Ausgabe 
1-30 (7.7.1914)
 
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der Staat ist die politische Organisation der herrschenden Klassen, er ist der kapitalistische Klassenstaat. Alle Gesetze und Einrichtungen sind dementsprechend einseitig zugunsten der herrschenden und zu⸗ ungunsten der unterdrückten Klassen gestaltet. Schulen, Kirche, Ver⸗ waltung, Justiz, Militär, Ehrbegriff, Achtung und Bewertung der Persönlichkeit, Bewertung und Entlohnung der Arbeit usw., alles hat verschiedene Formen, oder die gleichen Formen haben verschie⸗ denen Inhalt.

Aufreizend und empörend wirkt diese Klassengesellschaft von selbst auf jeden denkenden Unterdrückten, und nur proletarische Un⸗ reife, proletarischer Stumpfsinn lönnen ihr unempfindlich gegenüber⸗ stehen. Und darum war und ist es die denkende und unzufriedene Arbeiterschaft, die sich gesammelt, organisiert und gemeinsam gegen die wirtschaftliche, soziale und politische Klassenherrschaft aufgelehnt hat. Seit 50 Jahren wirkt diese Arbeiterbewegung mit ihrer Gegen wartsarbeit an der Milderung der Klassengegensätze. Sie sollte ohne weiteres, ohne besondere schriftliche Arbeiten, die drei Preise des wllrttembergischen Goethebundes erhalten.

Was aber hat der Kapitalismus trotz der Arbeiterbewegung in diesem halben Jahrhundert erreicht? Daß die Klassengegensätze heute schärfer und schroffer sind als je zuvor, daß auf der ganzen Linie eine neue Reaktion an der Arbeit ist, um die kapitalistische Klassen⸗ herrschaft im Arbeitsverhältnis wie im staatlichen Leben neu zu stärken, zu verschärfen und zu besestigen.

Die Arbeiterbewegung hatte sich alleroͤings nicht die Aufgabe ge⸗ stellt, die Klassengegensätze zu mildern, weil das ein vergebliches Beginnen wäre. Ihr Ziel ist die Abschaffung der Klassengegen⸗ sätze und der kapitalistischen Klassengesellschaft, und in dieser Richtung hat sie mit dem großartigen Erfolg gewirkt, daß heute Millionen Ar⸗ beiter entschlossen sind, für dieses Ziel zu kämpfen. Die Angst davor hat die neue Reaktion geboren, die die Abwehr der sich be⸗ droht fühlenden kapitalistischen Gesellschaft gegen die mächtig vor⸗ dringende Arbeiterbewegung ist.

Damit sprechen wir nur aus, was ist. Die Reaktion wird die Ueberwindung der gehaßten Arbeiterbewegung nicht erreichen, wohl aber im Gegenteil deren weitere Ausbreitung und Stärkung zur un⸗ vermeidlichen Folge haben. Ganz richtig sagt das Kommunistische Mantfest, daß sich die Bourgeoisie in dem von ihr erzeugten Massen⸗ proletariat ihren eignen Totengräber schafft, indem es mit der Auf hebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln auch die kapitalistische Gesellschaft mit allen ihren gemilderten oder schrofsen Klassengegensätzen aufheben und die neue Gesellschaft aufbauen wird. Diese Schritte machen freilich die bürgerlichen Sozialreformer und nicht mit, sie muß und wird das Proletariat allein machen.

Aus unserer Sammelmappe.

Die Magnetbahn. In London hat kürzlich ein Erfinder, Emile Bachelet, einem Kreis von Technikern und Eisenbahnfachleuten ein technisches Wunder vorgeführt. Seine Erfindung ist eine schwebende Eisenbahn ohne Schienen und ohne Lokomotive. Das Versuchsmodell ist in einem langgestreckten großen Saal aufgestellt: ein kleiner Eisenbahnwagen, der in seiner äußeren Form fast einer Zigarre oder einem Luftschiff ähnlich ist. Der Ersinder steht an einem Schaltbrett. Er bewegt einen Schalter und plötzlich springt der Wagen vom Boden auf und hängt unbeweglich mitten in der Luft. Alle Versuche, diesen schwebenden Wagen zu bewegen oder herabzudrücken, sind vergeblich. Der Erfinder betätigt einen zweiten Schalter und blitzschnell saust der Wagen über die Strecke hin. Das Auge vermag kaum zu folgen. In dem langgestreckten Saal, freischwebend in der Luft, immer in einem gewissen Abstand von der Unterlage der Bahnstrecke, macht der Versuchswagen seine Probefahrt. Wie funktioniert diese Eisen⸗ bahn? So unglaublich uns die Tatsache im ersten Moment erscheint, daß ein Wagen schwebend in der Luft hängen könnte, so einfach ist seine Verwirklichung. Im Prinzip wenigstens. Bachelet benutzt den Einfluß, den die magnetische Kraft auf gewisse Metalle ausübt. Ein Eisenstück wird von einem Magneten angezogen. Es gibt aber auch eine Gegenwirkung der Anziehungskraft und zwar die magneti⸗ sche Abstoßung. Der Techniker spricht von Wirbelströmungen, wenn z. B. ein Aluminiumkörper von einer magnetischen Kraft abgestoßen wird, und diese Kraft von einer mit Wechselstrom gespeisten elektri⸗ schen Spule ausgeht. Die Wirkung magnetischer Elektrizität auf Aluminium bildet die Grundlage der Bacheletschen Erfindung. Wenn die Wagen der neuen magnetischen Luftbahn halten, liegen sie auf der Strecke, die einer Kette elektrischer Spulen gleicht. In kurzen Abständen von wenigen Fuß liegt hier Spule neben Spule. Mit der Einschaltung des elektrischen Stromes beginnen die Spule ihre Tätig⸗ keit; statt den Wagen anzuziehen, stoßen sie ihn ab und die Folge ist, daß der Wagen emporgehoben wird und unmittelbar Über der Strecke in der Luft schwebt. Auf der Strecke sind nun in Abständen von etwa 10 Meter sogenannte Solenoiden angebracht, große Magnete, die in Form eines Tunnels oder einzelner halbrunder Brücken die Strecke überwölben. Der Wagen fährt unter diesen Solenioden

durch, die automatisch mit Energie geladen werden und so als Mag. nete wirken, den Zug über die Strecke hinziehen. Die Wagenzigarre

muß als eine Art Luftschiff, immer in einem bestimmten Abstand

zum Boden von Magnet zu Magnet hinübergleiten. So die An⸗

gaben, die in der Fachpresse von der Bacheletschen Erfindung gemacht

werden. Wenn gesagt wird, daß die Konstruktion dieser schwebenden

Eisenbahn von größter Einfachheit ist, daß die Instandhaltungskosten minimal sein sollen und wir Geschwindigkeiten von 500 Kilometer in der Stunde nennen hören, so hat man solche Angaben natürlich mit der genügenden Zurückhaltung aufzunehmen. Der Weg vom Experiment zur praktischen Verwirklichung ist meist lang und mühe⸗ voll, selbst, wenn ein Erfinder ein technisches Prinzip an einem Ver⸗

suchsmodell demonstrieren kann, so ist damit noch nicht bewiesen, dag

die Erfindung sich in der Praxis bewähren muß; daß die Magnet⸗ bahn betriebssicher und vor allen Dingen rationell und billig arbeiten wird. Aber als Versuch ist die Bacheletsche Erfindung von In⸗ teresse.

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Die Hitze der Sternschnuppen. Im Sommer sehen wir die meisten Sternschnuppen, weil diese Zeit die seit langem bekannten größten Meteorschwärme in die Nähe der Erde zu führen pflegt. Namentlich im August, allerdings auch im November, beobachten wir größere Sternschnuppenfälle, wenn nicht das helle Mondlicht stört oder schlechtes Wetter den Ausblick zum Himmel hindert. Warum die Sternschnuppen aufleuchten, ist bekannt. Sie schlagen mit großer Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre hinein, pressen die Luft auf ihrem Wege so stark zusammen, daß diese zu einem glühenden Gase wird und ihre Hitze äußerlich auch auf das einschlagende Meteor überträgt. Dieses wird äußerlich glühend und gelangt uns auf diese Weise zur Sichtbarkeit. Es ist serner bekannt, daß solche Meteore unter der plötzlichen Erhitzung zerspringen, und daß sich die einzelnen Bruchstücke, soweit sie nicht in Dampf aufgelöst werden, zur Erde fallen, wo wir sie von den feinsten Stäubchen bis zu großen Blöcken finden. Man hat nun feststellen können, daß die mittlere Geschwin⸗ digkeit der in die Erdatmosphäre von außen einschlagenden Meteore 42 Kilometer in der Sekunde beträgt.(Sie ist diejenigeparaboli⸗ sche Geschwindigkeit, die durch die Sonnenanziehung in der Ent⸗ fernung hervorgerufen wird.) Wenn eine Masse mit dieser sabel⸗ haften Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre eindringt, dann muß die Bewegung sofort gehemmt und dielebendige Kraft in Wärme umgesetzt werden. Die dabei entstehenden Temperaturen sind je nach den Gasen, aus welchen die Atmosphäre besteht, verschieden. Be⸗ stünde die Atmosphäre aus Wasserstoff, so würde bei 42 Kilometern Sekundengeschwindigkeit 142 000 Grad Temperatur entstehen, be⸗ stünde sie ganz aus Sauerstoff, so betrüge die Hitze 2 286 000 Grad. Diese Zahlen sind natürlich rein rechnerisch, denn wir können mit so großen Geschwindigkeiten nicht experimentieren, weil wir sie für nennenswerte Massen nicht erzeugen können. Die Hitze wird in Wirklichkeit auch nie so hoch werden, weil die Ausstrahlung es nicht dazu kommen läßt. Denn die Wärmeausstrahlung ist bei so hohen Hitzegraden so enorm, daß sie es nie zur Bildung so hoher Tempe⸗

raturen bei kleinen Körpern kommen läßt. 1

* 8 8 Eine Drahtseilbahn über den Himalaya. Dort wo die Riesen⸗ gebirgssysteme des Himalaya und des Kwen-Luen zusammenstoßen und ein Gewirr von kaum überwindbaren Felsen, Schlüchten und Tälern bilden, liegt ein weltabgewandtes Land mit dem schönen Namen Kaschmir. Lang war es so gut wie ganz unzugänglich, im Jahre 1847 ist ein Weg von Vorder-Indien zu ihm geschassen worden, der noch gegenwärtig die einzige Verbindung mit der übrigen Welt ist. Für den Warentransport sind 14 Tage nötig, um ihn zu be⸗ wältigen, und die Tonne transportierte Ware verursacht rund 85 Mark Transportkosten. Diese Schwierigkeiten will man nun durch den Bau einer Drahtseilbahn beheben, die in der Länge von 120 Kilometern die gewaltigen Schluchten überspannen soll. Die Kosten haben sich zu 5 Millionen Mark ergeben. In Rampore soll ein

Wasserkraftwerk gebaut werden, das die elektrische Kraft für den

Bahnbetrieb liefert. Die Stahltrossen sollen an eisernen Türmen verankert werden, deren Entfernung voneinander bis zu einen Kilo⸗ meter betragen wird. Die vorläufig nur als Güterbahn vorge⸗ sehene Strecke soll imstande sein, den Weg in 16 Stunden zu über⸗ winden. Die Bahn wird im allgemeinen dem Laufe des Jhelam⸗

Flusses folgen. Es steht außer Zweifel, daß mit dieser Bahn ein 1 ganzes Land neu erschlossen wird, das bisher von der Welt ganz ab⸗

geschlossen ist. i

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