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Wissen istacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung
Nummer 29
Dienstag, den 21. Zuli 19 1a
3. Jahrgang
Gleichmachen.
„Solange die Welt steht, sind die Leistungen der Menschen immer verschieden gewesen und werden es auch in Zukunft bleiben, trotz aller schönen Träume von einem idealen Zu— kunftsstaat.“ Also läßt sich der Lausitzer Fabrikantenverband vernehmen in einem Zirkular, das er an die„staatserhaltende“ Presse versandt, um die angedrohte Aussperrung von 30 000 Textilarbeitern zu rechtfertigen. Wir registrieren, daß diese Feinde des Sozialismus den Zukunftsstaat, den sie sonst immer in Grund und Boden verdammen, hier zur Abwechs— lung einmal„ideal“ nennen. Aber weshalb sollen sie nicht? Geschieht es doch, um den Sozialisten die törichte Idee anzu⸗ hängen, daß alle Menschen gleiche Leistungen vollbrächten, und um mit der Zurückweisung dieser törichten Idee zugleich den geforderten Mindestlohn zurückzuweisen. Das nämlich ist des Pudels Kern. Die Walkereiarbeiter in Forst haben einen Mindestlohn von 24 Mark pro Woche verlangt. Den wollen die Fabrikanten nicht zahlen. Und znstatt das gerade und brutal herauszusagen, machen sie ein„gelehrt“ klingendes Brimborium darum, reden von den Leistungen der Menschen, solange die Welt steht, und vom idealen Zukunftsstaat, was alles mit dieser Lohnfrage eigentlich nicht das mindeste zu tun hat, und lenken so die Aufmerksamkeit der nackten Ta sache ab, daß sie ihren Arbeitern nicht so viel geben wollen, wie sie zum Leben brauchen. Denn selbst in Forst wird wohl niemand behaupten wollen, daß man mit noch weniger als 24 Mark Wochenlohn eine Familie ernähren kann.
Wir bezweifeln nicht, daß diese praktische und aktuelle Seite der Frage von den beteiligten Genossen in Forst in hinreichender Form beantwortet werden wird. Inzwischen hat sie auch eine theoretische Seite, die wohl ebenfalls einmal eine kurze Betrachtung lohnt. Denn das Märchen, daß die Sozial- demokraten alles„gleich machen“ wollen, so sehr es zu den ältesten, schon vor 50 Johren widerlegten Ladenhütern unserer Gegner gehört, spukt doch immer noch wieder in den Köpfen herum und richtet allerhand Schaden an.
Wären wir Sozialdemokraten wirklich so einfältig, zu behaupten, daß die Leistungen der Menschen gleich sind, dann wären wir sicher eine kleine Sekte geblieben, der keine nennens- werte Anzahl Menschen Gefolgschaft leistete. Denn eine solche Behauptung steht doch mit den Tatsachen in krassem Wider— spruch. Jeden Tag sehen wir doch, daß die Menschen ungleich sind und Ungleiches leisten. Der eine ist klug, der andere ist dumm; der eine stark, der andere schwach usw. Das sind doch Tatsachen, die nur ein Narr ableugnen kann. Ebenso, daß der eine oft mehr eder besseres leistet als der andere. Freilich sind diese Unterschiede nicht sämtlich von der Natur gegeben. Zum großen Teil liegen sie an Erziehung, Unterricht und Umgebung. Man schaffe die Einheitsschule, man sorge dafür, daß jedem, aber auch jedem jungen Menschenkinde die Quellen der allgemeinen Bildung erschlossen werden, und daß es dann später im Leben an den Platz treten kann, der seinen Fähigkeiten entspricht, so werden schon viele von jenen Un,
gleichheiten schwinden. Wenn darüber, ob ein Junge Diplomat oder Sackträger wird, nicht mehr des Vaters Geldbeutel ent⸗ scheidet, sondern des Jungen Befähigung, so werden unter den Diplomaten und unter den Sackträgern die Leistungen sicherlich nicht mehr so erheblich von einander abweichen wie heutzutage. Miele Unterschiede werden verschwinden; viele, aber doch nicht alle. Eine vollständige Gleichheit ist weder vorhanden, noch ist sie erstrebenswert; der eine kann dies, der
andere das, und gerade durch die gegenseitige Ergänzung kommt mehr und Mannigfaltigeres heraus.
Nehmen wir es also ruhig als ein„Naturgesetz“ hin, daß die Menschen verschieden sind und Verschiedenes leisten; und zwar als ein segensreiches Naturgesetz. Ist damit nun der Sozialismus widerlegt? Er wäre es, wenn er jemals die öde Gleichmacherei gepredigt hätte, die seine Gegner ihm unterschieben. Das ist ihm aber niemals eingefallen. Sondern was er will, ist zweierlei: erstens jedem Menschen die Möglich · keit geben, seine Fähigkeiten bei der Arbeit voll anzuwenden und zu entfalten; dazu gehören jene Maßnahmen der Er⸗ ziehung, des Unterrichts, der Lehre, der allgemeinen und fach⸗ lichen Ausbildung, die wir bereits kurz erwähnten. Sodann will er, daß für die volle Anwendung und Ausnutzung seiner Fähigkeiten ein jeder auch seinen genügenden Lebensunterhalt haben soll. Ein schwacher Ansatz dazu ist die Forderung des Mindestlohns. Denn sie besagt, daß unabhängig von der Leistung jeder mindestens so viel kriegen soll, daß es zum Leben reicht. Von einer Gleichheit der Entlohnung ist dabei gar keine Rede, denn die Arbeiter haben nicht das geringste dagegen, daß mehr als der Mindestlohn bezahlt wird. Anderer- seits steht fest, daß jeder, auch der am wenigsten Leistungs⸗ fähige, doch zum mindesten seine Existenz verdient, denn sonst würden ihn die Fabrikanten ganz gewiß nicht beschäftigen. Aber mehr als ein schwacher Ansatz zum Sozialismus ist die Forderung des Mindestlohns auch nicht. Denn nicht nur gerade den Lebensunterhalt soll der Arbeiter haben, sondern sein gutes und bequemes Auskommen. Und das ist freilich nur zu erreichen auf dem Wege des Kommunismus. Zeter schreien die Kapitalisten, wenn man ihnen zumutet, ihre Ar⸗ beiter nicht nur zu bezahlen, sondern gut zu bezahlen, ohne Rücksicht auf die individuellen Leistungen. Und in der Tat, das erlaubt der Profit nicht, und die Privatwirtschaft erlaubt es nicht. Wohl aber erlaubt es die kommunistische Wirtschaft. Sind erst einmal die Schranken der Privatwirtschaft— die vor unseren Augen mehr und mehr zurückgedrängt werden— überwunden, findet erst einmal jenes allgemeine Zusammen⸗ und Hand⸗in-Handarbeiten statt, welches das Wesen des Sozialismus ausmacht, dann müssen nicht mehr ungeheure Mengen der erzielten Produkte und Reichtümer als Profit in die Taschen einer Handvoll Besitzer versenkt werden. Dann ist genug da, um jedem ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, um jedem die Mittel zur Entfaltung seiner Persönlichkeit zu gewähren. Dann erst werden wir aus der öden Gleichmacherei herauskommen, in der sich jetzt Millionen unserer Brüder befinden, aus der Gleichmacherei— des Elends.
Neue Arbeiterdramen.
Man sollte meinen, daß den modernen naturalistischen Drama⸗ tikern die Gestaltung des Lebens in proletarischen Kreisen ein ebenso willkommenes Objekt sein müsse, als die Darstellung des Lebens sozial höher stehender Klassen. Dem ist nicht so. Und da— Tragödien allgemein menschlichen Interesses in Arbelterkreisen ebensogut wie in den übrigen sozialen Schichten abspielen, milssen wichtige Gründe die Dichter abgehalten haben, Proletaxierschicksale auf die Bühne zu bringen.
Sie zu finden, ist nicht allzuschwer. Die meisten unserer modernen Dramatiker entstammen der Bourgeoisie, in deren Klaffenideologie sie, dank ihrer Erziehung, ihrem ganzen Lebens ⸗ milieu, befangen bleiben. Sie können daher wohl dem Leben der Arbeiter als Unbeteiligte zuschauen und es wahrheitsgetreu in einer Bühnendichtung wiedergeben. Aber, was eigentlich den drama⸗


