Ausgabe 
1-30 (28.7.1914)
 
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Verzerrung und satanischer Ueberhitzung,

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Wissen istsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 30

Dienstag, den 28. Juli 1914

3. Jahrgang

Wedelinds Welt.

Zum 50. Geburtstag des Dichters(24. Juli). Das Fleisch hat seinen eignen Geist. 9 Wedekind, Ueber Erotik.

Aus schideren persönlichen Pubertätserlebnissen ist das künstlerische Lebenswerk Frank Wedekinds erwachsen. Mit 50 Jahren noch sieht er die Welt, wie er sie mit 16 Jahren erblickt haben möchte.(Die literarischen Versuche des 17jäh · rigen sind freilich von einer vergnügten bubenhaften Ge⸗ schlechtlichkeit erfüllt, aber es ist nur die produktive Un⸗ erwachsenheit und Unselbständigkeit, die ihn für das ge⸗ spenstische Grausen seiner Gesichte noch nicht den gestaltenden Stil finden, nicht einmal den Inhalt seiner wirklichen Vor- stellungen als dichterischen Stoff wählen ließ.) Ernste, grüblerische, im Innersten sittlich wahrhaftige Knaben und Mädchen pflegen in der drängenden Unrast der dämmernden Geschlechtsreife das erotische Getriebe, das ihnen legitim als Familienöde und Heimlüge, frei als menschliche Ge meinheit und soziales Elend entgegenstarrt, als die Fratzen⸗ schrecken einer ewigen Walpurgisnacht zu empfinden. Dieses ursprüngliche Gefühl beherrscht das ganze literarische Da⸗ sein Wedekinds, seine sittliche Anschauung, sein stoffliches In⸗ teresse und nicht zum mindesten seinen künstlerischen Stil. Es hat einen sonderbaren, geheimnisvollen Reiz, zu erforschen, wie die künstlerische Form, zu der sich der Dichter durchrang, bei aller bewußten Reife und Fertigkeit doch ganz in der ebenso primitiven wie elementaren Anschauung verblieben ist, in diesem Stil des Hetzenden, Stoßenden, Bildflüchtigen, nächtig⸗-schlaflos, Ueberhitzten, Sichselbstfremden, Bruchstück⸗ haftem, der die Erlebnisse der Pubertät in der Wirklich keit gestaltet. Wenn Wedekind diesem Stil des eindringlich gesteigerten Fragmentarischen, in dem das Zufällige zum logischen Schicksal wird, zu entrinnen sucht, wie in der nach beruhigterer Form strebenden letzten Versdichtung Simson und Delila, wird er leicht zum blassen Epigonen klassischer Sprache.

Der erotische Spuk des erswachenden Jünglings bestimmt die Weltanschauung und die Kunst des Mannes. Aber in- dem der jugendliche Affekt durch die Erfahrung der Jahre Verdrängt wird, ohne innerlich erledigt zu sein, erwächst aus diesem Konflikt jene Tragikomik erotischer Lebensansicht, die Wedekinds Kunst beherrscht, und die furchtbare Krankheit, die das geschlechtliche Leben unserer Zeit erfüllt, diese Ver⸗ derbnis, Beschmutzung des lebenzeugenden Triebs des Men- schen, diese tausendfältige soziale Hemmung der reinen und starken Sinnlichkeit findet in Wedekind trotz aller krampfigen ihren stärksten Bildner, der auf der Bühne zum Agitator seiner Sehnsucht nach Befreiung und Gesundung wird.

Im Zwang der Schule wird Wedekind zuerst das unlös. bare Problem fühlbar. Immer und überall wird die natür⸗ lich menschliche Sinnlichkeit bedrängt, entweiht, verstümmelt. In der frischen, noch unverdüsterten Komödie, die der 25jäh⸗ rige schrieb, Die junge Welt, tummelt sich im Vorspiel die anmutige Schar junger Schulmädel, die einen Bund zur

Emanzipation von ihrer Geschlechtlichkeit gründen und die herangewachsen durch bunte Irrungen den Weg zu

ihrem Weibrecht finden. Ein Jahr darauf wirft er die

geniale Knabentragödie Frühlings Erwachen in die stumm und achtlos bleibende Welt; es bedurfte fast zwei Jahrzehnte, bis dieses ganz ursprüngliche, inhaltlich ohne jedes Vorbild erwachsene, literarisch wohl von Georg Büchner beeinflußte, explosive Werk das deutsche Publikum zu inter⸗ essieren begann. Es begründet die Dauer Wedekinds und ist nur einmal noch, in seinem reichen Schaffen, übertroffen worden, in dem Martyrium des Königs Nikolo Gzuerst: So ist das Leben betitelt).

Nach der Schule wird für Wedekind das Kabaret, der Zirkus, der Simplizissimus bestimmend. Er greift zur Laute und singt im Bänkelsängerton frech melancholische Moritaten und ungemein witzige und kräftige politische Satiren. Der Zoologe von Berlin ist die derbste und lustigste Ver⸗ spottung der Majestätsbeleidigungen. Die soziale Lyrik bleibt ihm nicht fremd; er findet einen natürlicheren Volks. ton, wie die meisten andern, bisweilen möchte man glauben, etwas vom alten Lenoren⸗Bürgerwerde wieder wach. Spricht die Mutter zur Tochter:

Sieh, mein Herzblatt, den grünen Wald, Drin der Vögel Gezdditscher erschallt; Wie das so lieblich ist anzuschaun!

Hast du kein Geld für das morgige Brot, Dir sind alle die Vöglein tot,

Und der Wald ist ein schrecklich Grauen!

Geld ist Schönheit! Mit recht viel Geld Nimmst dir den Mann, der dir wohlgefällt, Keinen Häßlichen, keinen Alten,

Sieh, der Reichen Hände, wie weiß! Wissen nichts von Frost und von Schweiß; Haben keine Schwielen und Falten.

Im Zirkus fesselt ihn das Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, das Losgelöste von der bürgerlichen Ordnung, das brutal Triebhafte, die verwegene, hemmungslose Kraft. Er erkennt den echten volkstümlichen Humor in den Clown⸗ späßen, und in den wirksamen aber platten Possen wie dem Liebestrank bringt er den Zirkusgeist auf die Bühne. Er tritt in den Kreis des Simplizissimus, der eben begründet war. Ihm graut vor der Berufsarbeit der Witz⸗ bolde und Karikaturisten; in Oaha, einer seiner schwächsten, witzlosen und bewußtlos gehässigen die dumme Verhöh⸗ nung Björnsons! Arbeiten rechnet er später mit dieser Episode ab.

Sein Kampf um Befreiung und Reinigung des Eroti⸗ schen gewinnt eine besondere Färbung dadurch, daß der Dich⸗ ter sich verkannt und verfolgt sieht. Sittenpolizeiliche Bor- niertheit und gerichtliche Befangenheit quälen ihn. Die Zensur schikaniert ihn, auch nachdem er sich endlich durchge⸗ setzt und den Weltruf des Berüchtigten erworben hat. Noch schlimmer setzt ihm eine Gefolgschaft zu, die nur das Erotische kitzelt und die nicht den schwerblütigen, im tiefsten unsinn⸗ lichen Grübler erfaßt. Als im Herbst 1898 Wedekinds Erd⸗ geist zum ersten Male öffentlich im Münchener Schauspiel⸗ haus aufgeführt wurde, schrieb einer, der selbst ein Dichter ist, in einer angesehenen literarischen Zeitschrift:Der ge⸗ ringe(wohl Freunde-) Applaus wurde am Ende dieserTra⸗ gödie durch Lachsalven und pfeifende Schlüssel erdrückt. Es sbar in der Tat eine Grausamkeit des Publikums, daß es die