Ausgabe 
1-30 (30.6.1914)
 
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Wesen und Werden der Technik. 1 Von Richard Wolbt,

Nie der Kapitalismus als Wirtschaftsform in ber Menschheits⸗ geschichte keine Vorläufer hatte, so unterscheidet sich auch die kapi⸗ tallstische Technik ihrem Wesen nach von der Technik früherer Wirt⸗ schaftsperioden.

Am Anfang dieser Entwicklung stand die primitive Technik. Der Mensch weiß im technischen Arbeitsvorgang noch weiter nichts als seine eigene Körperkraft, die Kraft vom Tier, die Elementarkraft des Wassers oder des Windes einzusetzen. Auf dieser Stufe befand sich die Technik bei den Griechen und Römern des Altertums. Zwar waren schon die einfachen Arbeitsformen bekannt: Wagen und Pflug, man benutzte den Wind zum Segeln der Schiffe. Aber die rein physische Arbeitskraft des Menschen war doch noch die wichtigste Vorbedingung gewerblichen Schaffens. Von den römischen Berg⸗ werken erzählt Plinius, daß die Förderung der Erze von Hand zu Hand geschah:man schaffte sie Tag und Nacht auf den Schultern herüber, indem man sie in der Finsternis immer dem Nächststehen⸗ den Überließ, nur der letzte sah das Tageslicht. Wohl sind die Bauwerke der Alten, ihre Tempel und Viadukte, Pyramiden und Straßen auch noch für unsere Zeit und für unsere Techniker zum Teil Riesenbauten, die Jahrhunderte überdauert haben; aber bei der Ausführung mußten die unterjochten Völker Sklavendienste ver⸗ richten. Von dem Bau der Cheops⸗Pyramiden berichtet Herodot, daß 10 mal 10 000 Mann im Dienste des Königs Cheops 3 Monate hindurch die Steine vom Gewinnungsort zum Nil zusammentrugen, während eine gleiche Anzahl das über den Fluß gebrachte Bau material zum Bauplatz schafften. Und diese Sklavenheere bauten vorerst 10 Jahre an dem Wege, auf dem sie dann die Steine zogen. Alle Wunderwerke und Riesenbauten der Technik der Alten konnten nur durch rücksichtslos ausgenutzte Menschenhände vollbracht werden.

Kennzeichnet sich also die primitive Technik darin, daß man noch nichts vermag, als vorwiegend die Arbeitskraft des Menschen einzuspannen und auszubeuten, so bedeutet die empirische Technik eine höhere Entwicklungsstufe. Von den technischen Vorgängen ist schon eine Vorstellung geschaffen worden, die Arbeitsmittel und Ar⸗ beitsverfahren haben eine gewisse Vollendung bekommen, dem Menschen ist das verfeinerte Werkzeug in die Hand gewachsen. Nicht mehr mit rein physischer Körperkraft, sondern mit Ueberlegung und Handgeschicklichkeit wird jetzt der Arbeitsprozeß gemeistert.

Die reinste Form der empirischen Technik findet sich in der Arbeitsstube des zünftigen Handwerkers. Jeder Beruf hat seine Arbeitsmethoden und seine Arbeitsmittel, seine eigenen Kunstregeln und seine Handgeschicklichkeit. Man bekommt einen Begriff von dieser handwerklichen Tätigkeit, wenn man die Schätze des germani⸗ schen Museums in Nürnberg durchwandert. Hier sehen wir in den Werkzeugen und Arbeitsmethoden, daß die ganze handwerkliche Ar⸗ beitstechnik ein Können ist. Nicht ohne Grund ist in der Zunft⸗ verfassung an Wanderzwang, Gesellenstück, Meisterprüfung festge⸗ halten worden. Der Handwerker sollte und mußte seine rein manuelle Arbeitsgeschicklichkeit kultivieren, das technische Können war auf die Empirie, die Einzelerfahrung des Menschen, aufgebant, wurde von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht durch die persönliche Lehre übertragen.

Unter dem Zeichen des Kapitalismus sind nicht nur die Hand⸗ werksbetriebe als Wirtschaftsunternehmungen zerschlagen worden, sondern auch die Technik hat sich in ihrer Wesensart geändert, es ist das dritte Entwicklungsstadium, die rationelle Technik.

Jetzt wird die Maschine in die Arbeitsstätten überall hinein⸗ gebracht, die Maschine soll Menschenkraft und Menschenarbeit er⸗ setzen und verdrängen. Unabhängig von der Willkür der Natur, von der Unbeständigkeit der Naturkräfte werden die Arbeitsformen planvoll nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten entwickelt, die Technik wird zu einem wissenschaftlichen Verfahren ausgebildet: rationell wird überall zu arbeiten gesucht, mit dem Erfolge der höchsten Wirt⸗ schaftlichkeit.

Am Anfang der kapitalistischen Entwicklung in der Anwendung der rationellen Technik stand die Dampfmaschine. Matschoß nennt in seinem großen WerkeDie Geschichte der Dampfmaschine die Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundertdie Nutzbar⸗ machung der Sonnenenergie vergangener Jahrmillionen für mensch⸗ liche Bedürfnisse, eines der bestimmenden Ereignisse in der Welt⸗ geschichte, deren weittragende Bedeutung man kaum überschätzen lann. Jetzt begaunen die unzähligen eisernen Sklaven, die uner

müdlich Tag und Nacht ihre.

Brot zufrieden sind, in den während die großen englischen Künstler des 18. vornehm müßigen Herren und schönen lächelnden m bauten die Ingenkeure und Arbeiter in entlegenen rußigen stätten der neuen Zeit der Arbeit ihr eisernes Kleid. Gerade bei der Dampfmaschine läßt sich die Verwirklichung bes rationellen Prinzips und der kapjtalistischen Technik klar erkennen. Die Dampfmaschine ist eine Kraftmaschine. Wärme, die in der Kohle seit Jahrmillsonen aufgesparte Sonnenenergie, wird in mechanische Arbeit umgewandelt. Mechanische Kräfte und Kraft⸗ maschinen hat auch die frühere Volkswirtschaft gebraucht, der Wind ist zum Treiben von Windmühlen und Segelschiffen verwendet, das

Wasser in Wasserräder geleitet worden. Die Verwendung dieser

Kraftmaschinen in der kapitalistischen Wirtschaft aber ist schon aus dem Grunde ungeeignet, weil Wind- und Wasserräder unbeständig sind. Der Wind kann ausbleiben, das Wasser austrocknen oder ein⸗ frieren. Es ist keine Ordnung in diese eigenwilligen Naturkräfte zu bringen. Ferner sind wir bei der Verwendung dieser Kraft⸗ maschinen an örtliche Grenzen gebunden: wo die Windmühle und das Wasserrad steht, müssen wir die erzeugten mechanischen Kräfte abnehmen, Standort und Größe der verfllgbaren Kräfte wird uns also von der Natur vorgeschrieben. Ein regelrecht modern organi⸗ sierter Betrieb im kapitalistischen Sinn läßt sich mit solchen Hilfs⸗ mitteln nicht durchführen.

Dem gegenüber die Dampfmaschine! Unabhängig von der Willkitr der Natur und unbeschränkt in ihrem Standort, können wir die Dampfmaschine überall aufstellen, wir geben ihr Kohle zur Nahrung und sie arbeitet. Es war den Dampfmaschinenbauern möglich, die Maschine zu vergrößern, viele Krafteinheiten zusammen⸗ zudrängen, eine Kraftsteigerung durchzuführen. Als für den Verg⸗ bau die Dampfmaschine die Retterin aus der Not im Kampf gegen das Grubenwasser sein sollte und später für Förderzwecke Verwen⸗ dung fand, da mußte die Dampfmaschine eine Kraftsteigerung mög⸗ lich machen.

Die Arbeit vieler Haspelzieher, Grubenpferde, Pferdejungen, Pferdeknechte sollte einer Maschine übertragen werden, einer ein⸗ zigen Kraftquelle! Und in ihrer Arbeit sollte diese Kraftmaschine ökonomisch wirtschaften, keine unnötige Kraft vergeuden, keine un⸗ nötige Minute verfäumen, in ihrem Anschaffungspreis, in ihren

Betriebskosten, im Kohlenverbrauch billig und sparsam sein, mög⸗

lichst viel Arbeit zuverlässig und regelmäßig leisten.

So entsteht also auch im Zeitalter des Kapitalismus ein ga neuer Repräsentant der Technik: der moderne Ingenieur. Er 1 kein Künstler und Baumelster wie zu den Zeiten der alten Griechen und Römer, kein Kunstmeister und Empirkker wie noch in der früh⸗ kapitalistischen Technik, er ist ein wissenschaftlicher Mietling im Dienste des Kapitalismus geworden. Denn die Technik ist jetzt eine Wissenschaft.

Schulen werden gegründet, technische Schulen. Wunderbar organisiert arbeitet Wissenschaft und Praxis zusammen. Die Er⸗ fahrungen der technischen Arbeit werden jedermann zugänglich, wer⸗ den gelehrt und gepredigt. In immer neuen Erscheinungssormen bildet die Technik für die Praxis Arbeitsmaschinen und Arbelts⸗ methoden aus, das Prinzip der höchsten Wirtschaftlichkest herrscht, Zahlen regieren die Welt der Technik, ruhelos und ungestüm poll⸗ zieht sich der Kampf um den technischen Fortschritt, um die befferen Maschinen, um die leistungsfählgeren Arbeitsmittel, um den Sieg des Ratlonalismus.

Eine christliche Betrachtung über den Sozialismus.

In derChristlichen Welt unterfucht Pfarrer Kötschke die FrageWar Jesus sozial?. Er bejaht diese Frage. Ge⸗ legentlich dieser Erörterung über die soziale Seite der christ⸗

lichen Lehren werden über den Sozialismus im abe. 5

die folgenden Ausführungen gemacht:

Das Christentum ist regelmäßig in Pharisäismus ver⸗ fallen, wenn es unsozial geworden ist. Natürlich hat Jesus keine Anweisungen gegeben, wie die unteren Schichten in die Höhe kommen könnten. Er war kein Politiker. Bei ihm sollte das Reich Goltes durch überweltliches Eingreifen Gottes errichtet werden. Aber das bleibt bestehen, daß Jesus der.

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