Winter 514. Ueber die Schwankungen innerhalb des Tages
mögen Messungen aus der Avenue de l'Opera Aufschluß
geben. Im Juli 1911 enthielt 1 Kubikmeter der Luft dieser
Straße nach vorangegangener Besprengung früh 7 Uhr 398
Bakterien, um 8 Uhr 450, um 10 Uhr, als sich der Verkehr be⸗ lebte, 4300, um Mittag 7400 und um 2 Uhr des Nachmittags
10 300, um 3 Uhr wurde dann wieder gesprengt und man
zählte nur noch 5200 Bakterien auf den Kubikmeter Luft.
Diese Zahl stieg aber bis um 7 Uhr abends wieder auf 10 800,
denn die Straße war bis dahin wieder trocken geworden. Man sieht, neben der Größe des Verkehrs spielt auch die Trockenheit eine ausschlaggebende Rolle bei der Zahl der Keime in der Luft. Wir hatten gesehen, daß die Zahl der Keime in einem Kubekmeter Luft der Rue de Rivoli sich in
einem Zeitraum von 30 Jahren verdoppelt hatte. Der Ver⸗—
kehr ist aber in viel größerem Umfang gestiegen. Zieht man in Betracht, daß ein Kraftwagen das dreifache eines ent sprechenden Pferdegeschirrs leistet, dann sieht man, daß sich der Verkehr in den Hauptstraßen von Paris in den letzten 6 Jahren fast verdreifacht hat, die Zahl der Bakterien in der Luft hat sich innerhalb 30 Jahren aber kaum verdoppelt. Dieses Verhältnis kann man als sehr günstig bezeichnen. Die Zahl der Bakterien in einem Kubikmeter Straßen- luft schwankt also täglich ganz bedeutend, die größte Zahl, die gemessen wurde, ist 575 000, also über eine halbe Million. Sie wurde in der Avenue du Bois an einem heißen Sonntag— nachmittag gegen 6 Uhr festgestellt. Um diese Zeit ist die Zahl der Spaziergänger und Wagen in dieser Straße eine unge—
heure, dazu kommt die Trockenheit. An regnerischen Wochen—
bourg um 8½ Uhr des Morgens im Schatten 159,
tagen wurden an derselben Stelle und zur selben Zeit nur 12 000 Keime in einem Kubikmeter Luft festgestellt. Also fast nur ein Fünzigstel der zuerst genannten Zahl.
Das ungünstige Bild verändert sich natürlich, sowie man aus der trockenen belebten Geschäftsstraße in den abgeschlosse— nen Park flüchtet. So zeigte die Luft im Jardin du Luxem- in der Sonne nur 101 Keime in einem Kubikmeter Luft, die Zahlen sanken im Verlauf des Tages und betrugen am Mittag nur noch 137 und 60. Dieses Sinken der Bakterienzahl ist auf den Einfluß der Sonne zurückzuführen, die ja eine große bakterientötende Kraft besitzt.
Ganz andere Zahlen liefert die Untersuchung der Luft geschlossener Räume. Auf den Kubikmeter Luft wurden in einem öffentlichen Restaurant gegen 11 Uhr morgens 40 000 Bakterien festgestellt, bis mittags 1 Uhr war diese Zahl schon auf 60 000 gestiegen. In einer großen Weinstube konn— ten um 11 Uhr vormittags erst 3000 Keime auf 1 Kubikmeter Luft festgestellt werden, gegen 10 Uhr abends aber waren es
450 000. In den großen Warenhäusern schwanken die Zahlen
zwischen 300 000 und 2 Millionen, in der Schauhalle eines Kaufhauses wurden sogar 4 Millionen ermittelt. Entsprechend sind auch die Zahlen für Museen und Ausstellungen. Auf einem Bahnhof konnte man mittags über 2 Millionen Keime
auf 1 Kubikmeter Luft feststellen, gegen 3 Uhr erreicht ihre
Zahl schon 7 Millionen und an einem Sonntag nachmittags stieg sie infolge des großen Ausflugsverkehrs sogar auf 9 Mil- lionen. Aber das ist immer noch nicht der Rekord, er wird
von einer Gemäldegalerie gehalten, in der aus Anlaß einer
besonders interessanten Ausstellung an einem Sonntag 14 Millionen Bakterien in einem Kubikmeter Luft gemessen
wurden.
auch zugleich dessen
Milderung der Klassengegensätze.
Es gibt noch Schwärmer in der bürgerlichen Welt, denen di
——9.— kapitaltstische Gesellschaft nicht gefällt, 1 sich dabei
un glich und beunruhigt fühlen und die daher wenigstens eine
Milderung dieses unbefriedigenden Zustandes herbeiführen, damit
n 2 Verschlimmerung verhindern möchten.
5 e rger en Schwärmer bilden nur ei. * kleine Zahl in der kapitalistischen Gesellschaft
fühlen sich
der en Freude, ist ihr Glück
höchstem Lebensgenuß in allen Formen,
8 mit dem Himmeß uf Erden. Diesen ihren hohen ütern opfern die besitzenden un Jerrschenden Klassen unbedenklich und gewissenlos die Massen des besitzlosen und arbeitenden Volkes, dem sie predigen, daß es hier sein Los ist, zu dulden und zu darben, und daß nur in andern Welten reifen seine Garben. In andern Welten, die noch kein Mensch geographisch und geschichtlich darzu⸗ stellen vermochte und die wie„Tausend und eine Nacht“ der orienta⸗ lischen Märchenliteratur angehören; die man als solche genießen kann, mit der man sich aber nicht um Lebensfreude und Lebensglück auf unserer schönen und reichen Erde betrügen lassen soll. Mit rohem Gewaltsinn, ohne den Zauber des orientalischen Märchens, ist be⸗ kanntlich der Regensburger Bischof v. Henle den besitzenden Klassen zu Hilfe gekommen mit der Verkündigung der Herrschaft und Herrsch⸗ sucht:„Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben.“
Jedenfalls gibt es in der bürgerlichen Welt auch Leute, die wie Aristokratie und Adel in Frankreich vor der großen Revolution von 1789 sehr wohl wissen, daß die kapitalistische Herrlichkeit nicht von ewiger Dauer ist, daß sie auf einem sozialen Vulkan wandeln, der sie einmal verschlingen wird. Aber mit Galgenhumor behaupten sie ihren Anteil an Herrschaft, Reichtum und Genuß, solange es eben gehen will, etwa nach der Philosophie des österreichischen Kaisers Franz:„Mich und den Metternich hält's noch aus!“ und dann„Nach uns die Sintflut!“, die sich dann ja auch richtig im Revolutions jahr 1848 ein bißchen einstellte.
Wir wollen uns hier nur mit einer der gekennzeichneten drei Gruppen, mit den bürgerlichen Schwärmern, beschäftigen. Bekannt⸗ lich hat eine Zahl von ihnen, die im württembergischen Goethebund vereinigt ist, vor einiger Zeit ein Preis ausschreiben über die Frage erlassen,„was zur Milderung der Klassengegensätze zu ge⸗ schehen hat, die heute die aufeinander angewiesenen Kreise unseres Volkes weit mehr trennen, als in den natürlichen Verhältnissen be⸗ gründet ist“. Für die besten Antworten sind drei Preise von 5000, 2000 und 1000 Mark ausgesetzt, die ein ganz nettes Honorar für schriftstellerische Arbeiten bedeuten, die einen nur mäßigen Umfang haben sollen.
Der württembergische Goethebund sagt auch, wie er's meint: „... Die Aufgabe der Milderung der Klassengegenfätze liegt auf wirtschaftlichem, politischem und rein menschlichen Gebiete. Was bisher zur Lösung angestrebt wurde— sei es durch die Gesetzgebung oder auf dem Wege der Freiwilligkeit— erfolgte vorzugsweise in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Hierin dürfte wohl auch ein Hauptgrund dafür zu suchen sein, daß trotz vieler Bemühungen auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete die Unzufriedenheit in breiten Schichten unseres Volkes heute weit größer ist als vor Jahr⸗ zehnten. Wir haben uns in Deutschland viel zu sehr daran gewöhnt, die Milderung der Klassengegensätze fast ausschließlich von der Ver⸗ besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeiter und von der Gesetzgebung zu erwarten. Die Zahl derjenigen, welche sich bewußt sind, daß in unserm Volke, das unter der Einwirkung der allgemeinen Schul⸗ und Wehrpflicht groß geworden ist, die Milderung der Klassengegensätze— mit demselben Eifer wie in wirtschaftlicher und politischer Arbeit sowie im Zusammenhang mit dieser— auch auf dem rein menschlichen Gebiete mit aller Kraft angestrebt werden muß, und daß es sich hierbei um eine allgemeine Kulturausgabe handelt, erscheint noch gering. Die Erkenntnis der überragenden Wichtigkeit dieser Kulturaufgabe für unsere Nation in weite Kreise zu tragen, ist Zweck des Preisausschreibens. Die Stellung der Frege: Wie ist es gekommen, daß die zur Förderung berufenen, geb Oberschichten unseres Volkes in so weitgehendem Maße die Füh mit den andern Schichten verloren haben, wie es tatsächlich der Fal ist, muß bei gründlicher Bearbeitung auch die Wege erkennen lassen. die einzuschlagen sind.“
Diese Wegleitung dafür, wie das Preisausschreiben und die rettende Tat gemeint sind, findet noch eine Ergänzung durch die Kenntnis der Persönlichkeitder Preisrichter, als welche bestimmt wurden die Herren Staatsminister Frhr. v. Berlepsch in Seebach bei Mühlhausen i. Th., Fabrikant Dr. ing. Robert Bosch in Stuttgart, Professor Dr. Ernst Francke in Berlin, Fräulein Helene Lange in Berlin⸗Grunewald, Herr Staatssekretär a. D. Staats- minister Dr. Graf v. Posadowsky⸗Wehner in Naumburg a. S., Herr Baron zu Putlitz, Generalintendant der Kgl. Hoftheater in Stutt⸗ gart, Herr Baudirektor Professor Dr. ing. C. v. Bach in Stuttgart (als Urheber des Preisausschreibens).
Wir redeten oben von bürgerlichen Schwärmern; ihre Bestreb⸗ ungen sind aber sehr einseitig, denn wie die vorstehenden Ausführun⸗ gen erkennen lassen, möchten sie die so unbefriedigende, widernatitr⸗ liche und unhaltbare kapitalistische Gesellschaft nach ihren Gedanken und Gefühlen etwas verbessern, nicht etwa umgestalten. Sie wollen die schlechten Früchte beseitigen, aber deren Wurzeln unangetaftet lassen. Jeder Bauer kann den württembergischen Goethebündlern und ihren Preisrichtern sagen, daß, wenn er draußen auf seinem Felde das Unkraut beseitigen will, er es nicht nur abschneiden darf, sondern mit der Wurzel ausrotten muß und dies auch deshalb, weil das Unkraut die Eigenschaft besitzt, sich üppig zu vermehren, alles zu überwuchern und die gute Saat zu ersticken. Das bloße Abschnes⸗ den des Unkrauts ist eine Sisyphusarbeit, die immer wieder gemacht wird; oder auch das Unkraut gleicht dem Haupt der Hyder, die ewig fällt und sich erneut, um mit Schiller zu reden.
Die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft ist ein großer Augi stall, der überall, wohin man greift, Unrat bietet. Dieses Gese schaftssustem hat sich folgerichtig auf der ganzen Linie entwickelt. Ueberall ist die Klassenscheidung, die Scheidung der Menschen in Klassen durchgeführt, in besitzende und besitzlose, saulenzende und ar⸗ beitende. genießende und darbende, berrschende und beherrschte und


