85 mit Wasserklosett und Bad, vermietet wurden.
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
ilummer 26
Dienstag, den 30. Juni 1914
3. Jahrgang
Gemeindesozialismus.
In Bradford, einem Hauptsitze der Textilindustrie in Mittelengland mit 300 000 Einwohnern, geht die Beteiligung der Sozialisten an der Gemeindearbeit, von der W. Leach im Labour Leader erzählt, auf den Anfang der neunziger Jahre zurück. 1891 wurden zuerst zwei Kandidaten aufge— stellt, die unterlagen. 1892 wurde bei einer Nachwahl ein Vertreter ohne Gegenkandidaten, bald darauf F. W. Jowett jetzt Vorsitzender des Parlamentarischen Komitees der unabhängigen Arbeiterpartei, mit ansehnlicher Mehrheit gewählt. Heute zählt die Fraktion 20 unter 84 Stadtverord— neten. Sie leidet unter der Wahlbezirkseinteilung; nach der Stimmenzahl müßte sie 36 Mitglieder zählen, also der Mehr⸗ heit nahe sein. Indeß hat die stetig wachsende Fraktion, wenngleich eine Minderheit, in planvoller und grundsätzlicher Arbeit eine Reihe wichtiger Verbesserungen, zum Teil als
erste in England, durchgesetzt. Wohl waren eine Anzahl Ge— meindebetriebe, so die Erzeugung von Gas, Elektrizität, Wasserversorgung, Bäder, Bibliotheken, Friedhöfe, Kranken- haus, Märkte, Müllbeseitigung, schon vorhanden, ehe die Partei entscheidenden Einfluß erhielt, doch hat sie an deren gewaltiger Ausdehnung erheblichen Anteil. Der erste große Sieg wurde nach hartem Kampfe 1898 erfochten, als der Ge— samtbetrieb der Asche⸗ und Abfallbeseitigung von privaten Unternehmern auf die Stadt übertragen wurde. Die Arbeits- und Lohnbedingungen der Arbeiter wurden gründlich verbessert: ein Verdienst des sozialistischen Stadt⸗ rats Hayburst, der mehrere Jahre Leiter des Verwaltungs— komitees dieses neuen Betriebes war. 1899 wurde die Ge- werbeschule städtisch, 1902 die Straßenbahnen übernommen, das erst nach hartem Kampfe gegen die führenden Mitglieder beider bürgerlichen Parteien, viele davon selbst Aktionäre, gelang. Eine glänzende Entwicklung städtischen Straßenbahnen gibt Zeugnis von dem Werte sozialistischer Gemeindewirtschaft. 1903 folgte eine städtische Milchwirtschaft, die indeß von den Bürgerlichen auf den Vertrieb von sterilisierter und Kindermilch beschränkt wurde. Kindermilch wird zum halben Selbstkostenpreise, an arme Mütter unentgeltlich abgegeben, sodaß dabei natürlich Geld zugesetzt wird.
Ein großer Schritt vorwärts geschah durch städtischen Wohnungsbau. Unter Jowetts Vorsitz veranstaltete die Gesundheitsokmmission eine Wohnungsuntersuchung, die schreckliche Dinge zutage förderte. Darauf wurde die Errich—
tung von zunächst 66 Arbeiterhäuschen beschlossen, die 1904
fertig und für wöchentlich 5½ Sh.(23½ Mark monatlich), Diese Häuser gaben Anlaß zu einem heftigen Kampfe der Bodenspekulanten, der die Errichtung weiterer 130 Mietwohnungen, die demnächst 5 a 200 steigen sollen, durch die Gemeinde nicht gehindert hat. Anmerbin ist es dem Einflusse des Bodenkapitals gelungen,
energische Maßregeln hintanzuhalten.„Das Wohnungs- und Städtegesetz ist tatsächlich bisher toter Buchstabe geblieben trotz unserer wiederholten verzweifelten Versuche, mit seinen schwächlichen, verwässerten Vorschriften etwas anzufangen.“
Die bedeutendsten Erfolge erzielte die Partei auf dem Gebiete der Schule, namentlich dank dem begeisternden Einflusse, den Margaret Memillan in den neunziger, Jahren ausübte. Von ihr ging der Gedanke der Schul— speisung aus, der für England neu war und jetzt nahe daran ist, das ganze Land zu erobern. Erst 1906 wurde auf Antrag der Arbeiterfraktion den Städten das Recht gegeben, diese Einrichtung zu schaffen. Die Agitation hierfür war von Bradford ausgegangen. Durch sie wurde auch verhindert, daß der Vollzug des Gesetzes den Armen, statt den Schulbehörden zugewiesen wurde. Bradford war auch die erste Stadt, die das Gesetz zur Anwendung brachte, und es setzte sich hierbei über manche engherzige Bestimmungen hinweg, namentlich die Be— grenzung der Ausgabe auf die Halbpennyrate(4 Pence Mehr ⸗ steuer auf ein Pfund Einkommen, also ein Fünftel Prozent). Ebenso war es die erste Stadt, die eine Schulklinik und zahnärztliche Versorgung der Kinder einführte. Heute sind 5 Aerzte, 2 Zahnärzte und 5 Pflegerinnen beschäftigt. Es besitzt die größten und besteingerichteten Schwimm- und Brause bäder. Eine Reihe weiterer Verbesserungen ist auf dem Wege, darunter Landschulen, mehr Freiluft⸗ schulen mit Wohn gelegenheit, eine Krüppelschule, ein umfassendes System von Bezirkskliniken. Inzwischen zeigt sich die Wirkung des Geschaffenen in wesentlicher Steige— rung von Gewicht, Länge und Brustumfang der Kinder der Stadt.— Es gibt 13 Mittelschulen, von denen 8 der Stadt gehören, die auch die anderen unterstützt. In den städti⸗ schen Schulen gelang es der zähen Agitation, den Anteil der Freiplätze, der sonst kaum viel mehr als die vom Gesetze geforderten 25 Prozent betragen würde, auf 70—80 Prozent zu erhöhen, und die volle Unentgeltlichkeit steht in naher Aus— sicht.
Wichtig ist auch die städtische Säuglingsbera⸗ tungsstelle, die zwei Aerztinnen und eine Reihe Pflege- rinnen beschäftigt und sich in rascher Entwicklung zu einer städtischen Kinderklinik, der ersten im Lande, wenn nicht überhaupt, befindet.
„Hervorragenden Anteil am Wachstum der Bradfordet Arbeiterbewegung hat die prächtige Gemeinschaft zwi⸗ schen der Unabhängigen Arbeiterpartei und dem Ge⸗ werkschaftskartell. In den Augen der Gegner sind beide nicht zu unterscheiden, und so soll es auch sein. Unter gemeinsamem Banner für dieselbe Sache kämpfend, hat die Gesamtbewegung in jeder Weise Worteil gehabt und fährt fort, zu wachsen und zu treiben. Partei und Gewerkschaften haben einander geholfen und dabei beide gewonnen.“


