Ausgabe 
1-30 (6.1.1914)
 
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Die Einweihung des Brüsseler Erziehungshauses.

Der 21. Dezember 1913 in Brüssel hat eine Bedeutung er⸗ halten, die weit Über den Ort, das Land und selbst die Partei, denen er in erster Linie galt, hinausgeht. In seiner Zusammenfassung örtlicher und internationaler Interessen, in der Krönung fahr⸗

hntelanger treuer und mühsamer Genossenschaftsarbeit und in der . von Geistesadel und Arbeiterbewegung ist er ein über⸗ wältigendes Sinnbild der sozialistischen Idee des Bundes von Wissenschaft und Arbeitern, wie Lassalle ihn verkündet hat.

Eine Handvoll Arbeiter war es, die 1882 mit einem Kapital von 600 Franken die Genossenschaft des Brüsseler Volkshauses gründeten, der heute neben den mannigfachen Betrieben einer blühenden Konsumgenossenschaft das gewaltige Volkshaus in der Joseph Stevensstraße gehört. Dieses Gebäude, das ansangs zu groß erschien, ist zu eng geworden. Im vorigen Jahre beschlossen die Genossenschaftsvertreter einstimmig, zur Erweiterung der Bureau⸗ räume der Gewerkschaftsbeamten und zur Vereinigung der mannig⸗ fachen Bibliotheken und Vortragsräume eine Bausumme von 650 000 Fr. zu bewilligen. Nun ist der Neubau, eine Stätte ver⸗ einter genossenschaftlicher, gewerkschaftlicher und politischer Arbeit, örtlicher, nationaler und internationaler Organisation und zugleich eine Erholungs- und Bildungsstätte größter und edelster Art, er⸗ öffnet. Die sozialistische Genossenschaft, sagt der Peuple, ist schon stolz darauf, das beste Brot zu backen. Mit Hilfe der Arbeiter⸗ partei unternimmt sie nun auch das kühnere und schwerere Werk: bessere Menschen zu machen. Das Bauwerk, mit dem sie die Arbetterklasse beschenkt hat, hat eine symbolische Bedeutung. Es steigt auf aus dem bewegten Boden diefes alten Plebejerquartiers, wo das Elend in Leiden seufzt, in der Freude lärmt und in Stunden der Empörung tobt. Es lehnt sicz an die Räume der Genossenschaft, wo man sich bemüht, die Kaufkrast des kläglichen Arbeiterlohnes zu erhöhen. Und es stützt sich auf die politische Feste, die der Lärm der großen Kämpfe erfüllt. Es bringt dazu in harmonischer Logik die Hallen, wo, durch Körperübu ng gestählt, unsere jungen Leute im gefunden Körper die Stätte des gefunden Geistes schafsen, die Hörsäle unserer Musikschulen für Kinder, die zahllosen Bureaus der Gewerkschaftssekretäre, die Aemter der politischen und wirtschastlichen Leltung der Parteidie Biblio⸗ theken, die Vortrags- und Studierräume der sozialistischen Landesschule und, das Ganze krönend, das wunderbare Pano⸗ rama der Stadt beherrschend, in der Höhe von 35 Metern das internationale sozialistische Bureau.

Als Vertreter der GenossenschaftVolkshaus gab Genosse Octors bei der Eröffnungsfeier die geschichtliche Darstellung von dem Wirken der De Paepe, Volders usw. an. Vander velde be⸗ grüßte die beiden berühmten Ehrengäste den großen französischen Gelehrten und Dichter Anatole Fra ne, der als Genosse an der Feier teilnahm, und den Erfinder, Großindustriellen und groß⸗ herzigen Stifter gemeinnütziger Einrichtungen Ernest Solvay, der für die Bildungszwecke und die sozialpolitische Arbeit des neuen Hauses eine Million Francs gestiftet hat. Er ging gleich⸗ falls auf die Anfänge zurück: die Zeit, als einige unbekannte Ar⸗ beiter, darunter der junge Bertrand, einige hundert Franes aufgebracht hatten und mit einem Hundefuhrwerk und einer Hinter⸗ hausbäckerei den Betrieb begannen, der sich so glänzend entfaltet hat. Er schlug für die neue Schöpfung den NamenSolvay⸗ Institut für Arbeiter-Erziehung, vor. Als dessen Aufgaben stellte er hin:Es handelt sich in erster Linie darum, in der Fülle ihrer freien Selbstbestimmung die Tätigkeit der Arbeiterpartei zu ent⸗ falten, die sich die Verallgemeinerung des Wissens, die Ausbildung unserer Kämpfer zur Aufgabe macht, die in der Arbeiterjugend Menschen der Tat, der Organisation wirbt. Unter diesen Unter⸗ nehmungen ist die Zentrale der Arbeiterbildung, die ihre Wirksamkeit über das ganze Land erstreckt. Dieser stellen wir einen jährlichen Zuschuß von 30000 Francs, vorbehaltlich weiterer Bewilligungen für örtliche Zwecke, zur Verfügung. Aber es gemigt nicht, Menschen zu bilden. Wir müssen auch dahin streben, die im Programm der Arbeiterpartei geforderten Reformen zu Gesetzen werden zu lassen. Zu ihrer Verwirklichung wird das neue Institut die Schaffung eines der Partei unterstehenden Amtes für Sozialgesetzgebung befördern, das der sozialistischen Parla mentsfraktion in ihrer Gesetzgebungsarbeit zur Seite stehen wird. Für diese Zwecke stehen neben den bisher schon bewilligten über 10 000 Francs der örtlichen Ausschlisse bisher weitere 9500 Francs aus zentralen Mitteln zur Verfügung. Vandervelde dankt Solvay. dem Volkshaus, dem Leiter der Bildungszentrale De Man für das bisher Geleistete.

Aber was bisher geschehen ist, ist nichts im Vergleich mit dem, was noch zu tun bleibt. Wir haben Geld. Wir haben Einrichtungen. Aber wir haben nicht genung Menschen. Die Arbeiterpartei durchläuft in dieser Hinsicht eine wahre Krise, aber eine Wachs⸗ tumskrise. Die Raschheit ihres Fortschreitens namentlich seit 23 Jahren nötigt zu einer Verstärkung ihrer leitenden Kräfte. Wir brauchen Sekretäre für unsere Gewerkschaften, Techniker und Verwalter für unsere Genossenschaften, Schriftsteller, Lehrer, Geistesarbeiter für unsere Bibliotheken, Schulen, Zeitungen. Und in diesem Lande ist leider die Bildung so wenig verbreitet, daß die Nachfrage das Angebot übersteigt. Diesem Uebel soll die Bildungs⸗ zentrale abhelfen. Die Demokratie braucht Erziehung, um ihre Feinde zu überwinden. Sie braucht Erziehung, um zu lernen, sich selbst zu regieren. Sie braucht auch Erziehung um sichdas Denken aller Denkenden, das Wissen aller Wissenden anzueignen(Solvay).

In diesem Sinne begrüßt der Redner die Gäste aus Deutschland, England, der Schweiz. a N Nachdem dann Solvay in längeren Ausführungen sein eigen⸗ artiges soziales System entwickelt Falte, sprach Anatole France. Er begrüßte die Einigkeit und Klugheit, die in der Verwaltung des Volkshauses gezeigt haben, daß der Sozialismus eine Sache der Ordnung und guten Verwaltung ist. die Arbeiter⸗Internationale eröffnet sich eine neue Aera im ö leben: Das Proletariat legt feine Hand auf Wissenschaft und Kunst. Es erfaßt die mächtigen Waffen des Geistes, die hohen Freuden der Schönheit.... Der Sozialismus ist der Friede. Es gilt die Feitenden zu belehren, die unbewußten Massen aufzuklären, die Völker zu einigen, die die kapitalistische Politik ohne Unterlaß in furchtbare Zusammenstöße zu treiben roht. Im Grunde wollen in keinem Lande die Herrschenden den Krieg. Aber sie wollen seine Drohung. Das Geschsitz soll nicht losgehen, aber es soll immer geladen sein. Ein Volk, das unter der Drohung des Kriegs und des feindlichen Einfalls steht, ist sehr leicht zu regieren. Es verlangt keine sozialen Reformen. Es räsonlert nicht über Rüstungen und Militärlieserungen. Es zahlt ohne Widerstreben bis zum Ruin. Und das ist prächtig für die Syndikate der Finanzmänner und Industriellen, denen der patriotische Schrecken eine über⸗ fließende Quelle des Gewinns öffnet. Aber trotz dem herrschenden Militarismus, trotz den Provokationen der Regierungen und ihrer offiziösen Presse nähern sich langsam, mit ungleichen Schritten, alle Völker der Erde dem Friedenszustand. Der Weltfrieden wird sich verwirklichen, nicht, weil die Menschen besser würden, sondern weil eine neue Ordnung der Dinge, eine neue Wissenschaft, neue wirt⸗ schaftliche Notwendigkeiten ihnen den Frieden auferlegen, wie einst ihre Lebensbedingungen sie in den Kriegszustand nötigten und dort sesthielten. Das ist kein Traum, den der Tag verscheucht, kein leeres Gedankeuspiel. Im Gegenteil: jene träumen, die, weil sie vom Militarismus und der brutalen Kolonialpolitik leben, glauben, die herrschende Ordnung richtiger Unordnung werde ewig dauern. Aber glauben sie es wirklich? Nein! Sie glauben wohl, daß der Krieg nicht ewig dauern wird. Sie wissen, wie man ihn töten und wer es tun wird. Sie wissen, daß wir durch den Sozialismus das Ungeheuer vernichten werden, das sie nährt. Darum fürchten und beschimpfen sie uns. Sie wissen, daß das Proletariat aller Länder sich eint und bald nur noch ein einziges Weltproletariat bilden wird, und daß die Einheit der Arbeiter den Weltfrieden bedeutet. Einigen wir uns, lieben wir einander. Lieben wir die friedlichen Werke der Menschheit! g 0

Der Sieg des Proletarlats ist sicher. Weniger die gewalttätigen und ungeordneten Anstrengungen unferer Gegner als unsere eige⸗ nen Spaltungen und Unklarheiten unserer Methode könnten ihn, verzögern. Er ist gewiß, weil die Natur der Dinge und die Be⸗ dingungen des Lebens selbst ihn anordnen und vorbereiten. Er wird sich vollziehen mit Methode, Vernunft, Harmonie. Er ze ich⸗ net sich schon in der Welt ab mit der unbeugsamen Strenge einer geometrischen Konstruktion. 8

Es folgten noch Ansprachen der ausländischen Delegierten: Genossin Jouenne(Paris), Heinrich Schulz(Berlin), in einer zweiten Versammlung der Genosse Lloyd(England), Frau Hühni(Schweiz), Voogt(Holland) u. a. Auch hier 8 Vandervelde und France. Vandervelde zeigte, wie die Meister des Gedankens: W. Morris, B. Shaw in England, Maeter⸗ linck, Verhaeren in Belgsen, Strindberg in Skandinavsen usw. sich wehr und mehr dem Sozialismus nähern.Unsere Partei ist groß. Sie war es, als vor einigen Monaten 400 000 Maun in Streik traten, um ihr Grundrecht zu erobern. Sie ist noch größer in den Gewerkschaften, wo sie die- Zellen der Zukunftsgesellschaft vorbe⸗ reitet. Aber noch größer wird sie sein, wenn sie ihre Glieder mit Meuschen gefüllt haben wird. Die geistige Leistung muß nicht immer von oben kommen. Sie muß von unten lommen, aus der Arbeiterklasse selbst. Und France bekannte ich noch einmal als glühenden Sozlalisten.Was mich zum Sozialismus führte, war die Einsicht, daß es bessere Methoden gibt, als die Nationalökonomen mich gelehrt hatten. Isch liebte ihn, weil er beseelt ist von einem mächtigen Geiste der Gerechtigkeit, die einzige Partei, die daran ge⸗ dacht hat, Wahrheit und Gerechtigkeit zu vereinen, und die nie am Guten verzweifelte... Der Sozialismus, den man beschuldigte, daß er die Schönheit töte, ist ein Freund der Kunst. In seinem Buche Kunst und Sozialismus hat Vandervelde gezeigt, wie dle Bourgeoisie die Kunst geknechtet oder doch sich bemüht hat, sie in den Dienst ihrer Denkweise, ihrer Interessen zu stellen. Möge das Proletariat einen einzigen Körper bilden und dieser Riesenkörper über die Landesgrenzen den anderen Riesen die Hand hinstr. und mit seinen Brüdern sprechen: Wir sind im stande, euch den Frieden zu gebieten, weil wir die Macht sind, und aus einem anderen, noch höheren Grunde: weil wir die Ver nn uft sind!

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Ernst Solvay.

Eine Million für Bildungszwecke

Die Wiener Arbeiter-Zeitung schreibt: 2 42

Die neue große Spende des belgischen Großindustriellen lenkt

von neuem die Aufmerksamkeit auf diesen Mann, in einem bestimmten Geiste gehaltene Stiftungen gemacht hat. A

Anlaß seines fünfzigjährigen Geschäftsjubiläums(im tember

vorigen Jahres) hat er etwa acht Millionen gestistet. So

die deutschen Solpay⸗Werke, die im Kalibezirk der Provin 8

liegen, eine Pensionskasse mit einer Einlage von dreieinbafß

der Arbeiter.

Frankreich. 5

Glen

der so große und so groß 3