e
Wissen istsnachtf
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 25
Dienstag, den 23. Zuni 1914
3. Jahrgang
Die„unrichtige“ sozialistische Lehre.
Die Verteilung des versteuerten Ein ⸗ kommens hat im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eine Verschiebung erfahren, auf die seitens der Hauptnutznießer des herrschenden Systems bei jeder passenden und unpassen⸗ den Gelegenheit als ein Beweis für die„Unrichtigkeit der sozialistischen Lehren“ hingewiesen wird. Man bedient sich dabei vornehmlich der Ergebnisse der preußischen Einkom- mensteuerstatistik. Nun ist ja nicht zu bestreiten, daß die Menge der Zensiten mit einem steuerfreien Einkommen (nicht über 900 Mk. jährlich) erheblich geringer geworden ist. Nach Mitteilungen des preußischen Finanzministeriums entfielen auf je Tausend der Gesamtbevölkerung des Staates 1896: 672, 1913: 381 mit einem Jahreseinkommen von nicht über 900 Mk. Das Bild wird aber schon ungünstiger, wenn
man nur die Haushaltungsvorstände und selbständigen Einzelpersonen herausgreift. Dann bleiben unter der steuerpflichtigen Einkommengrenze von 1000 1896 1913 im Staate überhaupt 751 505 in den Städten 692 441 in den Landgemeinden und Gutsbezirken 803 583 Ueber die Hälfte aller Haushaltungsvorstände und selbständiger Einzelpersonen im Staate hatten demnach selbst 1913 noch nicht das Existenzminimum, welches der
Fiskus selber als steuerfrei erklärt hat! Und das in einer Zeit, wo des Rühmens über den gewaltig gestiegenen„Natio— nalreichtum“ kein Ende ist. Nur 1,4 pro 1000 der Zensiten hatten 1913 ein Jahreseinkommen von 30 500 bis 100 000 Mark und 0,3 pro 1000 gaben ein steuerpflichtiges Einkom- men von über 100 000 Mk. an. Die Deklaration zur Wehr⸗ steuer hat den Nachweis gebracht, daß ungeheure Ein⸗ kommens⸗ und Vermögensbeträge bisher der regelrechten Besteuerung entzogen wurden. Hingegen kann man die Be⸗ steuerung der gewerblichen Arbeitermassen als mit ihrem Einkommen übereinstimmend betrachten, da die Unternehmer gesetzlich verpflichtet sind, der Steuerbehörde die Lohnsumme ihrer Arbeiter auf Heller und Pfennig mitzuteilen. Da so auch die Ueberschichtverdienste, die in den letzten Jahren nachweislich erheblich waren, zur Steuer herangezogen wer— den, so wird schon aus diesem Grunde die geminderte Zahl der steuerfreien Mindesteinkommen in ein ungünstigeres Licht gestellt.
Nun gibt aber die amtliche Zeitschrift für die preußische Statistik auch die Bewegung der Lebensmittelpreise im Staate an und da stellt sich folgendes heraus. Es wurden in Preußen durchschnittlich bezahlt für:
1896 1913 Verteuerung. Weizen, 1000 Kilo 153 Mk. 196 Mk. 43 Mk. Roggen 1000„ 122„ 165„ 3 5 1000 130 b 3 8 artoffel,—— 5 Pfg. 8 Pfg. 3 Pfg. Rindfleisch,„ Hammelfleisch, 1 121 12„ 76„ Kalbfleisch, 1 1 201„ 82„ Schweinefleisch 1 20„ 1 53„ Eßbntter, 1 210„ 3— Eier, 1 Schock 336„ 499„ 153„
Diese Preissteigerungen bedeuten im einzelnen eine Entwertung des Geldlohnes von bis fast 70 Prozent, oder im Mittel von zirka 40 Prozent im Laufe der fraglichen Zeit. Nehmen wir auch nur ein Drittel an, so ist damit gesagt,
daß 1913 ein Einkommen von 1200 Mk. nicht mehr Kauf- kraft besaß, wie 1896 das 900 Mark⸗Einkommen! Dement⸗ sprechend müßte die steuerfreie Einkommenshöhe wenigstens auf 1200 Mk. begrenzt werden, was die sozialdemokratischen Parlamentsmitglieder wiederholt beantragten. Würde aber die Steuerbefreiung gemäß dem gesunkenen Geldwert er— folgen, dann stellte sich heraus, daß die jetzige Steuerstatistik ein viel zu günstiges Bild von der wirtschaftlichen Lage der breiten Volksmassen bietet.
Eine schweizerische Arbeiter-Kunstausstellung in Zürich.
a. K. Der kulturelle Aufstieg der Arbeiterklasse findet in ihrer steigenden Anteilnahme an Literatur und bildender Kunst einen deutlichen Ausdruck. Ist es auch selbstverständlich, daß nur in ganz vereinzelten Fällen Proletariersprossen unter dem Drucke von Ar⸗ beit und Not Zeit und Kraft zu großen Kunstleistungen gewinnen können, die bei aller Begabung doch auch der äußeren Bedingungen von Ausbildung und Muße bedürsen, so beweist allein die Tatsache, daß dort in erheblichem Maße ernsthaft künstlerische Bestrebungen gepflegt werden, daß hier Grundlagen einer neuen, höheren Massen⸗ kultur vorhanden sind, auf denen sich unter gesunden Gesellschafts⸗ verhältnissen bisher ungeahnte Menschenwerte werden gewinnen lassen. Nachdem die tschechische Sozialdemokratie schon seit einer Reihe von Jahren durch große Gewerbe- und Kunstausstellungen den Anteil der Arbeiterklasse an der Kulturarbeit ins Licht gesetzt hatte, war es in Deutschland zuerst Dr. Levenstein, der durch eine private Veranstaltung in gleicher Richtung wirkte, zudem auch durch Beschaffung von biographischem Material und Selbstbekennt⸗ nissen(worin Paul Göhres große Sammlung von Arbeiter- biographien vorausgegangen war), Beiträge zur Erkenntnis der Seele des heutigen Proletariats lieferte. In räumlich beschränkter, aber inhaltlich erweiterter Weise wurde in der Ausstellung für Hessen und Nassau in Frankfurt a. M. weiteres Material bei⸗ gebracht. Und nun soll durch die am 7. Juni im großen Kunsthause in Zürich eröffnete schweizerische Arbeiterkunstaus⸗ stellung in eigenartiger Weise ein neuer Ausblick eröffnet und zugleich weitere Arbeit gefördert werden. Es handelt sich dabei, wie das Volksrecht schreibt, nicht um eine Kunstausstellung im herkömm⸗ lichen Sinne, sondern um eine Art Arbeiter⸗Kultu rausstellung, bei der nicht allein die ausgestellten Werke selbst, sondern der ganze Eutwicklungsgang und das ganze Innenleben des schaffenden Ar⸗ beiters zu dem Besucher sprechen sollen. Daher hat jeder Aussteller einen kurzen Lebenslauf beizufügen und einen ausführlichen Fragebogen zu beantworten, der die äußeren Umstände und die inneren Motive seines Schaffens klarlegen soll. Daher wird u. a. gefragt:„Was hat Sie zur Kunst geführt? Lag Ihnen daran, nur Lin schönes oder interessantes Bild zu schaffen, oder wollten Sie durch das Bild irgend einem Gefühl, einer Absicht oder einer Idee Ausdruck geben?“ Von 1800 eingesandten Arbeiten wur⸗ den 680 von 260 bis 280 Urhebern angenommen.
Die Ausstellung bezweckt in keiner Weise dem künstlerisch schaffenden Arbeiter die Fata Morgana einer auf die Kunst auf⸗ gebauten Existenz zu öffnen. Alles, was in diese Richtung leiten könnte, ist vermieden. Wohl aber soll, um den befähigten Arbeitern die Höherentwicklung zu erleichtern, eine ständige Organisation der Arbeiterkünstler geschaffen werden. Diese soll nur solche Künstler aufnehmen, die ihre Kunst als Mußebeschäftigung neben einer Berufsarbeit ausüben.„Sie soll die prole⸗ tarische Kunstbetätigung als solche vertiefen, ihr Stil und Richtung geben und ihr ein Betätigungsfeld suchen, auf dem sie sich selbst genügt. Ihr Ideal wird eine Kunst sein, die in der industriellen oder kaufmännischen Erwerbsarbeit des Künstlers kein Hemmnis seines Schaffens, sondern eine Quelle seiner Eigenart und Kraft findet.“ Wobei freilich Voraussetzung ist, daß diese Berufsarbeit nach Art und Dauer einer freien Kunstübung keine allzu großen Hemmnisse bereitet.
Wie das vorliegende Material ergibt, lassen sich zwei große Hauptrichtungen erkennen: die eine mit Vorliebe für das Einfache mit Vermeidung aller Probleme, bei anderen eine Neigung zu äußerst komplizierten und selbst phantastischen Problemen. So stellte ein Eisenbahner ein einziges Bild aus, das


