die waren mehr wert als die hundert, die deine Gnädige bekommen hat. Mein Herr war am Verhungern, das hörte ich am Magen⸗ knurren von der Westentasche aus— deine Madam hat zu essen mehr als genug, aber auch so viel Schulden, daß solche wie mein Herr, nicht Pferdewurst zu knappern brauchten, wenn sie das Geld hätten. Also muckse nicht, du hast gar keine Veranlassung dazu. Uns ist diese Gefangenschaft auch kein Vergnügen—.“ Allgemeiner Beifall lohnte diese treffliche Rede. Der Gedanke saß tief gebeugt und sann. War da nicht wieder das Gesicht, das ihn den ganzen Tag verfolgte. Oder träumte er nur? Neben sich hörte er im Umdrehen einen leisen Gesang, der, als er näher lauschte, deutlicher wurde. Eine kleine goldene Uhr war es, und das trau⸗ rige Lied klang wie ein Reigen der Gnomen, die in der Erdgefangen⸗ schast nach Licht und Freiheit rusen. So unheimlich, zerrissen klang das traurige Lied, daß er sich richtig freute, als er den Schlüssel rasseln hörte und das freundlich abgerundete Gesicht des Dicken sah, der wieder mit neuer Beute in seinem Kästchen vor ihm stand. Ohne sich lange zu besinnen, huschte er über seinen settfleckigen Aermel inweg zur Kellertür und durchs Schlüsselloch hinaus ins Helle. icht sehen wollte er und aufatmen. Also machte er sich auf zur Bodenkammer, dieweil es auch Zeit war, daß er heimwärts flog. Oben ließ er sich erst noch einmal zwischen zwei Ballen nieder, um sich auszuruhen. Aber auch hier wurde er bei genauem Lauschen nicht von Gesprächen verschont. Aus dem einen Ballen klang es zu dem benachbarten:„Weißt du, ich komme über die Sache gar nicht zur Ruhe. Und ich fürchte wirklich, meine Leute haben sich ein Leid an⸗ getan. Man hört ja jetzt so viel von Not und Elend. Jeden Tag wird es hier bei uns mehr, statt weniger, bald komme ich unter den Hammer und werde wer weiß wohin verschlagen.“ Ja, ja, es sind schlimme Zeiten,“ sagte der andere Ballen,„und das schlimmste ist, wir liegen hier und keiner sieht die Not. Ach, es ist ein Unglück.“ Sie stöhnten beide und dämmerten wieder weiter wie vorher.
Es dunkelte draußen, die Tauben, kamen hereingeflogen, steckten den Kopf tief in ihre Federn und fingen an zu träumen. Der ganz traurig gewordene Gedanke hockte da, fröstelnd, entblößt und arm. Die Fratze tauchte wieder vor ihm auf und schrie:„Flieh, flieh!“ Er erhob sich und schwang sich durch's Fenster. Draußen flimmerte ihm zu Füßen ein Lichtermeer, das sah er sich eine Weile an. Im gleichen Besinnen tauchte auch schon wieder die Fratze hoch auf dem First des Daches auf, nur noch häßlicher und größer als vorher. Je länger er hinsah, desto deutlicher wurde sie. Aus einem knochigen faltigen Schädel glühten grünfeurige Augen, aus denen über die hohlen, grimmigen Wangen fort und fort Tränen liefen, die unten auf zwei dürren Lippen zu Eisperlen erstarrten und herunterfielen. 82— dies Gesicht unbeweglich auf dem First des geheimnisvollen
uses.
Der Gedanke faßte sich und rief:„Wer bist du, Schrecklicher?“
Und ohne daß sich Lippen oder Zunge bewegten, klang es hohl zurück:„Ich bin die Not. Flieh, flieh!“
2 wd du!“ rief der Gedanke zurück.„Flieh, oder ich vertreibe
„Du vertreibst mich nicht. Ich bin ich: und du bist du. Versuche
es, wenn du magst, aber rüste dich wohl, wenn du mit mir anbinden willst, Wahnwitziger!“ Iich werde kommen“, rief noch einmal stolz und laut der Ge⸗ danke und entschwand durch die Lüfte zu seinem Herrn und Gebieter zurück. Auf der Reise verirrte er sich noch einmal, geblendet durch das viele Licht, in ein prachtvolles Haus; da rief ihm aber schon von Ferne ein Gesicht, das ihn lebhaft an den Dicken erinnerte, zu: „Mach', daß du fortkommst, du bist mir lästig!“
Sein wirklicher Herr aber— er saß gerade über den Tisch ge⸗ beugt und schrieb— empfing ihn mit hohen Ehren, ließ sich alles be⸗ richten und sagte zu ihm:„Ja, da hast du diesmal den schlimmsten Feind, den Urheber alles Bösen, getroffen. Die Menschen fliehen vor ihm und doch holt er sie leicht ein, und sind sie ihm erst einmal unterworfen, rasch sind sie seine Verbündeten, das Verderben und der Tod, hinterdrein und vollenden, was er begann. Aber wir werden gegen diesen Schattenfürsten Not, im Bunde mit Tag und Sonne, alle guten Gedanken, Willen und Taten zu einem Heere rüsten, ihn von den Feldern und Dächern vertreiben und ruhelos, wie es ihm gebührt, zu den Wölfen in die Steppe verbannen.“ Und damit gab sich der Gedanke einstweilen zufrieden.
Aus unserer Sammelmappe.
Das Nachtlämpchen im Vogelnest. Auf eine merkwürdige Ent⸗ deckung, wie sie die Tierkunde selten erlebt hat, macht Wilhelm Bölsche in einer naturwissenschaftlichen Plauderei aufmerksam, die er in der bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift Ueber Land und Meer veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein Vöglein von juwelenhafter Herrlichkeit des Gefieders, um die Amadine, die zu der Vogelgruppe der Webefinken gehört. Rücken und Flügel dieses entzückenden Tieres sind von durchsichtig⸗ stem Grasgrün, das gegen die dunkeln Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert, am Halse durch ein ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine leuchtend blut⸗ rote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt und pracht⸗ voll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze Kehle steht; zu diesem Grün und Rot aber steht die Brust mit einem breiten
Felde bes unvergleichlichsten Lila in schönem Gegensah, unh ble
ganze Farbenharmonie wird vollendet durch das satteste Dottergelb des Bauches. Es war den Zoologen schon lange aufgefallen, daß die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter Pracht. finken in den Mund⸗ und Schnabelwinkeln beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln zeigten, die bei den ausgewachsenen Tieren seltsamerweise vollständig verschwanden. Es war dies also eine Besonderheit der Kinderstube der Jungamadinen, und zwar stellte es sich heraus, daß diese kleinen Kugeln leuchteten, so wie die Nacht⸗ lämpchen in einer menschlichen Kinderstube. In dem fast geschlosse⸗ nen Webernest dieser Finken ist es nämlich dunkel, und so würde der alte Vogel zur Atzung ber Jungen kein Licht haben, wenn nicht diese kleinen Lichtlein leuchteten, die höchst sinnreicherweise von der Natur gerade dahin gesetzt sind, wo sie am besten der Nahrung den Weg weisen: nämlich in die Schnabelwinkel der kleinen Schnäbel selbst. Was ist das nun für ein Leuchten in der Kinderstube der Amadine? Darauf konnte man erst Antwort geben, nachdem überhaupt das Leuchten der Tiere in der Natur mehr erforscht war. Nicht nur die Glühwürmchen und Leuchtinfusorien verbreiten ja im Dunkel einen grellen Glanz, sondern auch allerhand Tieraugen, wie die der Katzen und Eulen. Katzenauge ein„Eigenlicht“ habe. Erst Prevost hat nachgewiesen, daß es sich beim Leuchten des Katzenauges um eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den Beschauer handelt, die mit eigner Leuchk⸗
kraft des Tieres nichts zu tun hat. Diese Feststellung erschien zu
nächst so ungeheuerlich, daß noch der große deutsche Physiologe Johan⸗ nes Müller in eingehenden Erperimenten die Tatsache beweisen mußte. Einer der genialsten Schüler Müllers, Brücke, konnte dann zum erstenmal zeigen, daß auch das menschliche Auge, wenn man es im dunkeln Raume mit einer Blendlaterne bestrahlt und dann einen Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken läßt, für diesen Beobachter leuchtet. Es war ein andrer großer Physiologe und Schüler Müllers, du Bois⸗Reymond, in dessen Auge zuerst das „Katzenlicht“ gezeigt wurde. Und an dies Experiment schloß sich einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten, die Er⸗ findung des Augenspiegels durch Helmholtz, der einen Hilfsapparat konstruierte, um die Brücksche Theorie des menschlichen Augenleuch⸗ tens seinen Schülern möglichst anschaulich zu zeigen, und dabei zu seiner großen Freude plötzlich die menschliche Netzhaut beobachten konnte. Auch die„Nachtlämpchen“ der Amadine leuchten nun, wie Chun dargetan hat, nach der Methode des Katzenauges. Die winzigen blauen Glühbirnen, die das finstere Nest des Finken illuminieren, wirken als ein raffinierter Reflektierapparat, indem sie die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut dunkeln Neststube konzen⸗ trieren und hell zurückstrahlen. Das Wunderbarste ist aber, daß dieses reflektierte Licht hier im Dienst eines bestimmten Nutzzweckes steht und von der Jungamadine zu ihrer eignen Fütterung ange⸗ zündet wird.— 5
Gewürze und Ernährung. Bei der Mischung von Nahrungs⸗ mitteln zu Speisen ist die Zufügung eines sog. Gewürzes wesentlich, d. h. eines Stoffes, welcher durch gewisse reizende Eigenschaften zur Anregung der Absonderung von Verbauungssäften besonders ge⸗ eignet ist. Durch sie wird die Nahrung überhaupt erst genießbar. Ihre Wirkung im Organismus wird am ehesten verständlich, wenn man sie mit der Schmiere einer Maschine vergleicht. Die Maschine läuft besser, wenn sie aut geschmiert wird. Gewürzstoffe und Genuß⸗ mittel lassen sich nicht leicht von einander trennen. Die Gewürze
sind wohlschmeckende und wohlriechende Substanzen, die entweder
in den gewöhnlichen Nahrungsmitteln enthalten sind oder denselben vor dem Essen zugesetzt werden. Die Gewürze, abgesehen von Zucker und Salz, die zum Teil als Nahrungsmittel aufzufassen sind, verdanken ihre Benutzung meist dem Gehalt an ätherischen Oelen oder Bitterstoffen. Genußmittel sind mehr diejenigen Stoffe, welche durch ihren Uebertritt ins Blut das Nervensystem beeinflussen und daher weniger auf Geschmack und Geruch wirken. Die Gewürze und Genußmittel besitzen gewisse spezifische Eigenschaften. Sie ver⸗ mögen die Nahrungsaufnahme angenehm zu gestalten durch psychische Wirkung, wie z. B. die Riechstoffe der Fleischbrühe, des Bratens, sehr wahrscheinlich der Vanille. Unmittelbar wird die Speichel-, Magen⸗ und Darmabsonderung beeinflußt, wie dies z. B. der Pfeffer tut, das Kochsalz, die Bittermittel. Andere Gewürze wirken auf die Darmflora, wie z. B. die Zwiebel, der Knoblauch und der Senf. Kochsalz, Pfeffer, Kaffee, Zichorienaufguß beein⸗ flussen den Stoffwechsel. Kaffee, Tee, Kakao, Alkohol, Vanille haben dann noch einen gewissen Einfluß auf das Nervensystem. In quali⸗ tativer Hinsicht sind zur Ernährung Nahrungs⸗ und Genußmittel nötig, erstere geben dem Körper das Material, mit welchem sich der⸗
selbe auf seinem stofflichen Bestand erhält, letztere reizen zum Genuß
und zur schnellen Ausnlitzung der Nahrung an.
Bis vor etwa 100 Jahren glaubte man nun, daß das
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