Wissenistsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung

nummer 24

Dienstag, den 16. Zuni 19 14

3. Jahrgang

Menschheitserneuerung durch den Sozialismus.

Nicht nur im hohen Schwung der Gesamtbewegung, im starken Rhythmus seines Vordringens, in der Macht, die eine ganze Volksklasse hebt und bewegt, muß die Kulturmission des Sozialismus sich bekunden: auch das Einzelleben muß von ihm, wenn er der Zukunft gewiß sein will, entscheidend bestimmt werden. Daß er die Persönlichkeit formt und sie richtunggebend beeinflußt, dabei aber allen ihren Kräften die mögliche Entfaltung gewährt; daß er denen, die überhaupt der geistigen Erhebung fähig sind, zum großen Ereignis des Lebens werde: das kann der Sozialismus nicht durch Organi- sation und nicht durch Agitation erzwingen; auch die Ver tiefung seiner wissenschaftlichen Lehre vermag es nicht zu leisten. Sondern dieses muß eintreten als selbstverständliche Wirkung der sittlichen und geistigen Kräfte, die der sozialisti⸗ schen Bewegung innewohnen.*

Hat die Bewegung diese große Wirkung ausgelöst? Der imponierende geistige Aufstieg der Arbeiterklasse, die in den Kreisen der Organisierten so viel intensivere Hinwendung zu den Genüssen einer höhern Kultur scheint es auch dem Außen- stehenden anzuzeigen. Der ideale Zug der Opferwilligkeit, den gerade die Gegner oft der sozialistischen Bewegung nach sagen, ist ein weiterer Beweis davon, daß die sozialistische Be⸗ wegung soziale Tugenden weckt. Und die gereiften Männer nicht nur die Führer der Bewegung, sondern erst recht jene Namenlosen, die mit freudiger Begeisterung im Sozialismus die Kraft erkennen, die sie aus Verzagtheit und geistiger Enge zu Lebensmut und Freiheit des Denkens führte wissen aus eigener Erfahrung, wie ihr geistiges und moralisches Sein vom Sozialismus bestimmt wurde, der ihnen alles reicher wiedergab, was vom Lebenssturm als Spreu verweht war: Religion und Vaterland, Vertrauen und Liebe, Hoff nung und Kraft des Gemütes. Aber könnte man nicht metho disch, sozusagen durch ein Experiment, ermitteln, was der So zialismus für das Leben des Einzelnen bedeutete? Wirklich hat vor zwei Jahren ein Herr Doktor den Versuch gemacht: als handle es sich um die Ermittlung der Haushaltungskosten und nicht um unmeßbare Vorgänge tiefinnersten Seelen- lebens, hat er ein Fragenschema ausgearbeitet und damit eine Menge Arbeiter behelligt. Dabei konnte nicht Rechtes her⸗ auskommen.

Es wird schon dabei bleiben müssen, daß wir über den Kreis der persönlichen Erfahrungen hinaus auf Bekenntnis schriften angewiesen sind, gleich jener, die William Brommes Leben schildert. Daria zeigte sich, wie im Vergleich zur vorher erschienenen Lebensgeschichte des Arbeiters Fischer, die gleich jener Brommes von Göhre herausgegeben wurde der Sozialismus den Gesichtskreis ausdehnt und die Lebensziele weitersteckt. Doch Bromme ging die dichterische Kraft ab, die in Fischer steckte. Was Bromme fehlte, das bringt Otto Krille überreich mit. Er hat die Fähigkeit plastischen Gestaltens, eine bedeutende Schilderungskunst und den Blick für das Wesentliche. Wie er nun seinen Lebenslauf beschreibt, den Weg, den der Armenhausbub durch die Drang sal der militärischen Drillanstalt machte, herumgestoßen und ins Innerste verletzt, angeekelt von der platten Erbärmlichkeit und an allen Kanten und Falten des Gemüts wund ge scheuert, am ganzen Leben verzweifelnd bis ihn endlich der Sozialismus erfaßt und hineingeführt in das Ringen um ein höheres, freies Menschentum: das wirkt geradezu

wie eine Offenbarung. Es ist eine urgewaltige Bejahung

der Frage, ob der Sozialismus seinen Bekennern mehr gibt als die bloße Aneiferung für den Kampf um die materielle Existenz; ob er den Massen Strebensziele steckt und Kraft des Strebens gekpährt, die für das Einzelleben und für die ganze Proletarierklasse gleich einer neuen Religion wirken und also den ganzen Menschen erfassen.

Unter dem Joch, Geschichte einer Jugend von Otto Krille. So lautet der Titel des bei Egon& Co. in Berlin erschienenen Buches(geb. 3 Mark). Der Dichter Krille ist unsern Lesern kein Fremder. Daß in der jüngsten Zeit die soziale Saite auf seiner Leier seltener erklang und mehr die rein lyrische ertönte, weiß man auch. Manche hörten aus den neuen Tönen heraus, daß Krilles Entwicklung eine neue Rich⸗ tung nehme, die abseits vom Sozialismus des kämpfenden Proletariats führe. Seiner Bekenntnisschrift, ihrem Wert als Dokument von der geistig befreienden Wirkung des So⸗ zialismus tut das keinen Abbruch.Die Tragik des Arbeiter lebens wäre mir auch ohne sozialdemokratische Lektüre aufge⸗ gangen, doch sie wurde durch diese schneidender, geistig bren⸗ nender. So urteilt er selber, und er spricht damit aus, daß der Sozialismus alle seine Energien herausforderte, alles in Schwingung setzte, as gebunden in ihm lag; und nur so konnte er sich zur Persönlichkeit entwickeln. Freilich war er vorbestimmt zum Jünger der Sozialdemokratie. Wer im Armenhaus des Bauerndorfes einen Teil seiner Kindheit verbringt, dem wird wie demGemeindekind der Ebner Eschenbach die soziale Ungerechtigkeit unvergeßlich eingebleut. Und wer eine so tapfer⸗liebreiche Mutter hat wie Krille, der verfällt nicht der Hundedemut.

Also Krille mußte, zumal im roten Sachsen, zur Sozial- demokratie gelangen. Der Weg über die militärische Er ziehungsanstalt und die nachfolgende Unteroffiziervorschule war nur ein Umweg.Die Sünden der ganzen Dorfjugend waren erst auf die Armenhauskinder abgeladen worden; dann wurde im Städtchen Großenhain, wohin die Mutter sich vor der Bauernhochmut gerettet hat, der Hohn der Realschüler des Barfüßlers Teil. Dennoch: ein Stück Freiheit war dieses Knabenleben, und schmerzvoll genug die dem nach dem Tode des Vaters geborenen Kriegersohn gewährte Aufnahme ins militärische Erziehungsheim. Er fügt sich nur und hält nur aus, damit der Mutter die Sorge erleichtert wird. Sym- pathisch zeichnet Krille manche Aufsichtspersonen der Anstalt, aber im ganzen herrscht dort die Dressur, Kriegszustand zwischen Zöglingen und Erziehungspersonal. Alles ist dar⸗ auf angelegt, die Jungen zum militärischen Kadavergehorsam zu drillen. Auch Litzen und Kinkerlitzchen als Anreiz zum Stre bertum fehlen nicht. Haß gegen die Peiniger, glühender Haß kommt in dem Knaben auf. In ihm klingt und schwingt religi⸗ öses Empfinden, eine Predigt des Dorfpastors versetzt ihn in Schwärmerei. Den ersten Knax kriegt die Gebetsfreudigkeit, als dem Zögling die ersten Hiebe verabreicht werden. Das geschieht in Profossenweise: der Dienstbefehl wird vor ver sammeltem Kriegsvolk verlesen, dann der Delinquent über gelegt und die Strafe vollstreckt.Das erste Schauspiel dieser Art übte auf mich einen unauslöschlichen Eindruck aus. Ich dachte an die mittelalterlichen Bestrafungen vor der Volks- menge. Ich kannte damals die Macht der Gewohnheit noch nicht. Ich wußte nicht, daß sie stärker ist als aller Zorn, stärker als alle Scham; daß sie Ehrgefühl und Menschlichkeit, Stolz und Empfindung mordet. Als Krille selbst an die Reihe. kam, ging es so zu: