Ausgabe 
1-30 (21.7.1914)
 
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danken wußten bei ihrer Rückkehr immer wieder viel Neues und In⸗ teressantes zu erzählen, daß er seine größte Freude daran hatte.

Eines Tages, als ihn einer der Gedanken wieder recht reiselustig Aumschwirrte, sagte er zu ihm:Also gut, fliege. Nimm die Richtung nach der Stadt, verirre dich aber nicht und komme bald wieder. Ich bin begierig, etwas Neues zu hören.

Der Gedanke entschwand in die Stadt, immer in der Richtung nach den hohen Häusern und vielen Kirchtürmen zu. Zuerst schwirrte er über die äußere Stadt, die lag weit und breit wie ein träumender Riese, es roch nach Pfeffer, Salz, Grünkramläden und Schweiß in allen Richtungen, Kinder spielten, halb angezogen, verweint und un⸗ in Ecken und Höfen, dazu stieg der stickige Rauch aus hohen

chornsteinen und ein merkwürdiges Gepolter und Lärmen drang daraus hervor. Das gesiel ihm alles nicht recht, es beunruhigte ihn und er machte sich weiter dem Innern der Stadt zu. Da ward es leb⸗ haster, lauter und bunter. Dem Gedanken gefiel das. Er begab sich mitten unter den Schwarm auf den Straßen, in den Restaurants und hoffte dort etwas Neues zu erfahren. Aber so sehr er auch lauschte da und dort, er hörte immer dasselbe Geschwätz, von der beginnenden Saison, den 1 21 Neuheiten der Herbstmode, dem guten Stand der Harpener und so sort, dies und allerlei mehr, was er unzählige Male schon gehört, in allerlei Variationen überall wieder vernommen hatte. Er fühlte trotz des brausenden Tumults elne merkwürdig schwere Oede um sich und zog sich unbemerkt zurück in stillere Gassen, wo ihm allerdings der Geruch nach Grünkram und schweißigen Händen wieder entgegenkam, woflilr ihn jedoch die Stille und Ruhe dort entschädigte. Nach einiger Rast erhob er sich wieder Über die Dächer, schwang sich durch das Glockengestühl eines hohen Kirchturms ins Innere des Gotteshauses, wo aber außer dem Pfarrer in der Sakristei, einigen verkrüppelten Bettlern und mehre ren alten Weibern niemand war, der die gedämpfte duftende Däm⸗ merung belebt hätte. Der Hochaltar und die Heiligenbilder träum ten noch genau so sentimental, wie er sie letztesmal verlassen hatte was ziemlich lange her war. Es war schon Nachmittag; die Kälte, die alle Steine, in Bunde mit den goldgedämpften Farben, durch den Naum(auchten, trieb ihn schpell sort über mehrere Straßen weiter zur Residenz, wo an verschiederen Stellen die Schorustelne gedanken⸗ voll ins Blaue rauchten. Außerdem roch es gut: mindestens nicht nach Schweiß. Es mußte entweder Fasauen⸗ oder Wildschweinbraten in der Pfanne sein. Hier sollte es dech wohl etwas zu sehen und zu berichten geben. Von Pracht und Luxus, lauter Herrlichkeiten in Gold und Edelstein gefaßt, überhaupt das ganze Shloß ein Märchen. Und erst die Hofdamen und Pagen, die Königslinder, die schönen Prinzessinnen mit ihren sulzsenden Lieblbern. Schnell suchte er alle Fenster ab, wa ler gedachte hereinzutomeen. Aber ach, alle Fenster waren sest und doppelt verschlossen, alle Türen vierfach bewacht, daß cs auch nicht dem alle runbedeutendsten Gedauken mög- lich newesen wäre, hineinzukemmen ohne Hofunssorm oder hohe Orden. Da er weder das cine noch das andere besaß noch beschafsen konnte und wollte, schoß er an einer verdutzten Schildwache vorbei und betrachtete sich von den Füßen einer steinernen Jungfrau im Park aus(die er schon oft wegen ihrer göttlichen Ruhe beneidet hatte) noch einmal die ganze gähnende masestätische Herrlichkeit. Dann raffte er sich wieder auf, flog hin und her, an einem Neubau vorbei, an dem gerade die Maurer Vesper machten, weiter von einem Punkt zum andern, weil es ihm an keinem recht gefiel. Und schließ⸗ lich verirrte er sich in der engen Altstadt. Er war müde und wäre gerne nach Hause geeilt. So hob er sich von Dach zu Dach, sah in diese und jene enge Stube, wo in einer Ecke beieinander, als hätten sie fürs ganze Leben eine Allianz geschlossen, Säuglinge schrieen, Kaffee dampfte und Kartoffeln im Topfe hüpften. Dabei hantierten Mütter stumpf und gedrückt, mit harten knochigen Händen und zer⸗ furchter, zu Boden gedrückter Stirne. Das hielt sein Betrachten einen Moment fest, es fielen ihm die Bettler in der Kirche ein, Überall, wo er hinguckte, sah er Bettler und augenblicklich verwan⸗ delte sich alles was er sah, die ganze Stadt zu seinen Füßen in eine häßliche, grimmige Fratze. Er floh von Dach zu Dach, doch überall rinste sie ihn an und rief: Komm oder flieh. Und er floh und sand eine Ruhe. Mehr traurig als müde, suchte er endlich in einer Dach⸗ luke, die gerade ein fettes Taubenpaar verließ, Zuflucht.

Dort sah er sich zunächst um. Er befand sich in einem großen Boden raum, in dem allerlei seltsame Dinge umherlagen, die ihn neugierig machten. Da die Wißbegierde eine der lästigsten Tugenden der Gedanken ist, konnte er sich trotz einiger Müdigkeit nicht beherr⸗ schen und er begab sich sofsort in dem weiten Raum weiter auf die Reise. Ueberall wo er hinkam, lagen Kisten, Ballen, standen Schränke und Gegenstände seltsamster Art beieinander. Hausrat, Fahrräder, Nähmaschinen, Möbel, und in den Schränken Kleider, Wäsche und sonst allerlei. Er glaubte deutlich eine leise Unterhaltung, ein Tuscheln und Hescheln aller dieser Dinge untereinander zu ver⸗ nehmen, als er aber genauer um sich sah, merkte er, daß sich nur eine Alltagsfliege in einem Spinnennetz gefangen hatte und nun leise ihren Trauermarsch trompete. Er eilte weiter, eine Treppe tiefer. Wieder Ballen und Kisten und Schränke. Noch eine Treppe tiefer, und er war im Erdgechsoß: das merkte er daran, daß das Licht spär⸗ licher wurde. Ganz unten geriet er nun an einen Raum, der war mit doppelten Eisentüren dreifach verschlossen, so daß er nur unter großer Mühe mit Aufwendung aller Intelligenz einzudringen ver⸗ mochte. Da drinnen war es aber so dunkel wie in einem Kuhmagen, und wäre nicht gleich hinter ihm jemand zur Tür hereingekommen, es wäre ihm so graulich geworden wie einst, als die Großmutter von dem schwarzen Mann erzählte, der allen Kindern, die schreien, mit glühender e die Locken abriß! Der hinter 1 eintrat, mit dem rasselnden, großen Schlüsselbund, drückte auf esnen Knopf und es

ward hell im Gewölbe, in dem sonst nichts zu sehen war, als an 5 Wänden ringsum große, autverschlossene Eisentitren. Auf eine dae 15 Eisentlüren ging der Betreffende mit dem Schlüsselbund zu. Es war 5 ein Mann mit einem ziemlich breiten massigen tten und einem g setten, gleichmütigen Lächeln auf den runden äpfelbackigen Wangen mit ebenso fetten runden Händen, in deren einer er ein flaches Kästchen trug. Bedächtig, schnaufend suchte er am Schlüsselring, knacks, knacks, dann sprang die Tür auf, das Licht ergoß sich voll in einen vielteiligen Mauerschrank. Hoi, was war das? Da funkelte

und glitzerte, strahlte und blinkte es, daß es dem Gedanken ganz regenbogensarbig vor den Augen wurde. Da lagen gemütlich bei⸗ einander: Uhren in Gold und Silber, Ringe, Armbänder und Broschen mit Brillanten, Diamanten, Rubinen, Smaragden, Ame⸗ tusten und Porphyren, silberne und goldene Lössel, Gabeln und Schiisseln alles das nebeneinander mit bezifferten Zetteln be⸗ hangen und der Dicke schaukelte davor hin und her, ohne daß ihm

vor Lust die Augen tränten, und griff mit seinen balligen Händen hinein, als ob es Kartoffeln oder Wurstwaren wären. Nachdem er bedächtig sein flaches Kästchen gefüllt hatte, schloß er wieder ab, N drückte auf den Knopf, worauf es dunkel ward, und krippelte hinaus.

Der Gedanke betrachtete dies als günstige Gelegenheit, ihm hinter einem breiten Buckel zu folgen; denn nun wollte er auch noch welter

sehen. Er schlich ihm nach, ohne daß er's merkte, durch einen Gang

und dann durch eine Doppeltür in einen hellen Raum, in dem ein

paar Schreiber ohne aufzusehen in dicke Bücher kritzelten. Von da

aus gingen sie wiederum durch eine Tür in zwei nebeneinander liegende Zimmer, die nur durch eine offene Tür getrennt waren.

Aber was sah er da? Da standen in einem andern Raum nur durch

ein kleines Fenster getrennt, Menschen; richtige alltägliche Menschen,

so wie man sie auf der Straße sehen kann so oft man will. Sie ge⸗ stikulierten und schrieen als hätten sie die wichtigsten Geschäfte von

der Welt zu bewältigen. Während der Gedanke diesen neugierigen Abstecher machte und dem Treiben oberflächlich zugesehen hatte, war

der keuchende Dicke ihm durch die offene Tür ins andere Zimmer entschlüpft. Aber er holte ihn, so rasch als es eben einem Gedanken möglich ist, ein, stand wieder hinter seinem Rücken und sah, an seinen* apfelrunden setten Schmunzelbacken vorbei, sich um. Da war wieder

ein Fenster, vor dem die Menschlein sich drängten und schubsten

unter Schimpfen und Knurren. Sie streckten in ihren Händen Zettel herein, einer weiter als der andere, aber der Dicke stand an seinem Kästchen, ruhig und unnahbar wie der Kurfürst der Faule in der Siegesallee. Eudlich sah er auf. Er nahm einen Zettel nach dem audern entgegen und reichte mit seinen dicken glatten Händen ein

Stick noch dem andern heraus. Neben ihm, an einem andern Schalter machten zwei das Gegenteil. Sie nahmen Gold- und Silber⸗

dinge in Empfang, die sie wogen, von allen Seiten prüften, durch Gläfer beguckten und dafür Zettel zurückgaben, wofür diese dann weltergingen an eins der nächsten Fenster, wo einer neben einem Geldkesten saß, Geld hereinnahm und Geld herausgab.

(Schluß folgt.)

Aus unserer Sammelmappe. f

Dingelstedt und die vormärzliche Polizei. In den literaxischen Spitzelberichten, durch die in der Vormärzzest die Wiener Polizei die deutschenRitter vom Geiste auf Schritt und Tritt belauern a ließ, erscheint von Anfang an Franz Dingelstedt. Er wird als 1 Freund Gutzkows, als Anhänger liberaler Tendenzen der Metternich⸗ 5 schen Polizei signalisiert. In dem Bericht, in dem zuerst von ihm

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die Rede ist, wird aber auch zugleich auf die ungünstige 1 1 liche Lage aller dieser Schriftsteller hingewiesen, weil das Publikum sein Geld verwendet, um denvorherrschenden materiellen Inter? essen zu fröhnen, dagegen in dem 1 kein Lapital eckt. 1 Eine hinreichende Erklärung, warum Personen wie Dingelstedt so 5 rasch ihren Frieden mit der herrschenden Reaktion machen. 5 Die Literaturspitzel jener Aera erschnüsseln vor allem, welche 2 Pläne die Schriftsteller haben, und da sie als Kollegen und Freunde 1

mit dem Bespitzelten verkehren, sind sie in der Regel sehr gut unter⸗ richtet. Nachdem Dingelstedt den hessischen Staatsdlenst als Lehrer aufgegeben, wird er mit besonderer Aufmerksamkeit überwacht. Im September 1841 versichert der Frankfurter Vertrauensmann der Wlener Polizei, daß Dingelstedt nun ganz derBewegungspartel 5 angehöre. Zugleich beurteilt er sehr abfällig und sehr zutressend 1 den Charakter des aufrührerischen Schriftstellers. Im Oktober 1841,

da Dingelstedt sich in Frankfurt aufhielt, hat er die Freun chaft 8 des Dichters gefunden. Und der Vertrauensmann, zweifellos sener Ludwig Beurmann, der seit 1836 im Dienste der Polizei stand, gleich⸗ a zeitig aber mit den Führern des jungen Deutschland die intimsten f Beziehungen unterhielt, entwarf ein prophetisches Bild von dem 5 haltlosen Cbscalter des eb Nachtwächters. Er sei

leicht zu leften, heißt es in diesem Polizeibericht; er fei ein Gemisch

von Eitelkeit und Geuußsucht.Denken Sie sich dazu eine gewisse sentimentale Gefühlsweise und Sie haben einen Menschen, der heute gewonnen, aber auch morgen verloren werden kann, und von dem man zwar wenig befürchten, aber auch wenig hoffen kann. Prinzip und politischen Charakter hat er gar nicht.

Ter Spidel weiß bereits, daß die noch nicht erschenenen anonymen Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters Din 175 3 1

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Verfasser haben. Dingelstedt habe ihm selbst ge daß. dleder. ste und Ve sei, was 220 3 im

der modernen Lyrfk geschrieben worden sel. In dem Bericht wird

baer Fade e dee enn eue oed zen J Gelen. täuscht 15 Dingelstedt brauchte Geld, 23 f W unt ir sagtt mir, kr irßhe in den Sc ee in Er. s der Revo- lution auf. 0 a g 3.

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