Wissen istsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung
Nummer 28
Dienstag, den la. Zuli 1914
3. Jahrgang
Marx⸗Studien.
Daß der wissenschaftliche, auf Karl Marx' Lehren fußende Sozialismus weit mehr bedeute, als eine nationalökonomische, zur Begründung einer bestimmten politischen Praxis dienende Theorie, ist ein Gedanke, den sogar viele, die sich Sozialisten nehnen und sozialistische Politik treiben und treiben helfen, noch nicht begriffen haben, ganz zu schweigen von allen denen, die dem Sozialismus feindlich gegenüberstehen. Zu den So— zialisten, die den tieferen Sinn des Sozialismus völlig erfaßt haben, gehört unser Wiener Genosse Dr. Max Adler, un⸗ streitig der bedeutendste Theoretiker der österreichischen Bruderbartei. In einer Reihe von Schriften schon hat er das Verständnis der sozialistischen Gedankenwelt nicht nur zu verbreiten, sondern auch zu vertiesen unternommen; ich nenne hier nur seine 1913 erschienene Aufsatzsammlung „Marx⸗Studien“. Von ihm sind in diesen Tagen wieder zwei Schriften erschienen, die sich diesen„Marx-Studien“ würdig anreihen und ebenfalls Marx-Studien sind, wenn auch ihr Titel anders lautet. Auf die eine von ihnen,„Der sozio— logische Sinn der Lehre von Karl Marx““ betitelt, soll in diesen Zeilen das Interesse der Arbeiterschaft hingelenkt werden.
Der Titel der Abhandlung sagt uns schon, worin Adler die eigentliche Bedeutung der Geistesarbeit von Marx erblickt: Marx ist ihm der Begründer einer allgemeinen Wissenschast von der Gesellschaft überhaupt, der Soziologie. Wie im 16. und 17. Jahrhundert durch einen Kopernikus, Kepler, Des— cartes, Galilei, Newton u. a. die Wissenschaft von der Natur begründet worden ist, so wurde im 19. Jahrhundert wie— derum ein neues Land dem menschlichen Wissen und Forschen erschlossen, das Gebiet des menschlichen Gesellschaftslebens. Diese Vergleichung ist nicht ohne Bedeutung; sie sagt uns
zweierlei; erstens, daß diese neue Wissenschaft gleichberechtigt neben die ältere Schwester tritt, die Gesellschaftswissen⸗ schaft ist die Naturwissenschaft nicht als ein Zweig von dieser unterzuordnen; andererseits aber ist sie der Naturwissenschaft insofern ähnlich, als auch ihr Interesse darauf gerichtet ist, Gesetzmäßigkeiten in ihrem Gebiet zu entdecken und aufzuhellen. Sie will eben Wissen— schaft, d. h. Darstellung und Erforschung von streng gesetz— mäßigen und ursächlich bestimmten Vorgängen, nicht ein bloßes Kenntnisnehmen von Geschehnissen und Abgeben von Werturteilen über sie sein. Und wie sich die Naturwissen— schaft im 17. Jahrhundert ihre grundlegenden Begriffe der Masse, des Stoffes und der Kraft zur Bemeisterung der Er— fahrung schuf und zur lückenlosen Verknüpfung aller Natur— vorgänge das sogenannte Kausalgesetz, das Gesetz von der notwendigen ursächlichen Bedingtheit jedes Vorganges, jeder Wirkung, heranzog, so schuf sich Marx für seine neue Wissen— schaft drei neue Denkmittel: der Masse und dem Stoffe der Naturwissenschaft entspricht der Begriff des vergesellschaf— teten Menschen, der Kraft der Begriff des Klassenkampfes und dem Kausalgesetz die sogenannte materialistische Geschichts— auffassung. Der Begründung der Naturwissenschaft ging im 15. und 16. Jahrhundert eine Zeit der Naturphilosophie voraus, in der man mehr oder weniger phantasievoll rein aus dem eigenen Denken und Dichten heraus das Wesen der
* Leipzig 1914, im Verlage von C. L. Hirschfeld.(Sonder⸗ abdruck aus dem„Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“, 4. Jahrg., Heft 1.) Preis 80 Pfennig.
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Natur ergründen wollte, ohne sich der Arbeit und Mühe ihrer geduldigen, mit dem Versuche arbeitenden Erforschung zu unterziehen; so geht der Begründung der Gesellschaftswissen⸗ schaft die Zeit des Philosophierens über Gesellschaft, Recht und Geschichte voraus. Ueber diese Geschichtsphilosophie gibt Adler zunächst einen knappen, lichtvollen Ueberblick.
Sehr verschiedenartig sind die Stellungen, die man zum Problem des Menschlichen nehmen kann und im Laufe der Jahrhunderte genommen hat. Das Altertum mit seiner Ausbildung überragender Persönlichkeiten und seiner einzig- artigen Persönlichkeitskultur in den sozialen Oberschichten wurde durch sie veranlaßt, gefühlsmäßig Natur und Mensch, Objektives und Subjektives, zu einer Einheit zusammen⸗ fließen zu lassen. Die Gesetzlichkeit dieser Einheit wird vor— gestellt unter dem Bilde einer Weltvernunft, des Logos, die Naturgeschehen und menschliches Leben regelt und leitet. Für den Menschen heißt es nur, sich in die Schickungen dieser Weltvernunft zu fügen, alles Nachdenken über menschliche Dinge endet in Philosophie im Sinne von„Weltweisheit“ oder Lebenskunst. Das Christentum zerreißt diese Einheit. Mensch und Natur, Geist und Leib, Zeitliches und Ewiges treten sich als unversöhnliche Gegensätze gegenüber. So sonderbar es scheint, diese Zerreißung ist von der Zeit der Renaissance ab der Entwicklung der Naturwissenschaft durch— aus günstig. Weil alles Körperliche, die Natur, tot und un— beseelt ist, also nicht im Banne der christlichen Glaubens- und Heilslehre steht, wird die Untersuchung nach den der Natur innewohnenden Gesetzen durch keine der Naturwissenschast fremde Ueberlegung gehemmt, es entwickelt sich die Auf⸗ fassung von allem Naturgeschehen als etwas streng nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung Bestimmtem. Das Gebiet des Menschlichen bleibt der göttlichen Vorsehung, der gött— lichen Heilsordnung unterworfen. Die Geschichte ist auf dieser Stufe keine Wissenschaft, sondern beschränkt sich auf ein bloßes Zur⸗Kenntnis⸗nehmen und Aufzeichnen der Gescheh⸗ nisse. Doch diese Schranke für das Denken wird bald durch⸗ brochen. Es taucht der Gedanke der Erforschbarkeit der gött⸗ lichen Weltordnung, des Auffindens von Gesetzmäßigkeiten im Ablauf der Geschichte auf. Giambattista Vico faßt als erster diesen Gedanken in voller Klarheit und Schärfe: „Nuova scienza“, d. h. neue Wissenschaft“, benennt er triumphierend sein Buch. Kants und seiner Nachfolger Ge— schichtsphilosophie bildet diese Stellung nach allen Seiten in einer immer größeren Klarheit aus: neben das gesetzmäßige Geschehen der Natur tritt jetzt die Erkenntnis von dem gesetz⸗ mäßigen Ablauf der Geschichte, nicht als ob das unüberbrück— bare Gegensätze wären, sondern beide ihre Einheit findend eben in dem Gedanken der wissenschaftlich erforschbaren Ge— setzmäßigkeit.
Doch noch fehlt die klare Vorstellung von dem, was sich im Laufe der Geschichte verändert, von der Gesellschaft, und den Triebkräften der Veränderung. Das 18. Jahrhundert verwechselte immerfort Staat und Gesellschaft miteinander, und so entschlüpfte ihm unter der Hand das eigentliche Problem. Feuerbach bedeutet wieder einen wichtigen und großen Schritt zum Ziele hin: er sieht in dem gattungs⸗ mäßigen„Wesen des Menschen“, das nur„in der Gemein- schaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen ent- halten ist“, den Herrn aller menschlichen Kultur. Doch was war dieses„wirkliche und ganze Wesen des Menschen“? Wie ist es schärfer und genauer, anschaulicher zugleich zu be.


