸗ näht getragen hatte. Er behauptete, nichts davon zu wissen. Darauf verlangte er, daß ich mir die Augen verbinden ließe, was ich auch nach einigem Zögern schließlich tat, nachdem ich noch einen letzten Blich meinem Gefängnis, wo ich so viele Wochen
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