Wissen ist macht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 27
Dienstag, den 7. Juli 1914
3. Jahrgang
Ein antiker Kommunistenstreik.
Die Zeitrechnung der alten Griechen beruhte auf der Zählung der Wettspiele, die alle vier Jahre in Olympia an der Westseite der peloponnesischen Halbinsel stattfanden. Um die fünfzigste Olympiade nun,„in welcher— wie ein griechi— scher Schriftsteller berichtet Epitelidas von Lakedämon Sieger auf der Rennbahn war“, d. h. etwa 580 Jahre vor Christi Geburt, wurden die griechischen Bewohner der an der Südwestspitze von Kleinasien gelegenen Stadt Knidos und der südlich von ihr liegenden Insel Rhodos von asiatischen Tyrannen arg bedrückt, teils überfallen und beraubt, teils gezwungen, hohe Tribute oder Steuern zu zahlen. Dieses unerträglichen Druckes überflüssig, beschlossen sie, auszu⸗ wandern. Sie fuhren westwärts, an Kreta vorüber, an dem Peloponnes vorbei, bis sie nach Sizilien kamen. Aber Sizilien war schon bewohnt. Doch bot sich ihnen im Westen der Insel Aussicht, zu eigenem Landbesitz zu gelangen. Dort lagen zwei Städte miteinander im Kriege. Die Auswanderer er— griffen Partei, wurden jedoch geschlagen, die Stadt, der sie sich angeschlossen, unterworfen. Die Hoffnung war zunichte. Sie fuhren nun nordwärts, dann ostwärts, um Sizilien herum und kamen zu den sogenannten Aeolischen Inseln.
Deren Bewohner schrieben ihre Herkunft von dem Gott der Winde Aeolos her, hatten eine Zeit wirtschaftlicher und politischer Blüte erlebt, waren nun aber durch unglückliche Kriege dezimiert. Sie baten die Auswanderer deshalb, bei ihnen zu bleiben. Diese schlugen ein und ließen sich auf der größten der Inseln, Lipara, nieder. Da sie aber ständig Angriffe der Seeräuber zu befürchten hatten, bauten sie sich zunächst eine Flotte, um diesen Angriffen zu begegnen. Die Seeräuberei galt damals aber als regelrechtes, zur Tages— ordnung gehöriges Gewerbe. Deshalb mußten die Liparier stets auf dem Sprunge sein, und die Schiffsbesatzungen hatten keine Zeit, ihren Acker zu bestellen. Anderseits gingen sie noch nicht selbst zum Angriff über. So brachten ihnen die See— fahrt und der Kampf keine Beute ein, die der Rede wert ge— wesen wäre. Tauschen konnten sie nicht. Leben mußten sie aber. So nahmen sie eine Teilung der Arbeit vor: die einen gingen auf See, die andern aber bebauten das Feld und ver— sorgten jene. Das Land gehörte ihnen deshalb allen gemein⸗ sam. Sie pflügten gemeinsam, sie ernteten gemeinsam, die Erzeugnisse waren Gemeingut. Die Verteidiger auf See er— hielten ihren Teil. Die Zurückgebliebenen bildeten Speise— gemeinschaften, wie sie ihnen von ihrer östlichen Heimat her vertraut waren. 5
So blühte die Insel wieder auf. Sie blieb vor Ueber⸗ fällen und Plünderungen durch die Seeräuber verschont. Die energische, unausgesetzte Verteidigung konnte aber nur durch- geführt werden, indem die Bauern auf der Insel ebenfalls auf ihrem Posten waren; eines unterstützte das andre. Sie gelangten zu einigem Wohlstand, zumal die Matrosen mit der Zeit zu seeräuberischen Angriffen ihrerseits übergingen, deren Beute ebenfalls unter die ganze Gemeinde verteilt Wurde. Sie bauten sich neue Häuser, legten sich Gärten an und fanden Gefallen am Besitz. So gingen sie dazu über, Lipara selbst aufzuteilen. Im Schutz ihrer Flotte konnten sie sich aber auch auf die übrigen sechs Inseln hinüberwagen. Und deren gemeinsame Bewirtschaftung, meistens als Viehweide, be⸗ hielten sie bei.
Die Bevölkerung wuchs, und sie erstarkten mehr und
mehr zu einer angesehenen politischen Macht. Kriege brachten genügend ein, so daß die Schiffsbesatzungen auf die kom— munistische Versorgung aus der Heimat nicht mehr angewiesen waren. Sie konnten ja tauschen. So schritt mit den Jahr⸗ zehnten die Privatisierung des Besitzes weiter vorwärts, doch erhielt sich ein Recht der früheren Gemeinschaft noch in der Form, daß die Ländereien der sechs kleineren Inseln alle zwanzig Jahre nach dem Lose neu verteilt wurden.
Politisch hielten sich die Liparier— Rom war zu jener Zeit noch keine bedeutende Macht meistens zu den Syrakusanern von Sizilien. Diese Bundesgenossenschaft ver⸗ wickelte sie später jedoch in einen Krieg mit den allmächtigen Athenern, den Engländern des griechischen Altertums. Diese fielen über die Liparier her, zerstörten ihre Stadt und führten sie selber weg. Dabei kamen diese aber in einen schweren Sturm, in dem sie— nach dem Bericht eines Geschichts- schreibers— mit Mann und Maus ertranken.
Ein musikalisches Revolutions⸗Jubiläum. Zum 2. Juli 1914, dem 200. Geburtstage Chr. Glucks.
Mit der Jubiläumsfreudigkeit, die unsere Zeit kennzeichnet(stets wurden Jubiläen am begeistertsten in den Zeiten der Reaktionen ge⸗ feiert, da solche aus der Geschichte ihre Ideale holen müssen) wird überall in Deutschland die zweihundertste Wiederkehr der Geburt des armen bayerischen Förstersohns Christoph Willibald Gluck gefeiert, den ein vielbewegtes und merkwürdiges Leben in Italien, Paris und Wien so fernab von seinen Ursprüngen brachte, daß nur die wenigsten das urkräftige, echtbayerische derbe Landkind in ihm vor Augen haben, das trotz aller„Hofluft“, in der er atmete, doch stets aus seinem Wesen und Wirken spricht und es auch am ein⸗ fachsten erklärt.
Auch wenn man den musikalischen und Theaterinteressen ferne steht, hat man Urfache seinem Andenken eine Stunde zu weihen und in der„Walhalla des Volkes“, wo die Statuen so manchmal anders verteilt sind als in den bestehenden Ruhmeshallen, verdient auch er einen Ehrenplatz unter den Reformatoren des europäischen Geistes⸗ lebens, dicht neben Rousseau, Lessing und Winkelmann. Mit deren Wirken ist nämlich auch das seine zu vergleichen, denn, wenn aus der durch und durch verlogenen, entarteten und zurechtgeschminkten Nobelmenschen⸗Schauspielerei des Rokoko die Menschheit wieder in Leben, Politik und Kunst den Weg zur Natur zurlückfand, so waren ihre Führer dabei im praktischen Leben der Genfer Philosoph, in der bildenden Kunst Winkelmann, in der dramatischen der Verfasser der „Hamburgischen Dramaturgie“, in der Welt der Klänge und des Theaters, so weit es seine Wirkungen auf Musik aufbaut, aber Gluck.
Wir Heutigen haben für sein Lebenswerk den wahren Maßstab verloren: das Gefühl der Erlösung von Mißständen. Denn so gründlich und vollkommen hat er in seinem Wirkungskreise der Welt heute seine Auffassung aufgezwungen, daß wir erst künstlich Ver⸗ ständnis für seine Leistung erwerben müssen, indem wir in den alten Quellen nachforschen, wie denn die Oper vor ihm oder richtiger ge⸗ sagt, vor seinem Umsturz des Opernstiles— denn er hat auch alte Opern geschrieben— beschaffen war.
Ein belustigendes und anekelndes Gemälde wird vom Staube der Vergangenheit befreit, wenn man das Operntheater von etwa anno 1650—1750 betrachtet. Kurz nach dem 30 jährigen Kriege war die Oper auch in Deutschland allenthalben zur stehenden Einrichtung geworden und es widerspricht in nachdenklich stimmender Weise, wenn man sich an das unsägliche Elend und die Angaben über diz


