Ausgabe 
1-30 (23.6.1914)
 
Einzelbild herunterladen

7

elwas von Kunst verstehen wollen, den graphischen Künsten gegen über eine vollkommene Hilflosigkeit herrscht. Aber nicht in die wohlberechtigten Klagen der Künstler einzustimmen soll hier der Zweck der Uebung sein. Jetzt, wo sich die Massen wieder monate⸗ lang durch die großen Kunstausstellungen wälzen werden, jetzt, wo die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig die graphische Kunst der ganzen Welt in reicher, nie dagewesener Voll⸗ ständigkeit und Reichhaltigkeit vereinigt, auf die künstlerischen und ästhetischen Werte aufmerksam zu machen, das ist viel wichtiger. Wieviele unserer wohlhabenden Zeitgenossen setzen so gern ihren Ehrgeiz darein, ein Original zu besitzen. Für ein gutes Gemälde reichts nicht oder man will nicht soviel zahlen und flugs tritt der elendeste erbärmlichste Kitsch an seine Stelle. Aber für jene be⸗ sonderen Schönheiten, für die Arbeiten, die das intimste Schaffen des Künstlers vermitteln, hat man in Deutschland nichts übrig Das ist betrüblich, besonders wenn man weiß, wie in Frankreich, in England und auch in Amerika selbst der bescheidene Kunstfreund viel mehr dafür zu haben ist.

Der Maler des deutschen Kleinbürgertums.

Wohl kein anderer deutscher Maler hat so den Beifall und die Verehrung des Kleinbürgertums errungen als Adrian Ludwig Richter, dessen 30. Todestag sich am 19. Juni gejährt hat. Klär⸗ licher Weise! Aufgewachsen in dem spießbürgerlichen Dresden des Vormärzes, war er gleich dem Titanen Hebbel dazu verurteilt, in einer Zeit sein Talent zur Entfaltung zu bringen, in der die klein bürgerliche Weltanschauung noch einmal ihre letzten Triumphe feierte, von der Hebbel in seinem Gyges das treffende Worte vom Schlaf der Welt sprach.

Diese schlafende Welt hat die Künstlerhand Richters in seinen Schilderungen deutschen Familienlebens und sonniger Kinderspiele festgehalten. In ihm fand das Kleinbürgertum einen seiner liebenswürdigsten Vertreter, dessen Persönlichkeit freilich ebenso wie seine Klasse unter ihrer ideologischen Beschränktheit litt. Der Keim zu Richters Künstlertum wurde in seinem Vaterhause gelegt. Am 28. September 1803 als Sohn des in bescheidenen Verhältnissen lebenden Kupferstechers C. A. Richter geboren, mußte er schon sehr früh in der Werkstätte seines Vaters mitschaffen und zwar durch Radieren vonAnsichten und Prospekten. Mehr noch als die mangelhafte Kunstunterweisung, die ihm sein Vater geben konnte, wirkte auf den jungen Richter das eigentümliche Familien-Milieu, in dem er aufwuchs. Sein Großvater, ein alter Kupferdrucker, Uhrenliebhaber und Alchymist und auch die Großmutter galten als Originale, deren Wohnung der Treffpunkt anderer stadtbekannter Dresdener Persönlichkeiten war. Dies Familientreiben, von dem uns Richter in einer lesenswerten Selbstbiographie ein ergötzlich Bild entwarf, erklärt uns manches Charakteristische an seiner Kunst. In seinen späteren Zeichnungen und Radierungen hat er viele der gutmütigen Philister und komischen Käuze, mit denen er in seiner Jugend in Berührung kam, verewigt.

Ehe er jedoch jene Höhe erklomm, die ihn zum Gestalter der im Elternhause eingeatmeten Athmosphäre werden ließ, hat er lange studiert. Nach kurzen Reisen in Frankreich und in den Alpen war es ihm durch die Unterstützung seines väterlichen Freundes des Papa Arnold möglich, von 1823 bis 1820 in Italien malerischen Studien zu obliegen. Er geriet anfänglich in den Kreis derNaza⸗ rener und anderer Maler, die eine neue monumentale Kunst schaffen wollten, löste sich aber bald von ihnen ab, da er als sein ureigendstes Gebiet die Gestaltung deutscher Natur und deutschen Volkslebens erkannte. Züruckgekehrt erhielt er 1828 eine An⸗ stellung an der Zeichenschule der Meißener Porzellanfabrik, 1830 eine solche an der Dresdener Akademie, um dann der Verherrlicher deutscher Eigentümlichkeiten bis an sein Lebensende zu bleiben. Vor allem ist Richter die Wiederbelebung der alten Holzschnittkunst zu danken. Seine geringen Einkünfte als Maler er bezog in Meißen nur 200 Thaler Gehalt zwangen ihn, durch Illustratio⸗ nen von Märchenbüchern und Kalendern seine Verhältnisse zu ver⸗ bessern. Eifrigste Uebung machte ihn zum Meister der klaren, ein⸗ fachen Holzschnitttechnik. Sie lag ihm auch mehr als die Schaffung großer Oelbilder. In ihr konnte er seine Kindheitserinnerungen stilgemäß wieder aufleben lassen, jene Kinder und Greise. die uns in ihrer philiströsen Originalität in seinen Lebensschilderungen charakterisiert werden. Denn das ist das Auffallende an den

Richterschen Zeichnungen. daß uns die Menschen nur im Stadium.

der Kindheit oder des höchsten Greisenalters gezeigt werden. Den aufrechten, selbstbewußten Mann oder die reife Frau suchen wir vergebens. Es ist, als ob in den niedrigen Stuben und der stickigen Luft der Reaktionszeit ganze Menschen nicht zur Entfaltung kom⸗ ö men könnten. Deshalb können uns die Kinderbilder Richters ein Sinnbild für die politische Kinderstube sein, die Deutschland damals war. ö So zeigt uns auch die Würdigung dieses deutschesten aller Maler des 19. Jahrhunderts die Zusammenhänge auf, die selbst zwischen der bildenden Kunst und den gesellschaftlichen Zuständen eines Landes bestehen. Richter ist hochbetagt am 19. Juni 1884 zu Loschwitz bei Dres⸗ den gestorben. Seine bekanntesten Werke sind:Ueberfahrt beim Schreckenstein undFrühlingslandschaftemit Brautzug in der Dresdener Galerie, derBlickim Riesen⸗ gebirge in der Berliner Nationalgalerie u. a. Sehr bekannt geworden sind vor allem seine Illustrationen der Bechsteinschen

und Musäusschen Märchen, sowie seine Harzlandschaften und lusti⸗ gen Kinderszenen.

Aus unserer Sammelmappe.

Grundeigentum. 5 Ellis O. Jones erzählt im Brüsseler Peuple(Volk) von einem f Marsbewohner, der während seiner Reisen in ein schönes und a

großes Land unserer Erde kam. Majestätische Flüsse bewässerten

den Boden und, wohin der Blick auch traf, überall sah der Mars⸗

mensch eine reiche Fruchtbarkeit. Er ging fröhlich singend seines

Weges, da begegnete ihm ein Bewohner der Erde, dessen Angesicht

eine tiefe Bedrücktheit zeigte. Guten Tag! rief der Marsianer. Guten Tag! f Was fehlt Ihnen denn? f Ich habe Hunger.

Warum essen Sie denn nicht? N ö Kein Geld! l Arbeiten Sie doch, dann haben Sie welches. ö Ich kann keine Arbeit finden. f

Aber dann arbeiten Sie doch auf den kultivierten Ländereien. Säen Sie Getreide. Mais, pflanzen Sie Kartoffeln und andere nütz⸗ liche Pflanzen. Machen Sie doch das!

Der Grundbesitzer weigert sich, mich einzustellen.

Was?

Ja, der Grundbesitzer läßt mich das Land nicht bebauen.

Wer ist dieser Besitzer von Grund und Boden?

Der, dem das Land gehört.

Das verstehe ich nicht! Ihr sagt doch hier auf Erden, daß Gott die Erde geschaffen habe?

Ja, so sagt man.

Und hat er die Erde dann nicht für alle seine Kinder ge⸗ schassen, damit sie ihre Nahrung gewinnen?

Ich habe davon reden hören. Es ist möglich. Ich aber weiß davon nichts

Wie kommt es denn, daß sich so ein Individuum zum Land⸗ und Grundeigentümer aufwirft?

Das Gesetz gibt ihm das Recht dazu.

Und wer macht das Gesetz?

Nun, wir!

Wer sind dieWir?

Die Wähler ich und die anderen.

Und ihr, das souveräne Volk, ihr macht Gesetze, die ein großes fruchtbares Land einem einzigen Menschen überliefern, und zwar mit der Machtbefugnis, euch zu verhindern, diesen Grund und Boden zu bearbeiten. Und ihr anderen lauft umher, bettelt um Arbeit, sterbt vor Hunger ist denn das möglich? 5.

Es ist so, Herr! a

Nun, wenn ihr so verrückt seid, daß ihr lieber zugrunde geht vor Hunger, als es zu machen, wie es auf allen anderen Welten* Fall ist dann geschieht euch recht. 0 1

n 1

Wie soll ich das verstehen? 8

Nun, sagte der Marsianer,ich habe einige Millionen Welten besucht bisher: aber diese Erde ist die erste, wo die Bewohner dumm g genug sind, zu erlauben, daß sich einige Leute in den Vesitz von Grund und Boden setzen und die große Mehrzahl hindern, das Land 1 zu bebauen, so daß sie sterben vor Hunger. 12