Ausgabe 
1-30 (30.6.1914)
 
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hältnifse wie sie damals waren, für unvereinbar hielk mit göttlicher Gerechtigkeit, und daß er die Frommen dazu berief, sie von Grund aus umzugestalten. Deshalb sehen wir ja auch in der ersten christlichen Gemeinde einen weitgehenden Kom- munismus entwickelt, der sicher dem Sinne Jesu entsprach, und der im Kreise der Jünger Jesu schon begonnen hatte. Dieser Sozialismus war nur religiös, aber es war So⸗ zialismus. Und auch als er verschwand, blieben die sozialen Anregungen des Christentums ungeheuer. Die Ar⸗ mut galt nicht als verächtlich, sondern als ein Vorzug. Diese Theorie klingt noch nach im heutigen Katholizismus.

Aber empfindet nicht jeder Christ auch heute die be⸗ stehenden Verhältnisse als unchristlich? Inneres und Aeuße res gehört eben immer zusammen. Gerade aus dem Evan gelium wird der Christ noch heute die stärksten Auregungen, die Dinge zu ändern, entnehmen, gleichviel welcher Partei er angehört. Er wird sagen, auch heute noch müßten die Dinge oft umgekehrt werden, müßten die letzten die Exzellenzen sein

z und manche arme Witwe den Wilhelmsorden erhalten....

Der religiöse Sozialdemokrat wird sagen: Um meines Christentums willen bin ich Sozialdemokrat geworden. Hier entgehe ich am leichtesten den Konflikten. Wer nicht Sozial- demokrat wird, wird andere Wege finden, umgestaltend zu wirken. Aber auch er wird sagen, das Evangelium schärft mir den Blick und gibt mir die Anregung, mich zu entäußern und die Andern wirtschaftlich zu heben, und so mein Solidaritäts⸗ gefühl sozial zu betätigen. Was z. B. die Kirche betrifft, so hätte diese allen Grund, bei den Amtshandlungen nicht nur jeden Unterschied etwa nach der Bezahlung zu beseitigen, son dern die Armen dabei in der Regel zu bevorzugen. Denn im Reiche Gottes sollen die Maßstäbe durchaus anders sein wie in der Welt. Ich erzählte bereits in Nürnberg, daß mir der alte Björnson einmal gesagt hat: wenn die Sozialdemokratie heute geradezu die Alleinherrschaft anstrebt oder anstreben würde, so sollte man das nicht nur verstehen, sondern man sollte das als ausgleichende Gerechtigkeit hinnehmen; denn, wenn die oberen Schichten so lange die Herrschaft gehabt haben, so müßten die unteren nun auch mal an die Reihe kom- men. Ganz der Gedanke vom reichen Mann und, dem armen Lazarus. Jedenfalls aber ist das ein Unding, daß ein Geist⸗

licher nicht Sozialdemokrat sein dürfe, oder ein Sozialdemo⸗ krat nicht Mitglied des Evangelisch-sozialen Kongresses. In beiden Fällen müßten diese geradezu bevorzugt sein.

Kapitalskonzentration in der österkeichischen Eisenindustrie. 4 Die Prager Maschinenbau⸗Aktiengesellschaft ist mit den S ko d a⸗ Werken in Pilsen vereinigt worden. Die Maschinenbaugefellschaft ist aus einer Fabrik in Karolinenthal bei Prag entstanden, die in eine Aktiengesellschaft verwandelt wurde und 1910 Maschinen⸗ fabriken einer Firma in Königgrätz und Adamstal erwarb. Damals wurde die alte Fabrik in Karolinental geschlossen, dafür die in Königgrätz erweitert. 1911 wurde die Maschinenfabrik, Kessel⸗ und Kupferschmiede Ringhoffer in Smichow erworben und eine enge Verbindung mit der Vaterländischen Maschinenbau-⸗A.⸗G. in Ungarn angeknüpft, so daff nun vier Betriebe verbunden waren. Da man den Vorbesitzern und den Banken, die die Gründungsgeschäfte ver⸗ mittelten, zuviel gezahlt, also ein übergroßes, aus dem vereinigten Betriebe zu verzinsendes Aktienkapital geschaffen hatte, geriet die Gesellschaft in Verlegenheit, die nun von den Skoda⸗Werken benutzt wird. Diese verkaufen formell ihre Maschinenfabrik an die Prager, erhalten aber als Preis die Mehrheit der Aktien jener Ge⸗ sellschaft, die also nun ihrem Machtbereiche einverleibt ist. Die Skoda-Werke⸗A.⸗G. besitzen neben der Pilsener Maschinen fabrik mit Gießerei. Brückenbauanstalt und Kesselschmiede, die jetzt

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Maschinenfabrik Zielengwert in Crakau, die auch d f l e e e n t 0. Wes Maschinenfabrik in Sanok gekauft hat. Sie sind auch an der Grün⸗ bung der ungarischen Kanonenfabrik in Raab beteiligt und errichten jetzt eine Gießerei in Petersburg. Dazu nun dle Herrschaft über die größten böhmischen Maschinenfabriken. Die Mittel zu alledem verdanken sie der treibhausmäßig geförderten Heeres⸗ und Flotten rüstungspolitik, die ihnen riesige Auf⸗ träge und Riesenprofite zuwendet.

Die Arbeiter⸗Zeitung legt den technischen Fortschritt dar, der mit dieser Konzentration verbunden ist, zeigt aber auch ihre sozialen und politischen Wirkungen minder erfreulicher Art: Arbeitslosigkelt zahlreicher Arbeiter und Beamten als Folge der Betriebsver⸗ legungen. Gewaltige Steigerung der Macht des vereinigten Kapi⸗ tals gegenüber den Arbeitern.Die Arbeiter werden ihre Organi⸗ sation viel mächtiger als bisher ausbauen, sie werden vor allem ihrem Kriegsschatz weit größere Mittel als bisher zuführen müssen, wenn sie dem übermächtigen Kapital nicht wehrlos preisgegeben sein sollen. Der nationale Separatismus wird heller Wahn⸗ sinn, sobald die deutschen Arbeiter in Wiener⸗Neustadt, die tschechi⸗ schen in Prag, Pilsen, Königgrätz, die polnischen in Krakau, die italienischen und slovenischen in Triest demselben Kapital fronen.. Die Gewerkschaft kann nicht trennen, was das Kapital selbst ver⸗ einigt hat.

Dazu die Wirkungen auf politischem Gebiete. In der jetzt wieder zu entscheidenden Zoll frage dreht es sich neben den Ge⸗ treide⸗ namentlich um die Eisenzölle, die nicht nur allen Kon⸗ sumenten den Unterhalt, sondern auch den Maschinen- und sonstigen Verarbeitungsindustrien das Rohmaterial verteuern und sie dadurch vom Weltmarkt abschneiden. Diese Industrien müßten im Vorder⸗ treffen gegen diesen Zoll stehen aber wie können sie es, wenn sie von den Großbanken beherrscht werden, die mit dem Eisenkartell verbunden sind? Die Verwüstung der Riesengewinne der Rülstungs⸗ firma Skodasoll Herr Skoda dagegen protestieren, daß der Staat Eisenbahnwagen und Lokomotiven nicht bestellen kann, weil er immer neue Schiffskanonen bestellen muß? Die Gewinne an den Schiffskanonen haben es ihm ja ermöglicht, einen so großen Teil der Maschinenindustrie anzukaufen! Die Konzentration der Maschinen⸗ industrie ist zugleich ihre Unterwerfung unter das Rüstungs⸗ kapital!

Wir erhalten damit einen hübschen Einblick in das wahnsinnige Getriebe unserer heutigenVolkswirtschaft: Dem Profitinteresse einer winzigen Zahl privilegierter Monopolisten wird nicht nur wie heute selbstverständlich die Lebensintetessen der großen Arbekter und Konsumentenmasse, sondern auch das Gesamtinteresse der in⸗ dustriellen Entwicklung geopfert. Bedenkt man dabei noch, daß jene auf den wohlrentierendenPatriotismus gebauten Unter⸗ nehmungen der Rüstungslieferanten international organisiert sind, daß Skoda mit Krupp und Schneider-Creusot, mit Armstrong und Vickers usw. am selben Strange zieht, dann wird es erst klar, wie selbst die nationalen Grenzen heute schon von der kapitalistischen Entwicklung gesprengt wird. Und merkwürdig ist es, wie vor allem jene Industrie, die auf Nationalgefühl und Völkerverhetzung aufge⸗ baut ist, die mit Hilfe der jedem Kosmopolitismus feindlichen Re⸗ gierungen auf Kosten der wirklichen Interessen der Nationalwirt⸗ schaft üppig wuchert, die Internationalisterung der Industrie, die Schaffung einer einheltlichen Weltwirtschaft in die Wege leitet.

Warum sterben wit?

Ein Traum der Menschheit ist es von jeher gewesen, da. Leben möglichst zu verlängern, besonders wenn die Verlän⸗ gerung mit der gleichzeitigen Erhaltung ewiger Jugend ver knüpft wäre. Daß es auch den Fortschritten der sozialen Me⸗ dizin und Hygiene gelungen ist, das menschliche Durchschnitts⸗ alter bedeutend zu erhöhen, ist eine bekannte Tatsache, und wir können vielleicht damit rechnen, daß in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten die große Mehrzahl der Menschen das

mit jenen anderen zu einem Betriebe vereinigt werden, direkt oder durch Aktienerwerb oder Bankeinfluß die Herrschaft über einen großen Teil der österreichischen Eisenindustrie: die Mehrheit der Aktien der Daimler⸗Werke in Wiener⸗Neustadt, einen Teil der

Aktien des Cantiere Navale(Schiffswerft) in Triest und der

biblische Alter erreichen wird, was heute nur Wenigen ver⸗ gönnt ist. Aber eine Grenze ist doch gesetzt. Alles was da entsteht, wächst und reift, unterliegt auch den Gesetzen des Ver⸗ falls, des Abstieges, des Todes. Nur daß wir bis jetzt noch