tausend roten Blutkörperchen, die da wie Münzen rollenweise unter den vergrößerten Linsen lagen, erregten die naive Bewunderung der ersten, noch unsicher vorwärtstastenden Mikroskopiker. Die machten sich einen Spaß daraus, die Formen bei verschiedenen Tier- arten genauer zu untersuchen, sie nach ihren Unterschieden fein säuberlich in scharfsinnia erdachte Ordnungen einzureihen und dann als höchsten Triumph ihres Forschens aus einzelnen Blutstropfen durch Vergleiche wieder auf das Tier zu schließen, von dem sie wohl stammten. Spekulative Köpfe konstruierten ja schon damals Ver— wandtschaftsreihen und fanden dabei nicht nur überraschende Aehn— lichkeit der äußerlichen Körperformen, sondern auch winziger Be— standteilchen, so die der Blutkörperchen.
Abseits von diesen Kleinarbeitern im Hause der warmes Leben atmenden Zoologie setzte viel später ein anderes Häuflein wissens— durstiger Forscher die Hebel an ein altes, morsches Gebäu, um aus der unbrauchbaren Schale der mittelalterlichen Alchimie den win— zigen wertebergenden Kern freizulegen. Sie holten die Bausteine für ihr neues Haus aus der leblosen Natur; klingende Metalle und unscheinbare Salzstäubchen, unsichtbare Gase und kristallklare Wassertropfen wurden untersucht, in Retorten gebannt, zerlegt und vereint, geglüht und entzündet. Und als jene Männer glaubten, in alle Rätsel des leblosen Stoffes eingedrungen zu sein, da fielen ihre Augen auf die Pflanzen- und Tierleiber, die auf der totem Erde lebten, die aus ihren Bestandteilen ihre Nahrung bezogen und sie in ihrem Organismus für ihre Eigenart verarbeiteten. Sie ge— wöhnten sich daran, auch im Lebenden nur chemische Stoffe und 7 8 zu sehen und sie von diesem Gesichtspunkt aus zu unter⸗ uchen.
Der tierische Lebenssaft, das Blut, wurde zur chemischen Lösung, die sich zu Fällungen hergeben mußte, die man auskristalli⸗ sieren ließ, der man mit Feuer und Wasser ihre Geheimnisse zu ent— locken suchte. Die Entdeckungen auf diesem Gebiet waren über— raschend: Man weiß heute nicht nur, daß die Blutkristalle für jede Art wieder andere Formen zeigen, sie lassen sogar für jedes Einzel— wesen verräterische Unterschiede erkennen, die sich weitervererben und die derselbe Mensch von der Wiege bis zum höchsten Greisen— alter unveränderlich aufweist.
Wie sich bei der Kristallisation weitgehende Unterschiede zeigen, so erkennt man beim Vermischen von gewissen flüssigen Bestand— teilen des Blutes andererseits jede wenn noch so unangenehme Ver— wandtschaft. Freilich mußte man für manche Versuche die Vermitt⸗ lung des tierischen Körpers in Anspruch nehmen. Denn trotz der feinsten Apparate, trotz der trefflichsten Lösungen ließen sich nicht alle chemischen Vorgänge im Tierkörper in Glasröhrchen und Retorten nachahmen. So spritzte man in die Blutkanäle eines Meerschweinchens etwas Blutwasser vom Hund; dadurch wurde nun das Meerschweinchenblut stark e chemisch verändert. Wenn man näm- lich sein Blutwasser(Serum) mit dem eines Hundes in einem Glase mischte, trat eine trübe Färbung ein. Seltsam: ganz dieselbe chemische Trübung beobachtete man nun auch, wenn man das Serum des vorbehandelten Meerschweinchens mit dem Blutwasser des Wolfes mischte. Schließlich ergab sich aus einer langen Reihe von derartigen Versuchen, daß hier ein Weg zur Bestimmung verwandt— schaftlicher Beziehung zwischen Warmblütern gefunden sei. Daß die Menschenafsen den Menschen näher stehen als den sogenannten Halb— affen, ließ sich mit ähnlichen Serumversuchen des Berliner Arztes Friedenthal schlagend beweisen.
Noch eine eigenartige Beobachtung machte man bei solchen Serumeinspritzungen: Hatte man ein Kaninchen zunächst mit Hunde— blutwasser geimpft und wiederholte die Einspritzung nach einigen Tagen mit Hundeserum oder mit dem Blutwasser des verwandten Fuchses oder Hundes, dann zeigten sich auffallende Entzündungen, stürmische Krankheitserscheinungen und Anfälle, die oft den Tod des Versuchstieres zur Folge hatten. Sein Blut war gegen das Serum der betreffenden Tierverwandtschaft überempfindlich geworden, während es anderen Blutwässern gegenüber keinerlei Verände— rungen zeigte. Man konnte also hier aus dem Ergebnis einer zweiten Einspritzung schließen, ob zwischen den Tieren, denen die beiden Sera entnommen waren, irgendwelche Beziehungen be— standen.
Dabei blieb die Wissenschaft nicht stehen: Auch das Blut der Pflanzen mußte in den Kreis dieser Betrachtungen gezogen werden. Karasawa entdeckte, daß Versuchstiere, die mit Reis exakt behandelt waren, bei einer zweiten Einspritzung von Eiweißstofsen derselben Pflanze auffallende Ueberempfindlichkeit zeigten, daß sie dagegen sie nach verwandten Pflanzen(Sago, Weizen) ohne Beschwerden ertrugen. Mit Hilse dieser Beobachtung konnte man sogar die Ver⸗ fälschung von Futtermitteln durch andere Pflanzensamen nachweisen.
Aber auch zum Herausfinden verwandtschaftlicher Fäden, die sich zwischen einzelnen Pflanzenfamilien zunächst unsichtbar hin- und herspinnen, hat die Blutforschung ihre Dienste leihen müssen: Man schält und zerstößt die zu untersuchenden Pflanzensamen und zieht mit physiologischer Kochsalzlösung die wirksamen Kräfte aus. Das Extrakt läßt man 1 Stunde lang stehen und filtriert daun diese Flüssigkeit, die man nun mehrmals in die Blutkanäle von Kaninchen spritzt, die dadurch immun werden. Das den geimpften Tieren ent⸗ nommene Blut läßt man absitzen und findet
nun über den zu⸗
sammengeballten Blutkörperchen schwimmend ein helles,
zu prüfenden Samenextrakt mischt. gut durch und erwärmt sie etwa 2 Stunden lang auf 37 Grad Celsius. Fügt man nun frisches Rinderserum zu, dann entsteht bei 1 Pflanzenarten ein flockiger Niederschlag.(Nach K. ohlke.. Der Kreis menschlischen Wissens schließt sich wieder. Wer wissen heute, daß nicht nur jeder lebende Körper und seine win— zigsten, mit den besten optischen Hilfsmitteln eben noch sichtbaren Bestandteilchen je nach Art und Einzelwesen bestimmte Aehnlich⸗ keiten und Unterschiede aufweisen, wie wissen, daß auch die chemi— schen Grundstoffe, aus denen er aufgebaut ist, ihre individuelle Eigenart haben. 7
Aus unserer Sammelmappe. Die Entstehung des Kamelhöckers.
Als der berühmte Physiologe Professor Lombroso einst in Genua einen kranken Lastträger untersuchte, fand er auf dessen Rücken in der Mitte, gerade an der Stelle, wo der Mann den Schwer- punkt seiner Last stützte, einen Auswuchs in Form eines Fettpolsters von Faustdicke vor. Wie der Kranke angab, erleichterte ihm dieses natürliche Polster ganz besonders die Ausübung seiner Arbeit. Solche Fettgeschwulste wurden später noch bei verschiedenen anderen genuesischen Lastträgern gefunden. Nun erinnerte man sich, daß auch in der Tierwelt ein Lastträger vorhanden ist, dessen Rücken schon seit uralten Zeiten derartige abnorme Auswüchse aufweist— das Kamel. Was lag näher, als die Bildung des Fetthöckers beim Kamele auf die gleichen Ursachen zurückzuführen wie die Entstehung des Fettpolsters beim genuesischen Lastträger! Wenn bei diesem schon wenige Jahre seines schweren Berufes genügen, um auf seinem Rücken solche Veränderungen hervorzurufen, muß man da nicht an⸗ nehmen, daß beim Kamel im Laufe zahlloser Generationen ein gleiches in verstärktem Maße stattgefunden hat, da ja bei diesem zu der fortgesetzten mechanischen Einwirkung noch die Einflüsse der Vererbung und der Zuchtwahl hinzutraten!
Es unterliegt heute in der Tat keinem Zweifel mehr, daß die Höckerbildung beim Kamele nicht eine aus inneren organischen Ur— sachen hervorgegangene Mißbildung, sondern nur eine Folge äußerer Einwirkungen ist, also eine Abnormität darstellt. Das erhellt schon daraus, daß der Höcker bei jener Art gezähmter Kamele fast ganz sehlt, welche nur zum Lausen bestimmt sind, und die der Araber Mahari, das heißt höckerlose Kamele nennt, sowie auch daraus, daß der Ernährungszustand des Tieres von wesentlichem Einfluß auf die Höckerbildung ist, indem andauernder Nahrungsmangel den Höcker fast ganz zum Schwinden bringt, ein Vorgang, der besonders auch bei verwilderten Kamelen beobachtet wurde.
Die Abnormität der Höckerbildung ist aber in gewissem Sinne auch experimentell nachgewiesen. Das einhöckerige Kamel, das Dromedar, ist als eine Abart des ursprünglich noch in den zentral⸗ asiatischen Steppen vorkommenden zweihöckerigen, des sogenannten Trampeltieres, anzusehen. Der ursprüngliche, infolge einer be⸗ sonderen Sattelweise entstandene Doppelhöcker modifizierte sich durch Aenderung der Sattelweise, sowie zugleich infolge operativer Ein⸗ griffe in verschiedenen Gegenden derart, daß der eine Höcker nach und nach verschwand und das Dromedar das Trampeltier mehr und mehr verdrängte. Bewiesen wird dies durch die heute noch bei den Turkomanen der zentralasiatischen Steppen herrschende Sitte, den neugeborenen zweihöckerigen Kamelen den einen Höcker zu amputieren, um sie tauglicher zum Lasttragen zu machen. Indem man dann zur Fortpflanzung besonders solche Kamele verwendete, deren zweiter Höcker von vornherein geringere Dimensionen auf⸗ weist, erhielt man allmählich Tiere, bei denen die nicht immer glück⸗ lich verlaufende Operation überflüssig wurde.
So wurde und wird also die eine Form einer vom Menschen geschaffenen Anomalie durch einen doppelten Auslesevorgang in eine andere Form übergeführt, ein schlagender Beweis dafür, daß es sich bei der Höckerbildung des Kamels lediglich um eine durch äußere Einflüsse hervorgerufene Abnormität handelt. 5 2
Und so ist es auch gewiß kein Zufall, daß der tierische wie der menschliche Lastträger seinen Namen von seiner Tätigkeit ableitet wie seine körperliche Absonderlichkeit: Das Wort Kamel stammt vom arabischen Hamal, welches„tragen“ bedeutet— das genuesische Wort für Lastträger aber ist„Camallo“!
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Man schüttelt die Flüssigkeit
klares 1 1 Serum, das man im Reagensglas mit dem auf seine Verwandtschaft


