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nicht wissen, warum das so ist und sein muß, warum ein Organismus, den wir in die besten Lebensbedingungen ver— setzen, dem wir alle Schädigungen fernhalten, stets mit aus— reichender Nahrung versehen, schließlich doch zugrunde geht, warum er nicht ewig am Leben bleibt.
Immerhin hat die biologische Forschung uns bis jetzt so viel erkennen lassen, daß es Entartungsvorgänge in den ein— zelnen Zellen sind, die das Altern und schließliche Sterben des Organismus bedingen. Besondere Bedeutung haben in dieser Beziehung die Forschungen von Dr. M. Mühlmann, der sich seit Jahren mit dem Problem des Alters der Zelle be— schäftigt. Er hat darüber verschiedene Arbeiten veröffentlicht, über deren Ergebnisse er zusammenfassend in der„Umschau“ berichtet. Eine Verwirklichung des Unsterblichkeitstraumes haben wir im einzelligen Organismus. Dieser stirbt nie; er teilt sich, wenn er genügend gewachsen ist, in zwei Teile, die in derselben Weise weiter wachsen und sich teilen. Die Lebensbedingungen des einzelligen Organismus müssen aber wohl günstigere sein und wir dürfen annehmen, daß dies auf der Tatsache beruht, daß der einzellige Organismus mit der ganzen Körperoberfläche Nahrung aufnehmen und Stoff— wechselprodukte ausscheiden kann, während die Zellen des mehrzelligen Organismus erst vermittelst anderer Zellen er— nährt werden, die ihnen gewissermaßen den übrig gebliebenen Rest ihrer eigenen Nahrung zuführen.
Dabe sind im komplizierten Wirbeltierorganismus am günstigsten die Haut- oder Schleimhautorgane gestellt, die Haut, die Lungen, der Darm und die Gefäße, in denen die Zellen bis zum höchsten Alter Wachstums- und Teilungser— scheinungen zeigen. Früher als diese hören die Muskeln und das Skelett auf zu wachsen und am ungünstigsten endlich sind die Organe des Zentralnervensystems gestellt, die sich am ent— ferntesten von der Nahrungsquelle befinden. Das Gehirn des Menschen erreicht seine maximale Größe bereits im Puber— tätsalter; von da ab beginnt die Einschrumpfung. Eine Ver⸗ mehrung der Nervenzellen findet überhaupt nur in der frühe— sten Embryonalperiode statt; später wächst noch die einzelne Zelle, aber ohne sich mehr zu teilen.
Hand in Hand mit der Rückbildung der Nervenzelle findet deren fettige Entartung statt. In der kindlichen Nervenzelle finden sich nur ganz vereinzelte Fettkörper, während die Nervenzelle des Greises fast ganz damit angefüllt ist und dadurch eine gelbliche Farbe erhält. Das Fett setzt sich dabei an Stelle des die Funktionen des Organismus beherr— schenden Protoplasmas. Die Ansammlungen von Fettkörnern in der Nervenzelle ist in gewisser Beziehung gleichbedeutend mit dem Altern, so daß man in den Nervenzellen durch Krank— heit oder Erschöpfung frühzeitig gealterter Personen unver⸗ hältnismäßig starke Anhäufungen findet. Ergreift die fettige Entartung die die Herztätigkeit beherrschenden Zellen des ver— längerten Markes so stark, daß diese ihre Funktion nicht mehr erfüllen können, so tritt der Tod ein.
Dr. Mühlmann hat des weiteren untersucht, welche Ver— änderungen in den Nervenzellen bei einzelnen Krankheiten vor sich gehen. Er fand in allen Fällen fettige Degeneration des Nervenapparates; bei Infektionskrankheiten waren vor— wiegend die Nervenzellen selbst, bei Verbrennungen die Nervenfasern, bei Tuberkulose, Krebs beide angegriffen. Bei allen Erkrankungen wurden Veränderungen im Vaguskern, d. h. im Herzzentrum des Markes gefunden und es ist daher zu vermuten, daß sowohl der Tod durch Altersschwäche, als auch der durch Krankheiten durch das Ergriffensein des Zentralnervensystems bewirkt wird.
Aus unserer Sammelmappe.
Woher kommen Farbe und Geruch der Rosenblüte? Nun blühen sie wieder auf, im kleinsten Gärtchen wie im stolzesten Park, unsre 8 Rosen, leuchtend und duftend, ihre Umgebung verzaubernd und die Menschenherzen bezaubernd. Und mit viel Gefühl sagt man aller⸗ orten:„Noch sind die Tage der Rosen!“ Ist es da nicht beinahe prosaisch, ja profan, wenn man, statt sich einfach all dieser Pracht zu freuen, neugierig fragt: Woher kommt es, daß die Rose so herrlich duftet und woher hat sie ihre schöne Farbe? Nein, so schlimm ist die Sache nicht; deshalb brauchen wir uns die Freude nicht verderben zu lassen, und wenn wir dabei auch ein Rosenblättlein abreißen und unters Mikroskop legen müssen— was schadet das? Wir sehen da⸗ für etwas ganz Besonderes: wir sehen nämlich, wenn wir eine rote Rose benützen, wie da alle Zellen von einem schön roten Saft er⸗ füllt sind, und da und dort können wir auch beobachten, wie in dieser Flüssigkeit kleine rote Kristalle oder Brocken herumschwimmen, manchmal auch kleine Klumpen. Das bedeutet dann, daß die Lösung des Farbstoffes so dicht, so konzentriert geworden ist, daß sich ein Teil in sester Form auskristallisiert hat, ähnlich wie wir das auch an einer Soda- oder Salzlösung jederzeit beobachten können, wenn wir z. B. in der Wärme lösen und dann abkühlen lassen. 1 Solche Stellen, an denen der Farbstoff in größerer Menge sich ab⸗ geschieden hat, sind oft schon mit dem bloßen Auge als rote Punkte zu erkennen. Die rote Farbe der Rosen lund auch der Nelken) rührt also nicht etwa wie das Grün der Blätter von Farbstoff⸗ körnern her, sondern von einer Lösung des Farbstoffes im Zell⸗ saft.— Wir können auf einem solchen Schnitt aber auch sehen, woher der Geruch kommt. Da sind noch andere Kristalle da und dort, in den Zellen verteilt, die stark Licht brechen; es können auch einfache Tropfen sein, die wie kleine Oelkugeln aussehen. Und das sind sie auch wirklich! Diese glänzenden Kristalle und Tröpschen sind ätherische Oele, Substanzen, die leicht verdunsten und eben dadurch für den Geruchssinn wahrnehmbar werden. So, nun haben wir's also schon, woher Geruch und Farbe der Rosen kommen— und ist das wirklich so prosaisch?
Knöpfe aus Milch. Eine junge Dame soll einmal den Kopf geschüttelt haben, als sie auf dem Programm einer Kunstausstellung auch eine Büste von Rauch verzeichnet fand. Sie hatte noch nichts von dem berühmten Bildhauer Chr. Rauch gehört, andererseits konnte sie nicht begreifen, daß man eine Büste aus Rauch, dem Sinnbild der Vergänglichkeit alles Irdischen, modellieren könne. Aehnlich geht es wohl manchem Leser, wenn er hört, daß große Fabriken damit beschäftigt sind, Kämme, Knöpfe, Klaviertasten und ähnliches aus Milch herzustellen. Um genauer zu sein: Man ver⸗ wendet dazu das gehärtete Kasein, das beim Gerinnen der Milch 5 in Klumpen ausfällt und sich am Boden des Gefäßes absetzt. Derr Weg von der frischgemolkenen Milch bis zum gebrauchsfertigen 5
Knopf ist weit genug. Die Milch hat sich einer Reihe chemischer 55 wird sie durch Lab zum Gerinnen gebracht, der entstehende Quark J
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Prozesse zu unterziehen, ehe sie sich zum Knopf eignet. Zunächst wird getrocknet und gemahlen. Das griesartige Mehl wird dann angefeuchtet, bei Bedarf auch gefärbt, ausgewalzt und unter hohem hydraulischen Druck gepreßt. Schließlich wird die Masse, die noch i knetbar ist, in wässerigem Formaldehyd gehärtet. Das Endprodufñtk sieht dem früher viel verarbeiteten Horn sehr ähnlich; unter dm Namen„Gallalith“ ersetzt es Horn, Schildpatt, ja sogar Elfenbein. 1 Niemand sieht ihm mehr an, daß es einmal irgendwo auf einern Alm kuhwarm gemolken wurde. i
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Nansens neuer Seeweg nach Sibirien. Ist die Schiffahrt um 5 Nordeuropa herum dauernd möglich? Das war die Veranlassung der letzten Reise des berühmten Nordpolfahrers nach der Mündung der Jenissei. Seine Beobachtungen und logische Schlüsse führen zur Bejahung der auch für Deutschlands Handel wichtigen Frage. Nansen befährt den Zenissei, die transsibirische Bahn und studsert das Amurgebiet bis zum japanischen Meere. In einem neuen Buche „Sibirien, das Land der Zukunft“, wird er im Herbst seine Erlebnisse und Vorschläge der Welt unterbreiten. Die deutsche 2 Ausgabe erscheint bei Brockhaus. 8 5 8


