zum Beispiel der laterale, also seitswärts gelegene, Seh⸗ flächen⸗Anteil beim Europäer weniger als 10 Prozent des ganzen Sehfeldes ein, bei den Naturvölkern dagegen 27 Pro— zeit und bei den Schimpansen über 60 Prozent. Während also beim Europäergehirn fast das ganze Sehfeld an der Innenfläche liegt, reicht bei den Naturvölkern schon ein be⸗ trächtlicher Teil über den Okzipitalpol nach außen, und bei den Affen ist sogar der Hauptteil nach außen verlegt. Auch in solchen Unterschieden ist unzweifelhaft ein Hinweis auf die Entwicklungsreihe zu erblicken.
Das sind einige der ersten Meilensteine auf dem neuen Weg, den die Gehirnanatomie in Zukunft zu beschreiten hat. Noch ist ihr der Weg völlig unbekannt, sie muß mit Vorsicht Meilenstein nach Meilenstein aufrichten. Noch ist nicht ein. mal die genaue Begrenzung der einzelnen Gehirnfelder mög⸗ lich, noch kann eine Beziehung zu einander und zu denen an⸗ derer Tiere nicht festgestellt werden. Es wird also wohl einer langen Forscherarbeit bedürfen, ehe auf diesem Gebiete eine solche Höhe der Kenntnisse erreicht ist, die es uns gestattet, das höher entwickelte Tier von niedriger entwickelten zu unter⸗ scheiden und das Genie aus dem Durchschnitt herauszufinden.
Die Edertalsperre, die größte Talsperre Europas. (Zu der bevorstehenden Einweihung der Waldecker-Talsperre.)
Wir leben in einer rastlos vorwärts schreitenden Zeit, für die man den besonderen, ebenso unschönen wie undeutschen Ausdruck „schnellebig“ eigens geprägt hat. Indessen unrichtig ist dieses Wort sicherlich nicht. Auf allen Gebieten des menschlichen Lebens über⸗ schlagen sich Vorgänge und Ereignisse förmlich. Was uns heute noch als eine besondere Errungenschaft gilt, das ist morgen viel⸗ leicht schon überholt. Vor etwa Jahresfrist, im Juli 1913, wurde die Möhnetalsperre, in der Nähe von Dortmund, ihrer Bestimmung übergeben. Damals war sie mit einem Stauinhalt von 130 Mil⸗ lionen Kubikmeter die größte Talsperre Europas. Aber nicht ein⸗ mal ein ganzes Jahr hat die Möhnetalsperre diesen Ruf zu be⸗ haupten vermocht. Inzwischen ist in einem der kleinsten Bundes⸗ staaten des Deutschen Reiches, dem Fürstentum Waldeck, die Edertalsperre vollendet, die einen Stauinhalt von über 200 Mil⸗ lionen Kubikmeter haben wird. Bleibt die Edertalsperre mit dieser Zahl auch weit hinter den amerikanischen Talsperren zurück, so ist sie doch gegenwärtig die größte Talsperre Europas.
Die„amtliche“ Bezeichnung— in Preußen-Deutschland muß bekanntlich alles amtlich gestempelt sein— lautet übrigens nicht Edertalsperre, sondern„Waldecker Talsperre“. Die Bezeichnung Edertalsperre ist jedoch weit geläufiger und auch gebräuchlicher. Welche Gründe den preußischen Eisenbahnminister veranlaßt haben mögen, die ältere und schon eingebürgerte Bezeichnung zu ändern, das werden wahrscheinlich nicht einmal die Götter wissen. Aller⸗ dings liegen zwei Drittel des Staubeckens auf waldeckschem und nur ein Drittel auf preußischem Gebiet. Vielleicht hat man dem ziemlich ruhmlosen Waldeck durch die Benennung der Talsperre zu der bisher mangelnden Berühmtheit verhelfen wollen. Jeden⸗ falls war die Bezeichnung Edertalsperre aber wohl berechtigter; denn die neue gewaltige Sperranlage hemmt den wilden Lauf der Eder und sperrt das Edertal. Die Eder— oder Edder, wie sie früher meist genannt wurde— entspringt auf dem Rothaargebirge, sie fließt durch die preußische Provinz Hessen-Nassau, dann durch Waldeck und mündet bei Fulda in die Fulda, einem Nebenfluß der Weser. Im Sommer ist die Eder ein harmloser Fluß, der jedoch allzu oft im Vorfrühjahr zu einem reißenden Strom anschwoll. Seine brausenden Fluten haben dann große Verheerungen ver⸗ ursacht, die neben anderen Gründen Veranlassung zu dem Bau der heutigen Talsperre gewesen sind.
In der Nähe von Heinfurt, von dem Städtchen Waldeck oder dem alten, bekannten Badeorte Wildungen aus gleich schnell, wenn auch nicht sehr bequem zu erreichen, ist die Edertalsperre mit ihren gewaltigen Anlagen errichtet. Dort, wo die Eder am Urenkopf eine kühne Biegung macht, verbindet heute die gewaltige Sperr⸗ mauer die grünen Berge. Stumm und dennoch beredt— das klingt zwar widersinnig, ist aber trotzdem richtig— kündet das mächtige Bauwerk die gewaltige Arbeit, die hier rührige Menschenhände in den letzten Jahren mühsam verrichteten. Erläuternde Zahlen erst zeigen deutlicher, welche Unsumme von Arbeit die Talsperre erstehen ließ. Zunächst mußte man den tiefen Urgrund suchen, be⸗ vor man mit der Aufführung der Mauer beginnen konnte. Hier⸗ bei wurden mehr als 200 000 Kubikmeter Erde und Steine aus⸗ gehoben. In den nahen Bergen brach man fast 300 000 Kubikmeter Steine, die man gemeinsam mit 100 000 Kubikmeter Mörtel für den Bau der Mauer verwandte. An der Sohle mißt die Mauer 270 Meter in der Länge und 34 Meter in der Breite. Die Länge der Mauer an der Krone beträgt 390 Meter, die Breite 5 Meter. Die höchste Höhe der Mauer mißt 42 Meter, 10 Meter mehr als die Möhnetalsperze.
Aber der Bau der Sperrmauer ist nur ein Teil der Riesen⸗ arbeit, die hier verrichtet ist. Man hat nicht nur aufgebaut, son⸗ dern auch zerstört. Ganze Dörfer mußten(wie bei dem Ball der Möhnetalsperre) niedergelegt werden. Die waldeckschen Dörfer Berich und Beringhausen und das preußische Dorf Asel mußten der Stauanlage weichen. Sie gaben preußischen Pionieren und Artilleristen Gelegenheit zu harmloser aber praktischer Betätigung. Die drei Dörfer wurden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Etwa 800 Einwohner trennten sich schweren Herzens von der lieb⸗ gewonnenen Scholle, auf der zumeist auch schon die Eltern und Großeltern gewirtschaftet hatten. Neu-Berich, Neu⸗Berichhausen und Neu-Asel sind in Entfernung von etlichen Kilometern an Stelle der verschwundenen Dörfer erstanden.
Nach diesem Zerstörungswerk konnten sich die Fluten der Eder in das gewaltige Bett des klinstlich geschaffenen Sees er⸗ gießen. Und es ist in der Tat ein gewaltiger See, der hier von Menschenhand geschaffen wurde. Das Staugebiet der Talsperre erstreckt sich über eine Fläche von 1170 Hektar. Rund 240 Hektar Wald und 930 Hektar landwirtschaftlich benutzter Boden mußten geopfert werden. Die Länge des Sees beträgt 27 Kilometer und seine Breite schwankt zwischen 175 Metern und einem Kilometer. Auf diese gewaltige Fläche verteilen sich 202 Millionen Kubik⸗ meter Wasser, das hinter der mächtigen Mauer gestaut ist. In einer Sekunde kann der See 250 Kubikmeter Wasser abgeben. In f der Talsohle befinden sich 6 Rohre mit einem Durchmesser von 1,5 Meter. Außerdem strömt aus 12 Oeffnungen von je 2,50 Meter Breite in der Mitte der Mauer das Wasser stürzend zu Tal. Für eintretendes Hochwasser ist die ganze Mauerkrone als Ueber⸗ fall eingerichtet. Aber zu einem Hochwasser will man es nicht mehr kommen lassen. Für solche Fälle bleiben in Zukunft zur Winters⸗ zeit immer 30 Millionen Kubikmeter reserviert. So bannt man die verheerenden Wirkungen dieses Elements. Selbstverständlich sind auch die Kosten für die gewaltige Stauanlage bedeutend. Sie betragen insgesamt 20 Millionen Mark. Rund 8 Millionen Mark entfallen hiervon auf den Grunderwerb. N
Talsperren sind keine Errungenschaften der Neuzeit. Schon Herodot weiß von ihnen zu berichten. Aber sie dienten ehedem 1 wohl lediglich dem Hochwasserschutz und der Wasserversorgung. Zum Schutz gegen Hochwasser und zur Regulierung der Wasser⸗ versorgung werden auch heute noch die Talsperren zum Teil er⸗ richtet. Aber dies sind nicht mehr ausschließlich die Gründe, die zur Herstellung der gewaltigen Stauanlagen führen. Die Tal- sperren haben über diesen früheren Zweck hinaus eine eminente wirtschaftliche Bedeutung. So hat denn die Edertalsperre nicht zu⸗ letzt eine wichtige Aufgabe für die Versorgung des künstlichen Wassernetzes in Preußen zu erfüllen. Von Hannover wird durch 4 die Weser und durch den Dortmunder—Ems⸗Kanal zum Rhein hin. eine künstliche Wasserstraße angelegt, die neben der Lippe von der Weser gespeist werden soll. Die Weser kann aber aus mehr als 0 einem Grunde diese Aufgabe nicht erfüllen. Hierbei wird die Tal⸗ sperre wertvolle Dienste leisten.
Die planmäßig gesammelten, gewaltigen Wassermengen wer- f den außer der Speisung des Mittellandkanals auch noch ander⸗ weitig zweckmäßige Verwendung finden. Das Wasser wird zune Kraftgewinnung für elektrische Energie dienstbar gemacht. Aus dem Staubecken ergießt sich das Wasser der Turbinenanlagen. Diese Anlagen wieder übertragen die Kraft des stürzenden Wassers auf elektrische Maschinen. Eine große Kraftwerk-Anlage bei Hemfurt ist eigens für diese systematische Umwandlung erbaut. Gemeinsam mit den Kraftwerken an der Mündener—Weserstauanlage und dem an der Diemeltalsperre werden von Hemfurt aus weite Gebiete mit elektrischer Kraft und elektrischem Licht versorgt werden. So ist ein sehr wesentlicher Faktor der Talsperre schließlich noch eine der größten Ueberlandzentralen, die wir in Deutschland zurzeit kennen. Die Höchstleistung des Kraftwerkes bei Hemfurt beträgt nicht weniger als 12 500 Pferdekräfte. Rund vierzig Millionen Kilowattstunden sollen hier erzeugt werden. Das sind Zahlen, die die große Bedeutung der Talsperren nach dieser Richtung illustrieren.
Damit wäre in großen Umrissen ein Bild von der Anlage der größten Talsperre Europas und seiner Bedeutung gegeben. Aber noch eines verdient hervorgehoben zu werden. Man hat diesen mächtigen, künstlichen See mit seinen gewaltigen Nebenanlagen nicht wahl⸗ und planlos erstehen lassen. Seine Anlage fügt sich vielmehr trefflich in das ganze landschaftliche Bild. Mit seinen zahlreichen Landzungen und vielen Buchten wirkt der See, den bald schnelle Motorboote beleben werden, durchaus reizvoll. Die Altane des alten Schlosses Waldeck gewährt einen prächtigen Rund⸗ blick auf die ganze Stauanlage und die überschäumenden Wasser⸗ mengen werden, wenn sie dröhnend die Sperrmauer hinunter⸗ stürzen, ein grandioses Schauspiel bieten. g
So ist die größte Talsperre Europas ein prächtiges Werk fort⸗ schreitender menschlicher Kultur, die hier Großes geschaffen hat, von der wir aber zu Nutzen und Frommen der Allgemeinheit noch Größeres erwarten. Nottebohm, Dortmund.


