Ausgabe 
1-30 (14.7.1914)
 
Einzelbild herunterladen

fafmmen In feinen Thesen(d. h. Sätzen) zu Feuerbach tut der junge Marx(1845) den entscheidenden Schritt: das Wesen des Menschen ist nicht etwas Geheimnisvolles, das jedem Menschen innewohnt, sondern, wie Adler es ausdrückt, eine gegenseitige Beziehung und Verflochtenheit der Men⸗ schen, welche diese durch ihre Tätigkeit, durch die Art, in der sie alle miteinander und aufeinander wirken können, unaus⸗ gesetzt selbst schaffen. Menschliche Gesellschaft bedeutet Zu- sammengehörigkeit in einem Arbeitsprozeß. Das ist der eine Grundgedanke der Marxschen Soziologie(Gesellschaftslehre). Die Gesellschaft, der vergesellschaftete Mensch ist der Stoff sozusagen, an dem alle geschichtliche Veränderung vor sich geht,

Was aber die vorwärtstreibende Kraft? Der vergesell schaftete Mensch, die Gesellschaft steht unter bestimmten natürlichen Bedingungen, der Arbeitsprozeß, den die Gesell schaft darstellt, ist abhängig zunächst von der Boden- und Naturbeschaffenheit, durch die wiederum die Produktionsver hältnisse und damit die Wirtschaftsverhältnisse der betreffen den Gruppe von Menschen bestimmt sind. Aber die wirtschaft lichen Interessen verschiedener Menschen und Menschen gruppen sind nicht die gleichen. Es bestehen Gegensätze, die zum Ausgleich drängen. Der Widerstreit und Ausgleich sozialer Gegensätze führt zur sozialen Entwicklung. Der Ent wicklungsgedanke, der seit Darwin die Wissenschaft vom Pflanzen- und Tierleben beherrscht, war bereits ausgebildet von dem Philosophen Hegel, zu dessen Schule auch der junge Marx gehörte. War jedoch bei Hegel der Gedanke von der geschichtlichen Entwicklung in der philosophischen Form der Selbstentwicklung der Idee oder Weltvernunft, so wird er von Marx in das Feld der gesellschaftlichen Erfahrung herab gezogen. Nicht die Entwicklung eines unfaßbaren Vernünf tigen bildet die menschliche Geschichte, sondern die Entwick lung vor allem der menschlichen Wirtschaftstätigkeit. An die Stelle der Hegelschen Entfaltung der Gegensätze der Idee tritt die Gegensätzlichkeit der verschiedenen wirtschaftlich ver schieden interessierten Menschengruppen, der Klassenkampf: er ist die Kraft, die den Prozeß der gesellschaftlichen Entwick lung nicht zur Ruhe kommen läßt.

Doch dieser Kampf ist kein sinnloser, der nur Werte ver nichtet, er bedeutet im Gegenteil eine Erhöhung der Kultur. Das ist ja das überall in der Geschichte sich auswirkende Ge setz, das in der materialistischen Geschichtsauffassung seinen klaren Ausdruck gefunden hat, daß von den Gesellschaftsver hältnissen, d. h. letzten Endes von den wirtschaftlichen Ver hältnissen, aller kulturellerUeberbau abhängig ist. Der Klassenkampf entspringt aber der Vergesellschaftung: eine die Mehrheit, die von den Früchten der Kultur Ausge schlossen war, will Anteil an ihnen gewinnen, eine andere, die in deren Besitz ist, will der ersten ihren Anteil verweigern. Jeder Klassenkampf muß aber schließlich damit enden, daß die Mehrheit, die von den Früchüten der Kultur Ausge schlossenen, sich die Anteilnahme zu erzwingen wissen, d. h. daß ein Aufstieg einer Klasse erfolgt, daß die Kulturgüter mmehr Menschen zugute kommen und somit die Kultur ge winnt. Der Klassenkampf ist also eine Förderung der Kultur.

Auf Grund dieser Einsicht, dieser Sozialwissenschaft, wird nun eine Technik des sozialen Lebens möglich oder, anders gesagt: eine wissenschaftlich begründete Politik. Doch dies bedeutet unendlich viel mehr, als es zunächst scheinen will: diese Einsicht besagt zugleich, daß nun zum letztenmal zur Ueberführung dieser wissenschaftlich begründeten politi schen Ziele in die Tat der Klassenkampf eine Rolle in der Weltgeschichte spielen wird, daß nachdem die wissenschaftliche Erkenntnis des sozialen Geschehens dessen fernere, von uns noch nicht zu übersehende Entwicklung leiten wird. Im Kampfe der Sozialdemokratie, der Vollstreckerin dieser Ein licht,vollzieht sich also sagt Adler... die Ueberführung er Gesellschaft aus dem Stande ihrer bisherigen Zerrissen⸗

eit in den ihrer endlichen Einheit, aus der Epoche bloß zu fälliger und vereinzelter Zivilisation in bewußte und gesell schaftliche Kultur. Das ist die weltgeschichtliche Tat und der tiefe Sinn der Lehre von Karl Marx, daß er zu diesem Kampfe das Proletariat aufgerufen und ihm das Bewußtsein der Bedeutung seines Klassenkampfes für die Kultur der enschheit beigebracht hat. f

Der Arbeiterschaft sei die freilich nicht leichte Lektüre der Adlerschen Schrift, deren Gedankenfülle hier nicht annähernd erschöpfend wiedergegeben werden konnte, aufs wärmste

empfohlen. a. a

*

8

5

Das Ronsseau⸗Institut in Genn.

Dem Andenken Jean Jacques Robsseaus gewidmet! Diese Worte liest man in Goldschrift an einem Hause in Genf, in dem sich dieEcole des Sciences de l'Education die Schule der Er⸗ ziehungswissenschaften befindet. Da es in Deutschland eine ähn⸗ liche Einrichtung noch nicht gibt, wird unsere Leser eine kurze Schilderung des Genfer Rousseau-Instituts sicher interessieren.

Das Rousseau-Institut ist das einzige seiner Art in Europa und dient vornehmlich der Heranbildung nicht von Lehrern, sondern von Erziehern, was bekanntlich durchaus nicht dasselbe bedeutet. Es wurde anläßlich des 200. Geburtstages Rousseaus vor zwei Jahren gegründet und soll, wie uns der Leiter, Prof. Claparede, bei einer Besichtigung erklärte, Erzieher heranbilden, nicht im Sinne der bisherigen Seminare und Hochschulen, sondern getreu den Grundsätzen Rousseaus mit seiner Betonung derResorm vom

* 1

5 3 955 8 1 7 8

Kinde aus. Schon das befagt, daß Bureaukratie und Orthodoxie, 8 das ekle Flachsmännertum preußischer Seminare, in diesen hellen 8 72 Räumen französischer Aufklärung keinen Platz haben. 5

Die Lehrer selbst und ihre Klagen über die Mängel ihrer vor- bildung haben den Anlaß zur Errichtung des Rousseau-Institutes gegeben. Auf den Lehrertagungen ist ja wiederholt gesagt worden, daß die Volksschule zurzeit eine Krise durchmache. Die Lehrer fühlen, daß der scholastische Geist zum wissenschaftlichen und inv dustriellen Fortschritt im Widerspruch steht. Sie klagen darüber, 5 daß man sie das Lehren nicht gelehrt hat.Wir suchen und tasten. Die Vorbereitung der Lehrerschaft aber bleibt ungenügend. Wie

viel Erfahrung machen wir auf Kosten unserer Kinder! Das sind die ständigen Klagen der Lehrer.* 3

Die übliche Praxis der Erziehung steht noch größtenteils im Widerspruche zu den als richtig anerkannten, auf der Experimental⸗ Psychologie beruhenden Grundsätzen. Eine Fülle von Beweisen führte Prof. Claparéde hierzu an:Geschichte und Geographie sind im Unterricht meist ein fruchtloses Anhäufen von Namen und Daten in dem müden und schwachen Gehirn der Kinder, die bald 1. werden. Der Unterricht in der Muttersprache unterbricht durch das Einpauken der Grammatik im 7. Jahre(in der Schweiz beginnt der Schulunterricht erst mit dem 7. Jahre) eine gesunde, fort⸗ schreitende Entwicklung, verschjebt den Sitz der Gehirnoperationen und macht aus der sprachlichen Entfaltung, die die Natur selbst be⸗ sorgte, ein buchmäßiges Memorieren, das als widernatürliche und unzeitgemäße Unterbrechung der sprachlichen Entwicklung des Kindes bezeichnet werden muß. Das gleiche gilt für den Zeichenunterricht, den man dem Kinde verleidet, indem man es Dinge zeichnen läßt, die seiner naiven Auffassung freud sind und daher seiner natür⸗ lichen Lust widersprechen.*

Mittels eines reichhaltigen Materials, das den Studierenden des Rousseau⸗Institutes zur Verfügung gestellt wird, soll nun vor allem eine Entfaltung und Schulung der erzieherischen Fähigkeiten erzielt werden. Das Mißtrauen vieler Lehrer gegen das päda⸗ gogische Experiment muß schwinsen, denn die moderne Experimental⸗ 5 Psuchologie ist eine bessere wissenschaftliche 3 ber K, ziehung, als die Behandlung der Pädagogik als ausschließlich philo s: sophische Disziplin. Aber: auch das Experimentieren muß gelernt sein!Der Schliler unseres Institutes soll vor dem Hochmut be⸗ wahrt bleiben, dem man in Lehrerkreisen so oft begegnet und der sich zu einer abergläubischen Verehrung der Wissenschaft auswächst.

Aber darüber hinaus will das Institut weit 1Dir wollen, sagt Prof. Claparéde,überhaupt in der Fi, Handel und Industrie wie im öffentlichen Leben dem Rechte des Kindes zur Anerkennung verhelfen, seinem Rechte auf gesunde Nahrung, auf Reinlichkeit und Schlaf, auf Spiel und Gesundheit und auch auf die seiner körperlichen und geistigen Entwicklung so unentbehrliche Freiheit. Eine Erziehungsanstalt darf diese wich⸗ tigen humanitären und sozialen Fragen nicht außer acht lassen. Wir müssen Mittel und Wege sinden, die öffentliche Meinung zu überzeugen, sie durch Vorträge zu belehren, die Aufmerksamkeit der Behörden auf diese oder jene heilsame oder schädliche Maßregel zu 8 und ihnen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben behilflich zu sein. 3

Dem Rechte des Kindes zur Anerkennung zu verhelsen diese schönen Worte klangen mir noch lange in den Ohren nach. y m Geiste dachte ich an die Erziehung der Lehrer in Ostpreußen, Schlesien und Saargebiet und all den anderen Orten des verbohrten Muckertums, wo Bureaukratie und Orthodoxie, die Todfeinde kraft: vollen Lebens, das Regiment führen, wo in den Lehrzimmern die moderne Flachsmännerei stümpert und wo sich die Anmaßung der Jachgelehrten spreizt. In den Genfer Räumen spukt nicht der Geist vergangener Zeiten, auf ihren hellen Korridoren kl. ire der Schematismus mit dem Korporalstocke, in diesen Zimm gähnt nicht die öde und kahle Nacktheit der Kasernen, hier nicht durch das Gebäude die Stickluft klösterlicher Frömmelei. dafür werden aus dem Genfer Hause tüchtige Erzieher hervorgehen, die sich nicht erst mühselia durchringen müssen zur Erkenntnis ihrer

*

8

8

Aufgaben, die nicht auf dem Niveau der La bleiben, die nicht aufgewachsen sind in der natürlichen Möncherei 5