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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Ur, 6

Gießen, Sexragesimä, den 8. Februar 1920

9. Jahrg.

Christliche Hoffnung.

Brief des Apostels Paulus an die Römer 5, 5. Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden. 5

In dem noch erhaltenen, vermutlich in Cassel aufbewahrten Bibeleremplar, das Landgraf Philipp der Großmütige während seiner Gefangenschaft in den Niederlanden benützte, sind von der Hand des Fürsten viele Stellen, die ihm in der schweren Zeit seiner Gefangenschast Trost gaben, mit rotem Stift angestrichen, so auch die Stelle: Hoff⸗ nung aber läßt nicht zu Schanden werden. Das ist so recht ein Wort für die gegen⸗ wärtige Zeit. Vielen im Lande ist jetzt allerdings jede Hoffnung entsunken. Fremde Hand im Vaterland, dieses Wort, das man einst in den traurigen Zeiten des Rhein⸗ bundes geprägt hat, ist wieder an Deutsch⸗ land wahr geworden. Landesteile, die man in jahrzehntelanger Arbeit zu germanisieren versuchte, werden vom Deutschen Reiche ab⸗ getrennt, die Teuerung und Preissteigerung droht uns schier zu ertöten, und das Dun⸗ kelste, Furchtbarste dieser Tage ist die For⸗ derung unserer Gegner, daß unsere Regie⸗ rung ihnen deutsche Männer zur Bestrafung für angebliche Kriegsvergehen ausliesere. Kann man angesichts solcher Tat fachen noch Hoffnung haben? 5 5:

Allerdings die trügerische Hoffnung, die viele jetzt in sich tragen, ist vom Uebel. Man findet jetzt bei nicht wenigen einen Optimismus, von dem man nicht viel halten kann. Optimismus ist unter Umständen et⸗ was Eutes, er darf aber nicht zur Gedanken⸗ losigkeit und zum Leichtsinn werden. Die Menschen der Gegenwart haben sich daran gewöhnt, sich von sogenanntenmachtvollen Kundgebungen, vonflammenden Auf⸗ rufen, vonenergischen Protesten alles zu versprechen, und die deutsche Tatkraft scheint sich im Augenblicke hieran genügen zu lassen. Massenkundgebungen, Aufrufe und Proteste können auch ihr Gutes haben, wenn sie ein Volk zu entschiedenem Handeln stärken. Wenn einem Volke durch über⸗ mächtige Gegner aber das Hande n unmög⸗ lich gemacht ist, so sollte man lieber in der Stille bleiben; denn Weltgeschichte wird nicht in Versammlungen und mit Papier gemacht, und die Hoffnung, die man hier⸗ mit in einem Volke nährt, zerflattert rasch in ein Nichts. Man spricht jetzt von ein⸗ drucksvollen Kundgebungen beim Abschied deutscher Regimenter aus den dem Feinde

überlassenen Landesteilen. Was bleibt von diesen Kundgebungen zurück? Nichts als das bittere Gefühl des schmerzlichen Ver⸗ lustes und der Stachel im Herzen: wir sind ein geschlagenes Volk.

Nur die Hoffnung läßt jetzt nicht zu Schanden werden, die sich an Jesus an⸗ knüpft. Ihn hat allezeit lebendige Hoff⸗ nung erfüllt, und diese Hoffnung hat nicht getrogen. Nie in der Welt war eine Nieder⸗ lage größer als die, die Jesus auf Golgatha erlebt hat, und doch hat er in der Welt gesiegt und ist der Sieger bis auf diesen Tag durch die Kraft seiner Auferstehung. Und alle, die mit ihm innig verbunden waren, sind siegesgewiß durch das Leben gegangen. Haben wir diese Hoffnung im Herzen, so wird sie uns nicht zu Schanden werden lassen. Wir werden es erleben, daß Recht doch noch Recht bleibt, daß das gedemütigte, zertretene, in der Welt ver⸗ lästerte deutsche Volk, wenn es in der Schule der Trübsal Gottes Willen verstehen lernt, doch wieder zu Ehren kommt.

Um unserer Kinder wi len dürken wir diese Hoffnung nicht aufgeben. Sie sollen einst mit leuchtenden Augen die bessere Zukunft unseres Volkes sehen und es er⸗ leben, daß in der Welt deutsches Wesen wieder zu Ehren kommt. H. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

21. Noch einmal der Scharfrichter Nord.

Im vorigen Jahre veröffent ichten wir imSonntagsgruß(Nr. 39) einen Artikel über die Scharfrichtersfamilie Nord. In drei Generationen sind Vertreter dieser Fa⸗ milie in Gießen Scharfrichter gewesen. Im Jahre 1787 gab die hiesige Fürstliche Re⸗ gierung dem Jakob Nord, dem Sohne des im Jahre 1765 verstorbenen Scharfrichters Johann Jakob Nord, eine Legitimation, die er augenscheinlich brauchte, wenn er nach außerhalb berufen wurde, um seines traurigen Amtes zu walten. Der Freund⸗ lichkeit des Herrn Lehramtsa sessors Julius Walther verdanken wir eine Abschrist dieser Legitimation, sie hat folgenden Wortlaut:

Der Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Ludwigen, Landgrafen zu Hessen, Fürsten zu Hersfeld, Grafen zu Catzenelnbogen, Diez, Ziegenhain, Nidda, Hanau, Schaumburg, Isenburg und Bü⸗ dingen p., Ihro Ru sisch⸗Kai er ichen Maje⸗ stät bestellten General⸗Feld⸗Marschallen des St. Andreas⸗ und Königlich Preußischen schwarzen Adler-Ordens-Rittern p. p.