Schauspieler nicht früher ihrer kraurigen Pflicht entband; ihr mißmutiges und unsicheres Spiel war eine fortwährende Bitte darum. Nur der Autor, der die männliche Hauptrolle gab, hielt sich heldenmütig.— Man nennt das Stück ver⸗ rückt. Das ist es. Aber etwa ein genialer Exzeß? Leider nein! Eine langweilige Reihe blöder Plattheiten. Im Mittelpunkt steht eine Frauengestalt, die Wedekind einem Großen nachgestümpert hat, ein Nana⸗Charakter.“ Das war vor 15 Jahren. Aber schlimmer noch ist das heutige Mode— geschrei, das auch das Schwächste als die höchste Offenbarung beschwatzt, die Bedeutung und die Begrenzung dieser Er— scheinung, die zwar die gesamte deutsche Bühnenliteratur der Gegenwart in Originalität und hochgespanntem Willen hinter sich läßt, die aber doch nur ein Torso ist, der in den Zerr— gebilden seiner Welt das Leid eines Menschen überpersönlich stammelt, nicht aber das Schicksal der Menschheit formt.
Die Größe des Torso heischt Achtung. Es ist eine wilde Kraft in dieser Einseitigkeit und Verengung. Wenn Wedekind im Hochstapler einen wertvolleren Menschen sieht als den Philister, wenn er den Triumph des Geschlechts bis zu den letzten Paradoxen und Delirien verkündet, in Fäulnis und Zerstörung selbst die göttliche Kraft verehrt— das Bor— dell wird zu einem höllischen Paradies, der Mädchenhändler zu einem Befreier—; wenn er— Die Büchse der Pan- dora— dem„Fluch des Unnatürlichen“ ein menschlicher An⸗ walt wird, und die Unersätlichkeit des Triebes erst mit dem Messer Jack des Aufschlitzers stillt; oder wenn er in Hidalla in krausen Menschenzüchtungen mit tragischer Selbstverspot⸗ tung rumort— so sind das alles nur leidenschaftliche Aeuße— rungen einer verzweifelten Sehnsucht nach einer gereinigten und natürlichen, kindhaften Welt; eine Sehnsucht, die so stark und naiv ist, daß die ausschweifende Wüstlings⸗ und Dirnen⸗ fahrt schier im Gartenlaubenidyll endigen möchte(Fran- 8 is ka).
So sird Wedekind im erotischen Prophetentum auf seine Art aus einem sozialen Ankläger zu einem sozialen Er— neuerer in der Sprache und Form einer Kunst, die die voll- kommene Herrschaft über den Stoff nie ganz erreicht.
Die sechs schönen Bände, in denen jetzt der Münchener Verlag von Georg Müller den Ertrag einer fünfundzwanzig⸗ jährigen Schriftstellertätigkeit zusammenfaßt, enthalten eine bewunderungswürdige Fülle von Gestalten und Gesichten, die aus innerem redlichen und trotzigen Drang geschaffen, in Hieroglyphen, in heiligen Zeichen einer urerzeugten, eigen⸗ willigen Kunst wie mit den Lauten einer fremden Sprache gleichwohl ein Stück unserer Welt zum Reden bringen.
Der Dichter freilich, der mit fünfzig Jahren sich von lärmender Berühmtheit geschäftig umringt sieht, gehört in die tragische Reihe jener innerlich Gehetzten, Besessenen, die durch ihre Kunst, wie sie sich selber nicht zu befreien vermoch⸗ ten, auch die Menschheit nicht über sich erheben.
Kurt Eisner.
Wann lerut der Mensch sehen?
Für die meisten Menschen gilt es wohl für selbstverständlich, daß das Kind schon mit dem ersten Augenaufschlag nach der Geburt auch zu sehen anfängt. Genaue Beobachtungen namhafter Forscher haben aber festgestellt, daß in den allerersten Tagen nach der Geburt nicht einmal Lichtempfindungen bei den Neugeborenen vorhanden sind, sondern daß das Auge sich nur sehr allmählich an das ein⸗ dringende Licht gewöhnt und auch dann erst langsam zwischen den sich einstellenden Lichtempfindungen zu unterscheiden, das heißt zu sehen lernt. Darwin und später Genzmer, Roßmaul und in neuerer Zeit besonders Preyer haben über diesen Gegenstand interessantes Material gesammelt, das uns das erste Empfindungs⸗ leben jedes Menschen in ganz eigenem Lichte erscheinen läßt. Wohl jeder hat schon die Erfindung gemacht, daß, wenn er nach längerem Verweilen in einem dunklen Raum plötzlich ins helle Tageslicht oder in einen glänzend erleuchteten Saal trat, er wie geblendet dastand und zunächst nichts deutlich sehen konnte. Nicht anders,
aber nur in besonders verstärktem Maße ergeht es dem Neuge⸗ si
borenen unmittelbar nach der Geburt. Es kommt wie alle Säuge⸗ tiere aus einem dunklen Raum, wo es höchst wahrscheinlich mit geschlossenen Augen lebte; bei manchen Tieren wie Hunden,
Katzen usw. bleiben ja die Augen noch 8 bis 9 Tage nach der Geburt] A
geschlossen, und nun nach der Geburt strömt plötzlich das Tageslicht oder Lampenlicht mit voller Macht in das noch völlig ungewohnte Auge des jungen Menschenkindes. Um wieviel intensiver, kräftiger muß die Wirkung bei diesem sein, da doch infolge der völligen Neu⸗
t zu überblscen war. Er wandte ih aber ab. Ihm war der Malte wiberlih. Später, als er sprechen
heit der Lichtempfindung die 5 des Neugeborenen selbstver n ständlich ganz außerordentlich empfindlich ist. Infolge dieser großen Empfindlichkeit kneifen Neugeborene bei hellem Tageslicht die Augen zusammen, ja schon mehrere Tage alte schlafende.
—— fahren 7—*.* 7—— m Auge geräuschlos genähert wird. du ne blendendes Licht oder durch vlboliche grelle Beleuchtung können sie
zum Schreien gebracht werden. So erklärt sich auch die Beob⸗ achtung, daß bei Neugeborenen, besonders bei Kindern, die ins Freie getragen werden, schon in den ersten Stunden nach der Ge⸗ burt sich die Pupille stark verengt, wenn man dem Auge eine Licht⸗ quelle, z. B. eine Kerzenflamme, nähert, während sie sich bei Ent⸗ fernung des Lichtes wieder erweitert. Bei solcher Empfindlichkeit der Netzhaut ist es also nicht möglich, daß das kleine Menschenkind in der allerersten Zeit irgend welchen hellen Gegenstand deutlich sieht. Es kann während dieser Zeit von bewußten Lichtempfindungen überhaupt keine Rede sein. Deswegen reagiert auch das Auge des Neugeborenen in den ersten Tagen nicht, wenn z. B. die Hand schnell gegen sein Gesicht bewegt wird. Wenn nach anderen Veob⸗ achtungen Neugeborene mäßiges Licht zu suchen scheinen, indem sie 1 B., wenn man sie gegen ein Fenster mit Zwielicht hält, die lugen öffnen und schließen, oder wenn sie dem Dämmerlichte zuge⸗ wendet, die Augen lebhaft bewegen, so erklärt sich dieses Verhalten als die Folge eines Lustgefühls, das die mäßige Erregung der 4 haut durch nicht zu starkes Licht auslöst, wie ja auch operierte Blind⸗ geborene beim ersten Eindringen des Lichtes in ihre Augen große Freude bezeugen. 5
Erst nach einigen Tagen gewöhnt sich das Neugeborene an das zerstreute Tageslicht und erst dann kann vom Beginn des Sehens gesprochen werden. Während in den ersten Tagen die Augen⸗ bewegungen noch völlig ungeordnet sind und der Blick nicht dem bewegten Kerzenlicht folgt, fängt das Kind im allgemeinen am neunten Tag an, ein etwa in einem Meter Entfernung vorgehal⸗ tenes Kerzenlicht anzustarren. Der starre Ausdruck des Auges und das Aufhören der Unruhe oder des Schreiens verraten dann die Lichtempfindung. Frühestens vom 23. Tage an wird ein ge⸗ schwungener Gegenstand mit den Augen verfolgt, oft aber auch sehr viel später. Ebenso können erst bei Kindern von 2 bis 6 Wochen Anpassungsbewegungen des Auges beobachtet werden, so daß bei Annäherung eines Lichtes die Blicklinien zusammen laufen, d. h. das Kind schielt.
Das Zusammentreffen dieser drei Bewegungsvorgänge mit dem Auftreten der Empfindung des Hellen leitet das Sehenlernen ein, denn auch das Sehen muß buchstäblich erst nach und nach gelernt werden. Es sind im ersten Anfang weder die Bedingungen für das Zustandekommen eines scharfen Netzhautbildes vorhanden, no würde, wenn es zustande käme, der betreffende Gegenstand sogleich gesehen werden können. Zu all dem bedarf es einer langsamen Erfahrung. 5
Was der Säugling am ehesten deutlich erkennt, ist das Gesicht 5 seiner Mutter, weil diese am häufigsten in die deutliche Sehweite 1 kommt und überhaupt am meisten sich auf der Netzhaut abbildet. 2 Ganz ausgeschlossen ist, daß eine gelegentlich vor das Kind gehaltene 75 Kerzenflamme in der ersten Zeit als solche gesehen wird. Das 5 Kind wird nur die Empfindung des Hellen haben und weiter 3 also auf keinen Fall die Empfindung der Gestalt der Flamme. Die 9 Meinung, das Kind sähe die Flamme, ist daher falsch. a. g l
Ganz besonders beweisen aber die Beobachtungen, die neuer⸗ l dings an operierten Blindgeborenen gemacht wurden, daß das N Sehen gelernt werden muß. So erwähnt Professor. Leyden ein⸗ mal die zwei berühmt gewordenen Fälle der erwachsenen Blind⸗ f g geborenen Cheselden und Wardroß, die durch Operation sehend ge⸗ 2 macht wurden. Aus den an diesen beiden Männern angestellten 1 Beobachtungen ergibt sich, daß diese Patienten keineswegs sofort, 8 nachdem sie das Augenlicht hatten, imstande waren, zu sehen. Es 5 vergingen Monate, ehe sie vermochten, die e e e g 5 nach Form, Lage und Größe der Objekte richtig zu beurteilen. Im Anfang konnten sie das, was sie sahen, nicht einmal erkennen. Dem einen kam es vor, als ob die Gegenstände, welche er 5 das Auge g berührten, ebenso wie die Gegenstände, die er fühlte, die Haut. 5 Besonders auffallend war, daß sie erst langsam lernten, die Wahr⸗ 8 nehmungen des Gesichtes mit dem in Einklang zu bringen, was sie durch den Tastsinn wahrnahmen. Durch diesen vorher sehr geübten Sinn erkannten sie die Gegenstände leicht, aber beim Sehen ohne gleichzeitiges Fühlen erkannten sie diese nicht oder verwechselten sie.
Bezüglich des Farbensehens neugeborener Kinder ist es le be.
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unbestreitbar, daß ein grünes Licht von ihnen von vornherein anders empfunden werden muß als ein rotes, blaues oder gelbes. Später macht es freilich den Kindern noch jahrelang Schwierigkeit, sie richtig zu benennen. Daraus aber schließen zu wollen, die 5 Kinder empfänden die Farben nicht in ihrer Verschiedenheit, wäre 1 falsch. Wenn es auch noch an sicheren Angaben bezüglich des Zeit⸗ 1 punktes fehlt, in dem die Kinder die Farben deutlich unterscheiden 5 und zugleich die Formen und Erntfernungen erkennen, so ist sovlel 1 r, daß sie die Farben der Außenwelt und ihrer Verschiedenhett lebhaft empfinden. Das bewiesen wieder die durch Operation sehend gemachten Blindgeborenen. 25 spricht dafür eine merkwürdige Aeußerung des unglücklichen Kafpar Dauser, welche seine⸗ nselm Feuerbach mitteilte, als er erzählte: 1 re 1832 sollte Kaspar Hauser bald nach seiner Ankunft in Nu 138 im Vestner Turm nach enster sehen, von dem eine w 10
farbenreiche Sommerlan


