die staunenenerregend ist.
issen it macht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung
Nummer!
Dienstag, den 6. Januar 19 14
3. Jahrgang
Ewiges Leben. Von Dr. A. Lanick.
Stets um die Jahreswende werden Wünsche aller Art für die Zukunft ausgesprochen, und„Reichtum, Glück, Ge— sundheit und langes Leben“ heißt immer der Refrain. Ein langes Leben, ja, wenn es möglich wäre, sogar das ewige Leben wünscht sich wohl jeder Mensch einmal. Natürlich
müßte es in Gesundheit und Jugendkraft sein. Es ist aber
nicht nur bei dem Wunsch geblieben, von jeher gab es auch
findige Köpfe, die sich mit der Lösung der Aufgabe beschäf⸗
tigten, wenn nicht das ewige Leben zu finden, so doch daß Leben zu verlängern. Es ist oft viel Aberglaube, Hexerei und Betrug dabei, es hat aber auch Bestrebungen gegeben, die ehrlich demeint waren und ernst genommen werden müssen. Wir haben bei uns eine Vermehrung der Bevölkerung erlebt, Worauf anders ist sie zurückzu⸗ führen, als auf die Verlängerung des Lebens der Menschen? Die Zahl der Geburten war sicher früher nicht geringer als heute, die Zahl der Todesfälle natürlich auch nicht, denn jeder Mensch muß ja wieder sterben. Aber wenn früher 24 aller
Menschen schon im ersten Lebensjahre starben, so haben jetzt
kaum noch die Hälfte dieses Los, für alle übrigen ist eine be— deutende Verlängerung des Lebens eingetreten. Die Men⸗ schen, die früher wenige Wochen oder Monate alt wurden, leben heute jahrzehntelang, und die, die früher mit 40 oder
50 Jahren dahingingen, bringen es heute auf 60, 70 oder gar
noch höher. Ganz von selbst ist freilich dieser Umschwung
nicht gekommen. Der Mensch hat nach Mitteln gesucht, sein Leben zu verlängern, und er hat sie gefunden. Keine Zauber— mittel, sondern nur Reinlichkeit und gute Säuglings- und Krankenpflege. Wenn der Umfang eines Menschenalters heute festgesetzt werden sollte, er würde wohl das doppelte des Zeitraumes umfassen, den wir jetzt allgemein als ein Menschenalter bezeichnen. Und es ist anzunehmen, daß wir noch nicht einmal am Ende dieser Bewegung stehen. Allbe⸗ kannt sind die Bestrebungen Metschnikoffs, des Propheten
des Noghurt, der das Durchschnittsalter der Menschen auf
100 Jahre bringen will. Es bedarf dazu lediglich des Intesti⸗ bakteriums, das die schädlichen Darmbakterien tötet, und da— neben einer vernünftigen Lebensweise. Denn, so wider— sinnig es auch klingt, die meisten Menschen essen sich zu Tode, d. h. wenn sie weniger essen würden, würden sie länger leben.
Darin liegt ein Hauptgeheimnis aller Lebensverlängerungs—
regeln.
Vorausgesetzt, die Menschen hätten die nötige Charakter stärke und Selbstzucht, auf ihre hergebrachten Schmäuse und liebgewonnenen Genußmittel zu verzichten und sich streng nach den Regeln der Aerzte zu richten, was hindert uns daran, zu glauben, daß mit der Zeit die Hundertjährigen so häufig werden, wie heute die Sechzigjährigen? Aber hundert Jahre sind noch keine Ewigkeit, und bis zum ewigen Leben ist ein so gewaltiger Schritt, daß man dieses Ziel für den Menschen nie ernsthaft zu erstreben suchen wird. Gibt es denn über⸗ haupt ein ewiges Leben? Wir wissen von Tieren, die weit über hundert Jahre, und von Bäumen, die weit über tausend Jahre alt werden. Gibt es da nicht auch Lebewesen, die hunderttausend oder Millionen von Jahren überdauern können? Wer denkt jetzt z. B. nicht daran, daß die in den Pyramiden gefundenen Getreidekörner der alten Aegypte:
beim Pflanzen wieder in die Halme schießen, daß in römisch⸗
gallischen Gräbern gefundene Körner heute wieder Aehren
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tragen sollen? Das wäre doch ein Beweis, daß sich in den Samenkörnern das Leben viele tausend Jahre, also wohl auch ewig erhalten könnte. In Wirklichkeit aber handelt es sich bei allen diesen Berichten nur um Phantasien, die freilich gern geglaubt werden. Und wenn Reisende aus Aegypten das Gegenteil behaupten, so sind sie nur das Opfer schlauer einheimischer Händler geworden, die frische Getreidekörner unter die in den Pyramiden gefundenen gemischt hatten. Die Wissenschaft hat sich gründlich an die Erforschung dieser Dinge gemacht. Gaston Bonnier, Kolkwitz, Gain und Brocg⸗ Rousseau, um nur einige Namen zu nennen, haben Keim⸗ versuche mit Samenkörnern jeden Alters unternommen. Es hat sich aber ergeben, daß kein Samen nach länger als hundert Jahren noch Keimkraft besaß. Die Körner zeigen zwar oft noch ein ganz frisches Aussehen, die mikroskopische Unter⸗ suchung aber läßt erkennen, daß die innere zellulare Organi- sation zerstört ist, so daß ein Keimen unmöglich noch erfolgen kann. In das Gebiet der Märchen gehören auch die Berichte von den Aufgußtierchen, die ewig in der Trockenheit aufbe⸗ wahrt werden können, und doch wieder zum Leben erwachen, sowie sie- angefeuchtet werden. Man hat durch Versuche er wiesen, daß derartige Aufgußtierchen nach einer Aufbewah⸗ rung im Trocknen von länger als 30 Monaten nicht wieder zum Leben zurückgerufen werden können.
Weder bei den Pflanzen noch bei den Tiere sehen wir also die Möglichkeit eines ewigen Lebens. Aber im Mineral- reich können wir sie finden. Ein Salzkriställchen kann tausend und Millionen von Jahren ruhen, bringt man es dann wieder in eine gesättigte Salzlösung, so wird es weiter wachsen. Es wird seinen Körper vergrößern und die neu aufgenommene Substanz sich innerlich und äußerlich orga⸗ nisch anpassen. Dieser Vorgang heißt doch leben? Und was für das Salzkörnchen gilt, das gilt auch für den Quarz, für den Feldspat, überhaupt für alle Kristalle. Wenn sie heute wieder unter denselben Bedingungen, die bei ihrer Ent⸗ stehung herrschten, in glutflüssige Gesteinsmasse kämen, so würden sie auch zu neuem Wachstum erwachen.
Die Kristalle also haben das ewige Leben. Warum nun Tier und Pflanzen, warum der Mensch nicht? Vielleicht sehen wir die Sache nur falsch an. Wir halten unser Einzelbestehen und unsere augenblickliche Daseinsform schon für„das Leben“. Wenn es so wäre, dann wäre mit dem Tode natür⸗ lich alles aus. Aber wir kennen viele niedere Tiere, die sich durch Teilung fortpflanzen; es lebt also bei ihnen selbst in der tausendsten und millionsten Generation noch ein Teil der Zelle des Muttertieres fort. Ist das nicht ewiges Leben? Und wenn man das zugibt, dann haben alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere und auch der Mensch ein ewiges Leben; denn auch bei ihnen ist die Fortpflanzung nur das Selbständig⸗ werden einer winzigen Körperzelle. Sie leben also alle in ihren Nachkommen weiter. Und so wollen wir unseren Wunsch nach ewigem Leben auch auffassen. Nicht unsere augenblickliche Daseinsform soll ewige Dauer haben, aber in unseren Kindern und Kindeskindern wollen wir uns lebens⸗ fähig zu erhalten suchen. Dann haben auch wir das ewige Leben!


